1864_Lewald_163_172.txt

, welcher sonst im täglichen Verkehre mit dem Kriegsrate es eben nicht gewahrt hatte, dass dieser dem allgemeinen Menschenloose des Alterns nicht entgehe, und der sonst auf das bescheidene Wesen und das sich Alles eigenen Urteils entaltende regelmässige arbeiten dieses Beamten einen besonderen Wert gelegt hatte, glaubte jetzt zu erkennen, dass eine maschinenmässige Unterwürfigkeit dem Dienste nicht förderlich sei und dass man von einem alternden mann keinen geistigen Fortschritt und keine Aenderung seiner Gewohnheiten mehr zu gewärtigen habe. Von einer Beförderung des Kriegsrates, auf welche der Präsident seiner Zeit die schöne Laura hoffen lassen, konnte also jetzt nicht mehr die Rede sein. Es waren demselben bereits mehrfach jüngere, selbstdenkende Collegen vorgeschoben worden, die solche Auszeichnung durch Entüllung jedes kleinen Mangels, der sich in der Amtsführung ihres älteren Collegen etwa nachweisen liess, rechtfertigen zu müssen glaubten; und sich aus einem bevorzugten Mitgliede eines Collegiums plötzlich zu einem überwachten und getadelten herabsinken zu sehen, das war eine Kränkung, welche auch einen festeren Charakter als den des Kriegsrates überwältigen und einen Stärkeren als ihn dahin bringen konnte, sich widerstandslos der Entmutigung zu überlassen.

Die gesellschaftlichen Folgen dieser Wandlung blieben natürlich denn auch nicht lange aus. Seit man nicht mehr mit Sicherheit darauf bauen konnte, den einflussreichen Präsidenten immer in dem Freundeskreise des Kriegsrates zu finden, legte man nicht mehr dasselbe Gewicht auf dessen Einladungen, und da man bald bemerkte, dass der Präsident es nicht wie früher erwartete, überall, wohin er kam, den Kriegsrat mit seiner Frau zu finden, unterliess man es öfter, dieselben zu den Gesellschaften aufzufordern. Beide Eheleute empfanden das sehr bitter, aber wenn Herr Weissenbach geneigt war, sein Schicksal über sich zu nehmen, so war Laura anderer Ansicht. Was sie entbehren musste, gewann einen doppelten Reiz für sie, und das Verlangen, wiederzugewinnen, was sie einst besessen hatte, die galante Freundschaft ihres alten Gönners und die darauf begründete gesellschaftliche Geltung, regte sie zu neuen Anstrengungen und Unternehmungen auf. Sich zurückzuziehen, weil das Glück sich von ihr wendete, war nach ihrer Meinung eine Schwäche, deren eine gescheite Frau sich nicht schuldig machen durfte. Wenn man den Leuten nicht mehr durch die Freundschaft des Präsidenten wichtig scheinen konnte, so musste man suchen, ihnen das Haus in anderer Weise angenehm zu machen, und mit etwas mehr Aufwand, als man bisher getrieben hatte, liess sich das wohl bewerkstelligen. Freilich wohnte man, seit Herbert einen teil der Zimmer inne hatte, nicht mehr so gut und bequem, als früher, und auch die Handwerker liessen sich nicht mehr so leicht als sonst mit Versprechungen vertrösten. Aber man musste nur Mut haben, nur gewisse tägliche Gewohnheiten ablegen, auf deren Entbehrung es ja für Menschen, die einen bestimmten Zweck im Auge hatten, nicht ankommen konnte; man musste nur zeigen, dass man immer noch wohlauf, dass man aus eigenen Mitteln unabhängig sei, um seine alte Stellung zu behaupten und um dem Präsidenten zu beweisen, dass es kein Eigennutz, sondern Freundschaft, reine Freundschaft sei, wenn man nicht aufhöre, eine Annäherung an ihn zu suchen, und sich Mühe gebe, die alten Beziehungen wieder anzuknüpfen.

Laura hatte übrigens mit dem Kriegsrate jetzt ein leichtes Spiel. Ein Mann, der sein Selbstgefühl aus der Anerkennung gezogen, welche Andere ihm zollten, wird haltlos, wenn ihm diese fehlt; und unfähig, in sich selber zu beruhen, wird er leicht dahin gebracht, sich fremdem Willen untertan zu machen, wenn er durch diesen hoffen kann, die ihm entschwundenen Vorteile wiederzugewinnen. Der Kriegsrat war ein bedächtiger Mann, ein überlegender Haushalter gewesen, so lange er sich in seinem amt geachtet wusste und so lange er seine Einnahmen und Ausgaben in strengem Gleichgewichte zu erhalten vermocht. Jetzt, da dies nicht immer gelingen, da die Abschlüsse seines Buches sich nicht mehr so sicher wie seine amtlichen Cassen-Abschlüsse gestalten wollten, konnte er den Anblick seines Haushaltsbuches nicht mehr ertragen, und weil ihn die Gewissheit peinigte, dass er mehr verbrauchte, als er sollte, hatte er es allmählich aufgegeben, seine Ausgaben zu verzeichnen und seine Rechnungen zu machen. Heimliche Angst, drückende Zweifel konnte er ertragen; aber Zahlen waren sein Leben lang ihm Freude und Genuss gewesen; Zahlen als Ankläger vor sich zu sehen, das ging über seine Kräfte, und sich wieder mit den Zahlen seiner Bücher auszusöhnen, war Alles, wonach er trachtete. Er war zu jeden Entbehrungen, er war sogar bereit, seiner Laura, wie sie es verlangte, die Verwaltung seines Einkommens zeitweilig ganz zu überlassen, nur mit seinen Zahlen sollte sie ihn versöhnen, denn die Zahlen standen vor ihm auf in regelrechter Reihe, und starrten ihn an und riefen nach Ausgleichung, und er konnte ihnen und konnte sich nicht helfen, wie auch die Angst und Scham ihm die bleich gewordenen Wangen röteten. Die Summe der einen Seite wuchs immer weiter über die Summe der anderen Seite hinaus, und weder Laura's Vertröstungen noch ihre kühnen und zuverlässigen Hoffnungen vermochten das zu ändern.

Seit Jahr und Tag hatte sie ihn darauf hingewiesen, dass ihnen einmal von dem Freiherrn eine nachhaltige hülfe und Befreiung kommen müsse. Allerdings war die Teilnahme, welche derselbe für seinen Sohn bezeigte, niemals eine persönliche und keine lebhafte gewesen. Er hatte niemals selbst nach Paul gefragt; in allen den Verhandlungen, welche der Caplan mit der Kriegsrätin gepflogen, war des Freiherrn Name nie erwähnt, und es war für Paul auch ausser der durch den Caplan regelmässig besorgten Pensionszahlung weiter nichts getan worden