unterbrach ihn jedoch Angelika plötzlich mit dem Ausrufe: Weiss es die Herzogin?
Nein, entgegnete der Freiherr, von der Frage nicht angenehm berührt, und ich wünschte auch, dass ihr die Sache wenigstens vorläufig noch verborgen bleibe!
O gewiss, rief die Baronin, und beide, der Freiherr sowohl als Angelika, fühlten sich, wenn auch aus verschiedenen Gründen, eben durch die Erinnerung an die Herzogin verstimmter und gedrückter als zuvor. Die Unterhaltung geriet völlig ins Stocken. Endlich sah der Freiherr nach der Uhr und sagte dann, auf den früheren Gegenstand des Gespräches zurückkehrend: Wie es mir überhaupt willkommen ist, von dem Besitze des Hauses frei zu werden, so ist mir es auch angenehm, dass grade Flies es kaufte. Er hat sich wie immer als einen bequemen Geschäftsmann, hinsichtlich des Kaufpreises auch nicht kleinlich bewiesen, und da er sein hiesiges Geschäft nun aufzugeben denkt, hat er mir freiwillig das Anerbieten getan, Dich Dein Schlüsselgeld – denn ein solches kommt Dir zu – aus seinem Magazine wählen zu lassen, wobei er Dich sicher nicht beschränken wird. Es sind Leuchter, silberne Schalen, Kelche dort, die trefflich für unsern Altar passen und Dir und dem Caplan sicherlich Freude machen würden. Hat der Arzt Dir auszufahren gestattet und fühlst Du Dich dazu geneigt, so möchten wir, da die Herzogin auch Luft zu schöpfen wünscht, vielleicht noch heute diesen kleinen Einkauf abtun, und wir könnten dann auf morgen Mittag unsere Rückreise festsetzen.
Angelika, die sich von jeher gefällig den Anordnungen ihres Gatten gefügt, liess sich dies jetzt immer doppelt angelegen sein. Sie erklärte sich also gleich bereit, die vorgeschlagene Fahrt zu unternehmen, aber es kostete sie eine grosse Ueberwindung; denn im sichern Reichtum, in den geordnetsten Verhältnissen erwachsen, und auferzogen in dem Glauben an die Unantastbarkeit des ererbten Besitzes, war sie von der Nachricht, welche sie eben jetzt erhalten hatte, sehr erschüttert worden. Nur die entschiedenste notwendigkeit konnte ihren Gatten, wie sie glaubte, bewogen haben, das Haus in fremde hände übergehen zu lassen; hatte er doch oftmals es ausgesprochen, wie er es für einen Mann in seiner Stellung geboten finde, in der Residenz ansässig zu sein und dort ein festes Domicil zu haben. Sie hätte ihn gründlich fragen mögen, was denn geschehen sei, sie hätte völlige Auskunft fordern mögen; die Weise, mit welcher der Freiherr die ganze Angelegenheit behandelte, zeigte ihr aber, dass er keine Erörterungen wünsche, und sie wollte ihm nicht beschwerlich fallen, da eine innere stimme ihr verriet, dass es ihm nicht leicht sei, den Gleichmut zu behaupten, den er zu zeigen für angemessen hielt.
Schweigend Unruhe zu ertragen, muss man gesund sein, und Angelika war krank. Ihre Kammerfrau sah sie bedenklich an, als sie ihren Hut und ihren Shawl verlangte, um auszufahren; auch die Herzogin, welche man benachrichtigt hatte, und die gekommen war, die Ausfahrt mitzumachen, warnte davor; indess auf den Ausspruch des Arztes gestützt, der sie freilich in ihrer gegenwärtigen Erregung nicht gesehen hatte, liess sich die Baronin von ihrem Vorhaben nicht abbringen, und dem Freiherrn war daran gelegen, sie und sich selber zu zerstreuen.
Es war um die vierte Nachmittagsstunde, als sein Wagen vor dem Flies'schen haus hielt, und wie immer, wenn er die Arten'sche Familie erkannte, kam der Juwelier heraus, sie zu empfangen und sie selbst in seinen Laden einzuführen. Angelika hatte das stets völlig in der Ordnung gedünkt, heute missfiel ihr die Zuvorkommenheit des Mannes. Sie konnte sich überhaupt einer Abneigung gegen ihn nicht erwehren. Seine Höflichkeit däuchte ihr unwahr, däuchte ihr spöttisch zu sein. Was mochte er in diesem Augenblicke denken? Wie stolz mochte er sich fühlen, und wesshalb kam die Frau herein, die künftig in dem haus wohnen sollte, das Angelika bisher gehört hatte, das ihrem Renatus einst gehören sollte?
So wie jetzt in diesem Momente, war der Baronin noch nie zu Mute gewesen. Es kränkte, es beleidigte sie Alles, selbst der freigebige Gleichmut, mit welchem Herr Flies sie zwischen den wertvollen Gegenständen, die er vor ihr aufstellen liess, zu wählen ersuchte. Nie zuvor in ihrem Leben hatte sie im Verkehr mit den Personen, von denen sie bedient ward, daran gedacht, dass sie vornehm sei, niemals hatte sie sich gefragt, ob man ihr die ihr gebührende Ehrerbietung zolle, niemals hatte sie darauf geachtet, wie ihr Gatte sich benehme. Heute dachte sie daran, heute achtete sie darauf. Denn sie meinte es dem Juwelier dartun zu müssen, dass sie die Freifrau von Arten sei und bleibe, auch wenn er das Haus besitze, das ihr Geschlecht erbaut hatte; sie hielt es für nötig, ihn zu überzeugen, dass sie gleichgültig sei gegen die Wertgegenstände, welche er ihr darbot, und als teile der Freiherr ihre Gedanken, fehlte auch ihm heute die bequeme Leutseligkeit, die ihm sonst überall, wo er erschien, eine so freudige Zuvorkommenheit erweckte.
Die Herzogin, welche mit kleinen Einkäufen für sich beschäftigt war und daneben von Angelika bei ihrer Wahl zu Rate gezogen wurde, wusste nicht, was das veränderte Betragen der Baronin und die Art und Weise bedeuten solle, mit welcher der Freiherr dem Juwelier begegnete, für den er sonst immer ein grosses Wohlwollen geäussert hatte. Sie meinte es auf das Uebelbefinden, auf die Reizbarkeit Angelika's oder auf irgend eine Misshelligkeit zwischen ihr und ihrem Gatten schieben zu müssen,