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Herr Flies sass in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau und Tochter in dem Garten hinter seinem haus, als ihm das Schreiben des Freiherrn zu Händen kam, und da die Kriegsrätin mit ihrem mann zu einer Picknickpartie auf das Land gefahren war, verstand es sich von selbst, dass Paul den freien Tag bei seinen Freunden und Beschützern zubrachte.
Von dem Herrn Baron von Arten! sagte der Diener, als er Herrn Flies den Brief übergab. Die Mutter warf dem Vater einen blick des Einverständnisses zu, den er nicht beachtete. Er las das kurze Schreiben, sagte, dass er nicht ermangeln werde, sich morgen in der Frühe einzustellen, und entliess den Diener. Die Mutter fragte nichts, Herr Flies sprach auch nicht von der Sache; da sie aber Alle wussten, um was es sich handelte, konnten sie sich denken, was der Brief bedeute, und nur Paul sah fortwährend nach Herrn Flies hinüber, als wünsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage zu lesen, die er nicht zu tun wagte. Er vermochte nicht bei dem buch zu bleiben, mit dem er beschäftigt gewesen war; er stand auf, ging fort, kam wieder – man war nicht gewohnt, ihn so unstät zu sehen.
Endlich, als Seba sich erhob, um einen Auftrag für die Mutter auszurichten, folgte er ihr nach, und seinen Arm in den ihrigen legend – denn der vierzehnjährige Knabe war fast so gross als sie – sagte er, während eine dunkle Röte sein schönes, kräftiges Gesicht überzog: Seba, ist denn mein Vater hier?
Der bebende Ton seiner stimme ging ihr zu Herzen, und sie drückte ihm beruhigend die Hand, als sie seine Frage bejahte.
Warum sagtest Du mir's nicht?
Was konnte es Dir helfen? gab sie ihm zur Antwort.
Er schwieg einen Augenblick, dann fragte er: Ob er sich wohl nach mir erkundigt hat?
Sie entgegnete, dass sie es nicht wisse, aber sie stellte ihn nicht damit zufrieden.
Du würdest es wissen, wenn es geschehen wäre, sagte er, und ich bin kein Kind mehr, dem man mit Unwahrheiten ein Vergnügen macht. Er hat nicht nach mir gefragt!
Er seufzte, als er diese Worte sprach. Sie waren inzwischen zu den Anderen zurückgekehrt und es konnte nicht weiter die Rede davon sein. Indess Seba sah, dass in seinem inneren die Aufregung nicht vorüber war, und als er sich später wieder eine Weile mit ihr allein befand, verlangte er zu erfahren, wo sein Vater wohne.
Seba erschrak. Wesshalb fragst Du mich das? sagte sie.
Er antwortete ihr nicht gleich, wie das seine Weise war, wenn er seine Rührung zu besiegen strebte, und sagte dann, sich gewaltsam zusammennehmend, während seine Lippen bebten: Ich möchte ihn doch wenigstens einmal sehen, meinen Vater! – Aber seine Bewegung war mächtiger als sein Wille, die Tränen traten ihm in die Augen, er schüttelte zornig und unzufrieden mit sich selbst den Kopf und eilte aus dem Garten fort in das Haus.
Dass der Knabe nicht leicht von einer Sache abliess, die er sich in den Sinn gesetzt hatte, war eine Eigentümlichkeit an ihm, welche Alle kannten, die mit ihm zu tun hatten, und Seba fand es daher für nötig, als Paul's Pflegeeltern am Abend von ihrer Ausfahrt wiederkehrten, sie von seinem Verlangen und von dem ganzen Vorgange zu unterrichten. Dass man ihn davon zurückhalten müsse, seinen Vater aufsuchen zu gehen, darin stimmten Alle überein. Madame Flies und der Kriegsrat waren nur der Ansicht, dass man ihn vertrösten, ihn beschwichtigen solle, bis der Freiherr abgereist sei, die Kriegsrätin hingegen dachte es ihm gradezu und entschieden zu verbieten, ohne sich auf Gründe mit ihm einzulassen, aber wie immer nahmen Herr Flies und Seba sich des Knaben an.
Er ist reifen Verstandes und festen Sinnes, sagte der Erstere, und man soll auch von einem Knaben seines Alters blinden Gehorsam fordern, wenn man die Aussicht hat, ihn vernünftig von dem Rechten überzeugen zu können. Er muss völlig aufgeklärt werden über die Lage, in welche seine Geburt ihn versetzt hat. Er ahnt sie, ohne ihre bürgerlichen Folgen zu begreifen, und wie überall, so hat auch hier das halbe Wissen für die Empfindung etwas Verwirrendes, für den Verstand etwas Aufregendes. Was er aber zu hören hat, wird er am besten von Seba erfahren, da sie die einzige ist, mit welcher er über diese Angelegenheit gesprochen hat, und bittere Kunde muss man wo möglich mit freundlichem mund versüssen.
Er hielt es darauf der Tochter vor, was sie dem Knaben zu sagen habe, und man verabredete, dass man ihn unter irgend einem Vorwande in der Frühe, ehe er in die Schule gehe, zu Seba senden solle. Indess die Kriegsrätin war keine Frau, die sich fremden Anordnungen zu fügen oder ihren Einfällen und Aufwallungen zu gebieten vermochte, und sie misstraute der rücksichtsvollen Schonung, die man Paul zu gewähren wünschte. Sie hatte, seit sie von der Ankunft des Freiherrn erfahren, sich der Hoffnung hingegeben, dass er sich nach Paul erkundigen, dass er schriftlich oder vielleicht gar persönlich nach ihm und nach seinem Ergehen und Verhalten fragen werde, und sie hatte nach ihrer Weise mancherlei Plane auf die Zufriedenheit des Freiherrn gebaut; denn nichts ist erfinderischer im Hoffen, als der sinkende Wohlstand, und im Sinken waren die Lebensaussichten der Kriegsrätin nun lange schon begriffen.
Der Präsident