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. Sie hatten die Schulzeugnisse des Knaben dem Caplan eingeschickt, hatten von diesem die immer wiederholte Weisung erhalten, ihn streng und einfach zu erziehen und wohl darauf zu achten, zu welchem Berufe Paul's Anlagen und Neigungen ihn führen könnten, da er für sich selber einzustehen haben werde. Nichts desto weniger war, wie Laura es ihrem mann aus einander setzte, der Freiherr ihnen, die sie ihm sein geheimnis so wohl bewahrten, ganz entschieden hoch verpflichtet, und dass endlich in dem Vater die stimme des Blutes und des Herzens einmal für den Knaben sprechen, dass er endlich doch einmal kommen werde, selbst nach ihm zu sehen, dass der Anblick des ihm so gleichen Sohnes ihn bewegen, dass er ihnen danken werde, was sie für Paul getan, das war für Laura über jeden Zweifel sicher. Man musste nur warten, es nur mit Anstand durchhalten bis zu dem rechten Augenblicke, dann konnten die Folgen ihres einstigen raschen Entschlusses gar nicht fehlen, dann musste der Kriegsrat die reichen Früchte ihrer Guttat ernten und dann würde er auch eine neue Bestätigung ihrer Behauptung erhalten, dass er sich immer am besten stehe, wenn er dem Rate seiner klugen und voraussichtigen Laura folge.

Die Nachricht, dass der Freiherr in der Stadt sei, hatte Laura natürlich in eine grosse Aufregung versetzt. Alle die Plane, welche sie gehegt, standen jetzt an der Grenze ihrer Verwirklichung.

In jedem Augenblicke erwartete sie, eine Benachrichtigung von dem Freiherrn zu erhalten oder ihn plötzlich bei sich eintreten zu sehen. Sie liess ihre Zimmer in besondere Ordnung bringen, sie kleidete sich zeitiger an, als sie sonst pflegte, um nicht bei einer etwaigen Ueberraschung in unangemessener Weise erscheinen zu müssen, und immer wieder ging sie an den Spiegel, um zu sehen, wie die Miene zurückhaltenden Verständnisses sie kleide, mit welcher sie dem Freiherrn entgegen zu treten dachte.

Sie hatte sich ein völliges System der Unterhaltung zurecht gemacht. Sie musste als Erzieherin des Knaben der sittlichen Würde nicht ermangeln, sie durfte aber auch nicht eine übertriebene Sittenstrenge an den Tag legen, um den Vater nicht zu verletzen. Leichtlebig und doch ernstaft, vornehm und doch zuvorkommend, selbstständig und fügsam musste sie sich darstellen, um die Freundschaft des Freiherrn erwerben und ihm das Anerbieten nahe legen zu können, welches sie ihm zu machen wünschte, das Anerbieten, seinen Sohn an Kindesstatt zu adoptiren, um ihm mit dem Namen Weissenbach, mit dem Namen eines angesehenen Beamten eine Stellung in der Welt und in der Gesellschaft zu eröffnen, die sich ihm mit dem völlig unbekannten Namen Mannert nicht so leicht erschliessen dürfte. natürlich mussten sie und der Kriegsrat sich dann in einer Lage befinden, welche ihnen ein solches Opfer möglich machte; aber sie in diese Lage zu versetzen, konnte einem mann von den Mitteln und dem Einflusse des Freiherrn gar nicht schwer sein. Sie lächelte, wenn sie sich die Wendung im geist wiederholte, mit der sie ihm den Vorschlag tun wollte, sie sah die gütige, zufriedene Miene, sie fühlte den freundschaftlichen Händedruck, durch welchen der Freiherr ihr seinen Dank bezeigte, und sie hatte auch Nichts dagegen, wenn er es etwa angemessener finden sollte, ihrem Gatten einen besseren Posten in der Residenz zu schaffen. Sie war ihrer hiesigen Verhältnisse ohnehin jetzt müde, denn eine Mittelstadt war für eine Frau wie sie doch eigentlich niemals der rechte Wirkungskreis gewesen.

Es passte Alles so vortrefflich zusammen, wie sie es sich ausgedacht hatte, es konnte nicht fehlschlagen, wenn nur der Freiherr kam, und kommen musste er, weil sie sich sonst ja nicht zu helfen wusste. Wie sollte sich nicht fügen, was für sie so unerlässlich schien?

Da brachte plötzlich der Einfall des unseligen Knaben einen Stillstand in ihre mutig vorwärts gehenden Gedanken. Wenn Paul seinen Vorsatz ausführte, wenn er, ohne dazu ermächtigt zu sein, den Freiherrn aufsuchte, wenn dieser glauben konnte, dass man Paul geflissentlich von der Anwesenheit seines Vaters benachrichtigt, ihn vielleicht dazu verleitet habe, sich dem Freiherrn zu nahen, so war Alles verloren. Und dem Zufalle, der Laune eines Kindes, dem verstand und der Beredsamkeit eines unerfahrenen Mädchens alle ihre Aussichten anzuvertrauen, das wäre eine Unvorsichtigkeit gewesen, deren sich nur ihr stets zuwartender, gelassener Mann oder Leute wie ihre Wirte schuldig machen konnten, die es gar nicht mehr zu wissen schienen, dass man fremden Beistandes bedürfen könne.

Wollte sie nicht die Mühe langer Jahre vergebens getragen haben, nicht mit all ihren Hoffnungen im Angesichte des Hafens scheitern, so musste sie ihre Massregeln treffen, so musste sie mit dem Knaben sprechen, und das sogleich, denn sie fühlte sich eben in der richtigen Verfassung für den Zweck. Sie wollte, wenn etwa der Freiherr am nächsten Tage käme, Herr über alle ihre Mittel sein! Ihr durfte die Unruhe den Schlaf dieser Nacht nicht rauben; für Paul hatte es keine Not, dennKinder schlafen immer!

Viertes Capitel

Paul war noch nicht zu Bette gegangen, als seine Pflegeeltern nach haus kamen. Er stand am offenen Fenster und sah in die Strasse hinaus. Gegenüber in dem Gastofe brannte das Licht in vielen Fenstern; aber es war nicht das vornehmste Hotel, das lag mehr zur Seite, und sein Vater konnte doch nur in dem vornehmsten Gastofe wohnen, der immer noch lange nicht so schön und prächtig war, als Schloss Richten mitten in dem grossen Parke.

Schloss Richten lebte in den glänzendsten Farben in dem geist des Knaben. Alles, was er