Grosses und Erhabenes von den Prachtbauten der verschiedensten zeiten gehört, Alles, was er den Schilderungen der Märchenwelt entlehnt, das hatte seine lebhafte Phantasie allmählich auf Schloss Richten übertragen. Je älter er geworden war, um so fester hatte sich in ihm das Verlangen ausgebildet, dieses Ideal seiner Gedanken wiederzusehen und, wie er das in mannigfachen Erzählungen gelesen, einst von seinem Vater in seinem Vaterhause aufgenommen zu werden. Seine ganze Entwicklung war auf dieses eine Ziel gerichtet. Und nicht wie der verlorene Sohn in der Bibel, nicht als ein Bettler, als ein Hülfesuchender wollte er vor seines Vaters tür treten. Gut und brav und geehrt wollte er sein, so gut, so brav, so geehrt, dass seine arme Mutter noch im grab stolz auf ihn sein durfte, dass er Lob und Liebe von des Vaters mund hören musste, wie sie Seba, der er diese ganze Sinnesrichtung dankte, stets von ihren Eltern zu teil ward.
Wie kam es aber, dass sein Vater ihn nicht suchte? Er hatte ihn ja so oft auf seinen Knieen geschaukelt, als Paul noch ein Kind gewesen war und niemals daran gedacht hatte, dass es etwas Schönes sei, geliebt zu werden. Und damals hatte er seine Mutter noch gehabt! Wesshalb liebte sein Vater ihn jetzt nicht mehr, da er keine Mutter mehr hatte, die ihn an ihr Herz schloss, da er wusste, wie elend seine Mutter umgekommen war, und da ihn ausser Seba Niemand liebte? Alle Eltern liebten ihre Kinder; alle Väter hatten ihre Kinder bei sich; alle Väter freuten sich an ihren Kindern! Warum freute sein Vater sich nicht an ihm? Was hatte er verschuldet, dass sein Vater ihn nicht liebte, dass er ihn nicht sehen mochte, da er doch in seiner Nähe weilte?
Seit Jahren hatte er darüber nachgesonnen, ohne dass er sich die Sache zu erklären gewusst hätte, aber sie drückte ihn nur desto schwerer. Es ängstigte ihn, wenn seine Kameraden sich nach seiner Heimat, nach seinen Eltern, nach seinen Aussichten erkundigten, und gerade ihn, so meinte er, gingen sie immer mit solchen fragen an. Er mochte nicht sagen, seine Mutter habe sich ertränkt, er mochte es Niemanden wissen lassen, dass sein Vater sich um ihn nicht kümmere, und Kinder verstehen es noch nicht, jene halben Antworten zu geben, mit denen Erwachsene sich vor einer ihnen unangenehmen Zumutung zu schützen wissen. Aber eben die Befangenheit, die Verlegenheit, welche er nicht verbergen konnte, reizte die grausame Neugier seiner Genossen, weil sie ihnen ein ungewohntes Schauspiel bot; und Kinder sind wie die Fliegen, die sich stets auf wunde Stellen setzen.
Den ganzen Abend hatte er so am Fenster gestanden und in die Strasse geschaut. Einstmals hatte die Mutter ihm befohlen: Zähle die Fenster des Schlosses! Heute hatte er die Fenster der beiden Gastöfe gezählt und zugesehen, wie die Lichter hinter denselben kamen und verschwanden, und sich gefragt und wieder gefragt: Wo mag denn meines Vaters Zimmer sein? Wo mögen denn wohl die glücklichen Kinder schlafen, welche die Rehe hinter dem Gitter füttern und die hinter den goldenen Scheiben des schönen Schlosses wohnen?
Eine grosse Traurigkeit hatte ihn dabei überfallen. Er mochte nicht essen und mochte auch kein Licht haben. Was sollte er auf der Welt, in der er nicht Eltern, nicht Geschwister hatte, in der Niemand nach ihm fragte? Wohin er seine Gedanken wendete, es freute, es reizte ihn nichts. Wozu sollte er lernen, wozu sich auszeichnen? Wer kümmerte sich um ihn? Was kam darauf an, ob etwas aus ihm wurde? – Er hätte gern weinen mögen, hätte er's nur gekonnt. Die Augen waren ihm so müde und so schwer wie das Herz, er konnte sie kaum erheben, sie sanken ihm immer wieder nieder, als hätte er etwas Böses getan und dürfe sie nicht aufschlagen.
Es tat ihm wehe, als plötzlich der helle Lichtschein ihn berührte, als die Kriegsrätin in das Zimmer trat und ihn fragte, wesshalb er hier im Dunkeln sitze. Aber er hatte es nicht nötig sich zu entschuldigen, denn sie nannte es gut, dass er noch wach sei, nahm ihren Hut und Shawl ab, zog ihre langen Handschuhe aus und setzte sich dann dem Lichte gegenüber auf das Sopha. Ihr Hals und ihre Wangen sahen von der Erhitzung des Tages noch ganz rot aus. Sie hatte die entblössten arme über einander geschlagen und sich weit nach hinten gelehnt. Das tat sie immer, wenn sie mit dem Kriegsrate oder mit Paul zu schelten gedachte. Es liess auch nicht lange auf sich warten.
Paul! rief sie ihn mit ihrer trockenen stimme an, die immer hart klang, wenn sie dieselbe nicht geflissentlich und schmeichelnd sänftigte. Komm' einmal her, Paul, ich habe noch mit Dir zu sprechen!
Eine unbestimmte Ahnung durchzitterte ihn, und mit einer Bangigkeit, wie er sie nie zuvor empfunden, fragte er, ihren Mitteilungen voraneilend: Von meinem Vater?
Wie kommst Du darauf? rief sie vorwurfsvoll, obschon seine Lebhaftigkeit ihr die Mühe einer Einleitung ersparte und ihr also recht erwünscht war.
Mein Vater ist ja hier, sagte er schüchtern.
Dein Vater, Dein Vater! wiederholte sie im Tone des Tadels; hat er Dir gesagt, dass er danach verlangt, Dein Vater zu sein? Hat er Dir gesagt, dass Du sein Sohn bist?
Paul sah die Kriegsrätin erschrocken an; er verstand nicht