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mit allem Uebrigen zufrieden; aber er ging dennoch zu Madame Flies, ehe er sich in sein Bureau verfügte, um sie zu benachrichtigen, dass seine Frau mit Paul gesprochen habe und dass Seba es also nicht zu tun brauche, wenn der Knabe dies nicht selbst veranlasse. Denn, sagte er, meine Frau glaubt das zwar nicht, aber ich weiss, der Junge hat Ehrgefühl und Herz, es wird ihn wurmen und er wird's nicht leicht verwinden.

Fünftes Capitel

Wie befindest Du Dich heute? fragte der Freiherr seine Gattin, als sie sich an dem Tage von der Tafel erhoben hatten.

Sie antwortete ihm, dass es ihr nicht übel gehe.

Aber Mama, sagte Renatus, Du hast ja Blut gespieen!

Der Freiherr ward achtsam, denn das war nie zuvor geschehen, und er erkundigte sich lebhaft, ob der Arzt davon benachrichtigt worden sei.

Angelika beruhigte ihn darüber. Sie sagte, wie der Doctor ihr versichert, dass dies gar Nichts auf sich habe, wenn sie sich nur vor heftigen Gemütsbewegungen und vor Erhitzung hüte. Nur so bald als möglich auf das Land zurückzukehren, habe er ihr geraten, und sie selber trage auch danach Verlangen, denn sie habe sich in den Städten niemals wohl befunden.

Der Freiherr meinte, sie sähe eben jetzt erhitzt aus, indess sie wiederholte, dass sie sich erleichtert, ja freier fühle als seit langer Zeit, und nachdem er eine Weile etwas zu überlegen geschienen, sagte er, sich zu ihr wendend:

Da Du Dich nach Richten sehnst, meine Liebe, ist es mir recht erwünscht, dass ich meine Geschäfte hier beendet habe, und dass unserer Abreise von meiner Seite jetzt nichts mehr im Wege steht. Selbst Deine Aussage, dass Du Dich in der Stadt niemals so wohl befunden als in Richten, ist mir sehr erfreulich, – wie sich denn mitunter Alles leicht und geschickt fügt, während manchmal Alles uns zu widerstreben scheint!

Angelika verstand nicht, was der Freiherr meinte oder worauf diese letzte Aeusserung sich beziehen konnte; aber seine Zutraulichkeit, sein ruhiges Eingehen auf die Unterhaltung überraschten sie, denn sein Verkehr mit ihr war seit ihrem Zerwürfniss so kurz und so ganz äusserlich gewesen, dass sie sich nicht erinnern konnte, irgend eine allgemeine Bemerkung von seinen Lippen gehört zu haben, wenn sie sich mit ihm allein befunden hatte. Sie fragte ihn, was ihn zu jener Betrachtung veranlasst habe, und er antwortete:

Ich meinte damit, dass uns oftmals, wenn wir mit irgend einem Entschlusse nicht zu stand kommen können, ein sogenannter Zufall über alle Schwierigkeiten fortilft. geben wir ihm verständig nach, folgen wir seiner Weisung, so werden wir es plötzlich gewahr, dass alle unsere Bedenken auf falschem Boden erwuchsen, und welche Vorteile es uns bringt, welche Erleichterungen sich uns bereiten, wenn wir uns entschliessen, diesen falschen Standpunkt aufzugeben und zu verlassen. Er hielt ein wenig inne und sprach dann, da er die Augen Angelika's mit einer Art von Besorgniss auf sich gerichtet sah, zögernd, aber doch mit anscheinendem Gleichmute: Ich habe mich seit Jahren mit der unnötigen sorge um das Haus der Tante Ester getragen. Jedes Frühjahr, jeder Herbst haben Reparaturen darin nötig gemacht, und es ist ein Capital völlig unbenutzt und ungenossen geblieben, nur damit ein paar alte und zum teil mürrische Domestiken, einige alte Bilder und ein paar alte Kläffer nicht von ihrer Stelle gerückt zu werden brauchen. Die sorge bin ich endlich los!

Du bist der sorge los, und wie das? fragte die Baronin.

Ich habe heute das Haus verkauft! entgegnete er und erhob sich, um ein Notizbuch von einem Seitentische zu holen. Angelika konnte sein Gesicht nicht sehen, er mochte sie auch nicht anblicken, und es war ihm unlieb, dass sie schwieg.

Das gute, alte Haus! sagte sie nach einer Weile.

Du hast es nie geliebt, entgegnete er ihr, wie kannst Du es beklagen?

Ich dachte nur, wie Alles doch so wandelbar und so vergänglich ist! gab sie ihm zur Antwort. – Er blätterte in dem Notizbuche; sie liess ihn gewähren, bis sie endlich mit der Schüchternheit, welche sie dem Freiherrn gegenüber jetzt niemals mehr verliess, leise die Frage aufwarf: Musstest Du das Haus verkaufen, war es denn nicht zu vermeiden, Franz?

Aber er misskannte den Ton der Betrübniss und der sorge, der aus ihren Worten sprach, und ihn für einen Vorwurf haltend, sagte er: Der Kirchenbau in dem unseligen Rotenfeld hat zu viel Geld verschlungen, und die durch Herbert nötig gewordene Entlassung Adam's macht mir grosse Schwierigkeiten. Es blieb mir keine Wahl!

Er wusste, was er ihr mit diesem Ausspruche tat, und er bereute ihn sofort; denn wenn sie auch nicht mehr mit einander zu verkehren vermochten, ohne sich gegenseitig zu verletzen oder doch verletzt zu glauben, nötigte der Zustand der Baronin ihm dennoch Teilnahme und Rücksicht ab. Er versuchte es also, sie mit seinen Worten und mit dem Ereigniss auszusöhnen, indem er leichtin von gewissen Einzelheiten der Gutsverwaltung und seiner Geschäftsverhältnisse zu reden anhob, deren er sonst niemals gegen sie erwähnte. Aber weit entfernt, sie zu beruhigen, erhöhten die Mitteilungen nur ihre Besorgnisse. Er liess sie bemerken, dass sie in Mamsell Marianne, die er nach den Anordnungen von fräulein Ester jetzt nach Richten nehmen müsse, eine Pflegerin erhalten werde, wie sie dieselbe schon lange nötig gehabt habe; mitten in diesen Auseinandersetzungen