Residenz und es hat den beiden dort gefallen. Meine Tochter liebt Musik, liebt das Teater, und ich habe nur das eine Kind. Ich denke desshalb nach der Residenz zu ziehen, und das Haus der fräulein Tante ist mit seinem grossen Garten recht wie meine Tochter es sich wünscht.
Der Freiherr biss sich unwillkürlich auf die Lippe. Er hatte den Mann zu schonen, den er brauchte, aber es fiel ihm schwer, ihm nicht zu sagen, dass und wie sehr dieser Vorschlag ihm ungeeignet scheine, ja wie sehr er ihn beleidige. In seinem haus, in dem haus, an welchem, seit sein Grossvater es erbaut, das stolze Arten'sche Familienwappen prangte, sollten Handel und Gewerbe künftig ihr Wesen treiben? Wo fräulein Ester den Besuch des grossen Friedrich empfangen, sollten Judenfrauen ihren Kaffee trinken? Nimmermehr! Er stiess den Gedanken weit zurück; der Kaufmann fügte sich augenblicklich, aber er wollte nun auch von dem anderen Darlehn nichts wissen, weil er, so lange er nicht nach der Residenz übersiedele, seine hiesigen Geschäfte, für die er seine ganzen Capitalien brauche, fortzuführen denke; und da der Freiherr, beleidigt durch den Zwang, den Flies ihm antun zu wollen schien, sich weder zum Nachgeben noch zu einem eingehenden Verhandeln geneigt bewies, so empfahl sich jener, die ganze Angelegenheit ruhig dem Ermessen des Freiherrn überlassend.
Drittes Capitel
Einige Tage waren seit diesem gespräche vergangen, und der Freiherr hatte sie nicht angenehm verlebt. Die Baronin fuhr zwar täglich aus, um ihrem Sohne die Stadt und deren Merkwürdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben zu ergötzen, aber die ungewohnte Lebensweise regte sie auf, die Luft in den enggebauten Strassen schien ihr sehr drückend, und der Ausspruch des zu Rate gezogenen Arztes hatte auch nicht tröstlich gelautet, obschon er keine bestimmte Erklärung von sich gegeben. Es war für den Winter von einem Aufentalte in einem milden Klima die Rede gewesen, Italien, an das man dabei dachte, konnte jedoch unter den obwaltenden politischen Verhältnissen nicht wohl zum Aufentalte einer Leidenden gewählt werden. Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen und Bedenken des Geldaufwandes, welchen einst die italienische Reise seiner Mutter und seiner verstorbenen Schwester erfordert hatte; und sollte er auch die Gattin, wie die Schwester, über die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren sehen?
Er liebte Angelika nicht mehr, aber die Vorstellung, die junge, schöne Frau vor sich sterben zu sehen, ging ihm doch nahe, und dabei wollten seine Geldangelegenheiten sich durchaus nicht, wie er es wünschte, ordnen lassen. Die Kaufleute, denen es bekannt war, dass die Herren von Arten bisher alle ihre Geschäfte mit dem haus Flies gemacht hatten, und die es wussten, wie dieses wohl im stand wäre, das anscheinend so sichere Darlehn zu leisten, wurden misstrauisch, eben weil man ihnen das Geschäft anbot. Denn der bisherige Banquier der Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen grund zurückgewiesen haben. Sie zögerten, machten Schwierigkeiten, verlangten, wie Herr Flies es dem Baron vorausgesagt hatte, Zinsen, die ihn zu neuen Anleihen nötigen mussten, und da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die alte Erfahrung bestätigt fand, dass Geld und Credit für denjenigen, der sie braucht, stets schwer zu haben sind, so sah er sich immer wieder auf den Hausverkauf hingewiesen.
Die notwendigkeit hat eine überzeugende und verführerische Beredsamkeit. Je länger er ihr gegenüberstand, um so mehr räumte es sich der Freiherr ein, dass er eigentlich niemals Freude an dem haus in der Residenz gehabt und dass Keiner der Seinigen dort gern oder glücklich gelebt habe. Seit es erbaut worden, hatte es mit Ausnahme kurzer Besuche, welche die Familie in der Stadt gemacht, fast immer leer gestanden, bis fräulein Ester es bezogen; und weder die Erinnerungen an sie, noch jene, welche sich an die sechs Monate knüpften, die der Freiherr mit Angelika nach seiner Verheiratung in der Residenz zugebracht hatte, waren von der Art, ihn an das Haus zu fesseln. Auffallen konnte es Niemandem, dass er es verkaufte, da er es nicht benutzte. Die Schwierigkeiten, mit denen die grillenhafte Besitzerin die Abtretung des Grundstückes an einen Anderen belastet hatte, waren nicht unüberwindlich; und dass Herr Flies, den er als einen bequemen Geschäftsmann kannte, sich nicht kleinlich zeigen würde, wo er für sich und seine Familie etwas Angenehmes zu erreichen wünschte, darauf meinte der Freiherr rechnen zu dürfen.
Die Angelegenheit liess ihm keine Ruhe, sie beschäftigte ihn am Tage, sie quälte ihn in der Nacht. In seinen Träumen ging er mit seinem Sohne in dem alten haus umher, und von den Wänden stiegen die Bilder der Tante herab und verfolgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast, dass er sich und das Kind nicht vor ihnen zu retten wusste. Wenn er angstvoll die tür und das Portal des Hofes erreicht hatte, so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte ihm den Ausgang; und jenseit des Gitters türmten sich dichte Wolken auf, aus denen der Juwelier mit seinem zufriedenen Lächeln auf ihn herniedersah und ihn fragte: Was wollen Sie mit dem alten haus, Herr Baron? Es ist darin für Sie nicht mehr geheuer!
Am Morgen nach einer solchen Nacht beschloss er, ein Ende damit zu machen, nur um der lästigen Gedanken los zu werden; aber der Mittag kam heran, ehe er sich dazu bringen konnte, den darauf bezüglichen Brief zu schreiben