, was sie meinte.
Hat der Herr Baron von Arten oder haben wir es Dir jemals gesagt, dass Du sein Sohn bist?
Nein, versetzte er leise, denn jedes Wort, das die Kriegsrätin zu ihm sprach, schmerzte ihn mehr als ein Schlag.
Woher bildest Du es Dir denn ein? Woher kommst Du auf den Einfall?
Meine Mutter hat es mir gesagt, entgegnete er gepresst.
Ach, Deine Mutter! rief die Kriegsrätin; Deine Mutter hätte auch etwas Klügeres und Besseres tun können, als Dir solche Dinge in den Kopf zu setzen; sie wusste ja am besten, wie es mit Dir stand!
Der Knabe regte sich nicht, aber seine Mienen drückten eine solche Angst aus, dass der Kriegsrätin bange davor wurde, und mit dem Gedanken, dass sie ein Ende machen und allen Torheiten ihres Pflegesohnes vorbeugen müsse, sagte sie schnell und fest: Ist es Dir denn noch niemals aufgefallen, dass Deine Mutter keine Baronin war und nicht in dem schloss bei Deinem Vater wohnte?
Er antwortete ihr nicht. Siehst Du also, fuhr sie fort, wie gedankenlos Du immer bist! Wenn Du es Dir nur ein wenig hättest überlegen wollen, würdest Du Dir Alles selber haben sagen können! Deine Mutter war ja gar nicht die Frau des Herrn baron, war nur von niederem stand, ein Bauermädchen oder so etwas, und gar nicht mit dem Herrn Baron getraut! Das ist aber eine Sünde und eine Schande, und darum hat der Herr Baron Dich fortgegeben! Er mochte Dich nicht bei sich haben und wollte Dich auch nicht an einem Orte lassen, an welchem alle Welt es wusste, wo Du herstammtest, und wo Dir Deine Geburt lebenslang zur Schande gereichen musste! Was willst Du also von dem Herrn Baron?
Sie hätte noch lange so fortsprechen können, ohne dass der fassungslose Knabe sie unterbrochen, sie hätte ihn noch oftmals fragen können, ohne dass er ihr geantwortet haben würde. Er hörte Alles, als klinge es aus weiter, weiter Ferne dumpf und unverständlich zu ihm herüber, und doch traf ihn Alles bis ins Herz. Es war ihm, als höbe man ihn von dem Boden empor, auf dem er stehe, und drehe ihn in der Luft umher, und in aller seiner Pein hatte er doch den Drang, sich von den Qualen zu befreien, die man ihn erdulden liess, sich loszureissen, fortzulaufen, die Hand zum Schlage zu erheben und dem Zorne, der beängstigenden Scham und der Verzweiflung Luft zu machen, die ihn fast erstickten, die ihn lähmten. Einmal in seinem Leben war ihm eben so, beinahe eben so zu Mute gewesen: auf dem Balle, bei welchem der Graf Berka von dem Freiherrn von Arten gesprochen hatte, und wo ihm eingefallen war, was seine Mutter ihm gesagt hatte; aber die Pein, welche er jetzt eben litt, war weit grösser, war noch weit schwerer! Er konnte sie nicht fassen, obschon er sie ertrug.
Nun, Paul, sagte die Kriegsrätin endlich mit milderem Tone, da sein starres Schweigen ihr lästig ward, nun weisst Du, woran Du bist, und Du bist alt und klug genug, dass man es Dir sagen konnte. Du bist nur ein unehelicher Sohn des Herrn baron, und er braucht sich, wenn Du eingesegnet bist, gar nicht weiter um Dich zu kümmern. Sei also ordentlich und vernünftig, und beweise ihm durch Deinen Gehorsam, dass Du die grossen Wohltaten, die er Dir getan hat, verdienst. Er hätte gar nicht nötig gehabt, Dich hier als unsern Sohn erziehen zu lassen; aber wenn Du ihm gehorchst, wenn Du ihn nicht ohne seine erlaubnis an Dich erinnerst, wird er gewiss seine Hand nicht von Dir abwenden. Ich will sehen, was ich für Dich bei ihm zu erwirken und ob ich es nicht vielleicht für Dich durchzusetzen vermag, dass wir Dich an Kindesstatt annehmen, dass Du immer bei uns bleiben und dass Du doch auf diese Weise einen Namen bekommen kannst, mit dem Du Dich in der Welt und vor den Leuten sehen lassen darfst! Und nun geh', und schlafe Dich aus, und sei vernünftig!
Nein, nein! rief der Knabe so laut und plötzlich, dass die Kriegsrätin davor zusammenschreckte.
Du willst nicht gehen? fragte sie und nahm ihn bei der Hand.
Er zog seine Hand aus der ihrigen. Ich will keinen anderen Namen haben, ich will meinen Namen behalten, ich will Paul Mannert heissen und nicht anders!
Die Kriegsrätin schüttelte ärgerlich das Haupt und schob ihn fort. Heisse, wie Du willst, sagte sie, und geh' zu Bett! Das aber bitte ich mir aus, dass Du keine Dummheit machst und Dir nicht etwa beikommen lässt, den Herrn Baron belästigen zu gehen!
Sie nahm das Licht und verliess ihn; Paul blieb allein im Dunkeln zurück, aber das Dunkel genügte ihm nicht, es war ihm nicht undurchdringlich genug. Er eilte fort in seine kammer, warf sich in seinen Kleidern auf sein Lager und hüllte das Gesicht in die Kissen. Er wollte nichts sehen, nichts hören, es sollte ihn auch Niemand sehen, Niemand etwas von ihm hören.
Sterben, sterben, ich will sterben! rief es immer in seinem armen, jungen Herzen, und die bittere Scham brannte in seinem Gehirn, dass die Tränen ihm davon versiegten.
Sünde und Schande, hatte die Kriegsrätin gesagt. Sünde und Schande! sagte er sich