immerfort, hörte er es immerfort um sich erklingen. Sünde und Schande waren es gewesen, die seine Mutter in den Tod getrieben hatten! Eine Sünde war es, dass er auf der Welt war, die Schande heftete sich an ihn, und ihr konnte er nicht entfliehen! – Nun wusste er, wesshalb seine Kameraden ihn immer um seine Eltern fragten, warum sie immer wissen wollten, wo er zu haus sei. Sie hatten alle Mütter, die getraut mit ihren Männern waren, sie hatten alle Väter, die sich ihrer nicht zu schämen brauchten, sie hatten ein Vaterhaus, in das sie hineingehörten. Er hatte nichts, nicht Vater, nicht Mutter und nicht Heimat! Nichts war sein eigen als die Schande, die mit ihm geboren war; und nicht einmal seinen Namen wollte man ihm lassen, auch seinen Namen wollte die Kriegsrätin ihm nehmen, die ihn so gemartert hatte, dass er auch in seiner Herzensangst nicht mehr weinen konnte! Das war es gewesen, was ihn zum Aufschreien gezwungen, das war es gewesen, wesshalb er so ängstlich sein Nein, Nein! gerufen. Sein Name war das einzige, das ihm gehörte. Er hatte nichts, nichts auf der Welt, als diesen seinen Namen, den sollte man ihm nicht nehmen, nur den Namen nicht!
Er schlug die hände über dem kopf zusammen und weinte endlich bitterlich. Aber schmerzlich, wie die Tränen ihm entquollen, befreiten sie ihn dennoch von der dumpfen, erdrückenden Angst, die auf ihm gelegen hatte, und er konnte wieder etwas Anderes denken, als die Worte Sünde und Schande, obschon seine Gedanken aus derselben Wurzel stammten.
Er sagte sich, dass jetzt Alles anders sei, anders werden müsse. Es kam ihm vor, als sei der gestrige Tag schon lange, lange vergangen, so lange vergangen, wie die Zeit, in der er als kleines Kind mit der Mutter vor dem schloss gestanden hatte; denn gestern war er ja auch noch ein Kind gewesen, und jetzt war er das nicht mehr. O, nein, nicht mehr!
Er seufzte, als er sich dies sagte, und hätte doch nicht zu erklären vermocht, was in ihm vorgegangen sei. Er wusste nicht, dass er kein Kind mehr sei, weil das Leben ihn also zu seufzen gelehrt, weil der Schleier plötzlich vor ihm zerrissen worden war, der die Kindheit von dem Leben abtrennt, und weil an dessen Schwelle die kalte Unerbittlichkeit der Welt mit ihren gefährten, dem Kummer und dem Schmerze, vor ihm gestanden hatten.
Er konnte nicht schlafen. Wirre Vorstellungen trieben sich in seinem kopf umher, dass der Kopf ihn schmerzte und die Unruhe ihn nicht rasten liess. Die Finsterniss, welche er erst gesucht hatte, fing ihn zu ängstigen an, aber das frühe Tageslicht minderte den Zustand nicht, bis er endlich, als die Sonne schon drüben an den Dachfenstern des Nachbarhauses golden wieder zu scheinen anfing, müde und frierend einschlief.
Gegen die Gewohnheit musste man ihn mehrmals wecken. Die Magd, welcher dies oblag und die ihm sein Frühstück gab, sagte ihm, er möge, ehe er zur Schule gehe, noch bei Mamsell Seba vorsprechen. Er hörte es, aber heute mochte er nicht zu Seba gehen. Sie wusste es ja auch!
Auf der Strasse traf er wie immer mit einigen von seinen Kameraden zusammen; das war ihm unlieb. Er achtete nicht auf ihre Unterhaltungen, er konnte auch in der Schule sich nicht zwingen, dem Unterrichte zu folgen. Man kannte ihn nicht wieder. Lehrer und Schüler fragten ihn, ob er krank und wesshalb er so traurig sei. Er versicherte, dass ihm nichts fehle. Er wollte auch gern lachen und munter sein wie sonst; aber es wollte ihm nicht gelingen. Es freute ihn nichts. Was sollte er auch hören, was sollte er sehen, was kümmerte ihn denn auf der Welt, als die eine verzweiflungsvolle Frage: wissen sie es denn, wer weiss es denn? – Es wurde ihm ärger und ärger zu Sinne, es zerriss ihm fast das Herz, denn er hatte es mit einem Male an sich selbst erfahren, was Unglück sei und wie es schmerze.
Aber während der arme Paul also die erste schwere Last des Lebens auf sich wuchten fühlte – und jungen, ungewohnten Schultern fällt sie zehnfach schwerer, als wir es ermessen – rühmte sich die Kriegsrätin gegen ihren Mann, dass sie es vorgezogen habe, sicher zu gehen, weil sie es nicht liebe, sich in wichtigen Angelegenheiten auf fremde Einsicht und Gewandteit zu verlassen. Da sie zufällig Paul gestern noch am Fenster gefunden, habe sie ihm lieber gleich gesagt, was er früher oder später doch erfahren müssen, und sie habe es ihm kurz und rund heraus gesagt, denn das Vertuschen und Verweichlichen könne sie nicht leiden; der Mensch müsse bei zeiten daran gewöhnt werden, die nackte Wahrheit zu ertragen.
Und wie hat Paul die Mitteilungen aufgenommen? fragte der Kriegsrat mit sichtlicher Besorgniss.
Wie soll er sie aufgenommen haben, entgegnete die Frau, Du kennst ihn ja! Er machte die grossen Augen noch weit grösser auf und starrte mich an, wie das seine Art ist, hinter der Du und die Flies'sche Familie Gott weiss welche Eigenschaften verborgen glaubt, und die mir von jeher einfältig und frech erschienen ist. Den Schlaf hat es ihm nicht geraubt, denn man hat ihn kaum erwecken können.
Der Kriegsrat gab sich damit wie jetzt überhaupt