also ein Auge zudrücken, mancherlei nicht hören, Vielerlei stillschweigend mit ansehen, um nur durchzukommen, und noch war der Sommer nicht da, als auf den Gütern, auf welchen bis dahin eine für jene zeiten musterhafte Verwaltung geherrscht hatte, jener Zustand eingetreten war, der nirgends ausbleibt, wo die Befehlenden, weil sie Ungerechtes und Uebermässiges heischen, Ungesetzliches und Massloses geschehen lassen müssen, um sich von einem Tage zu dem anderen durchzuschlagen und sich damit zu vertrösten, dass auch übermorgen und nach übermorgen gehen werde, was gestern und vorgestern eben noch gegangen sei.
Dem Amtmanne war dieses Treiben ein Gräuel. Wie jeder, der das Land bebaut, hatte er frühzeitig begriffen, dass in der eigenen Lebensführung wie in der Leitung eines Gemeinwesens, mag dies nun gross oder klein sein, Voraussicht und mit ihr Zusammenhang im Handeln die Hauptsache sind; und wenn er selber auch die Folgen des jetzigen Verfahrens nicht mehr zu tragen haben sollte, so peinigten ihn doch der gegenwärtige Zustand und die Gewissheit, dass die übeln Früchte desselben nicht ausbleiben könnten. Die Schullehrer klagten bereits, dass die Kinder, weil sie zu haus die Arbeit der zum Dienste befohlenen Erwachsenen verrichten mussten, die Schule versäumten, der Pfarrer beschwerte sich, dass die Leute, weil ihnen gar keine Zeit für ihre eigene Arbeit mehr gelassen würde, Sonntags die Kirche nicht mehr besuchten, dass er das Wort Gottes vor leeren Bänken predigen müsse, während die grosse katolische Kirche, in der Niemand ausser der herrschaft und den Fremden seine Andacht halten und seinen Gottesdienst begehen könne, sich der Vollendung nähere.
Früher hätte der Freiherr von allen diesen Dingen in seiner sorglosen und heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren. Jetzt fragte er danach, fragte, weil er dies nicht gewohnt war, nicht immer an der rechten Quelle, und glaubte, da er häufig falsch berichtet ward, es mit einem geist des Aufruhrs zu tun zu haben, den er unterdrücken, und zwar mit Gewalt unterdrücken müsse, während er und sein Tun und Gebieten ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsässigkeit erzeugten, die er dem bösen, von Frankreich kommenden Zeitgeiste entsprungen wähnte.
So viel stellte sich indess an Einsicht für ihn bald heraus, dass er, um dem neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen zu können, auch die drückendsten Geldverlegenheiten beseitigt haben müsse, und da bisher die schriftlich oder durch Dritte geführten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen wollten, beschloss der Freiherr, persönlich einen Versuch zu einem Uebereinkommen mit ihm zu machen.
Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen; die Herzogin, welche von seinem Vorsatze sprechen hörte, nannte einen solchen kleinen zeitweiligen Ortswechsel angenehm, und da Renatus ein grosses Verlangen zeigte, mitgenommen zu werden, war der Freiherr schnell bereit, aus einer Geschäftsreise, die er antreten wollen, um sich aus Geldverlegenheiten zu befreien, eine Vergnügungsreise mit seiner ganzen Familie zu machen, welche bei der damaligen Art zu reisen nicht ohne einen ansehnlichen Aufwand zu bestreiten war.
Die Baronin, deren Gesundheit immer schwankender und deren Brustbeklemmungen immer häufiger geworden waren, hatte Anfangs eine Scheu vor dieser Reise getragen, da sie die zunehmende Wärme der Jahreszeit und die Unbequemlichkeit der Nachtquartiere fürchtete; aber der Freiherr hatte auf ihr Mitgehen gerechnet, Renatus bat ebenfalls, die Mutter möge doch nicht zu haus bleiben, und die Baronin gab endlich gegen ihr richtiges Gefühl dem Verlangen der Ihrigen nach, weil sie für sich keine lebhaften Wünsche und kaum noch lebhafte Besorgniss hegte.
So fuhren denn an einem frühen Morgen die grossen, vierspännigen Reisewagen vor das Portal. In dem einen wollte der Freiherr mit den beiden Frauen, in dem anderen sollte Renatus mit seiner französischen Bonne und der Kammerjungfer seiner Mutter fahren, die während der kurzen Reise den Dienst bei den beiden Damen zu versehen hatte; aber schon am ersten Reisetage zeigte es sich, dass die Baronin es nicht ertragen konnte, Tag über in der Gesellschaft der lebhaften Herzogin zuzubringen, und man musste für den nächsten Morgen die Einrichtung treffen, sie den einen Wagen allein mit ihrer Kammerjungfer einnehmen zu lassen, um ihr die nötige Ruhe zu gönnen.
Es war am Mittage des dritten Tages, nachdem man Richten verlassen hatte, als man dem Freiherrn, der das ganze erste Stockwerk des Gastauses für sich in Beschlag genommen hatte, die Nachricht brachte, Herr Flies, den er zu sich bitten lassen, sei gekommen. Der Freiherr befahl, ihn herein zu führen, und setzte sich auf das Sopha, den Besuch zu erwarten, damit er nicht nötig hatte, ihm etwa entgegen zu gehen, denn nun er an der Schwelle der mündlichen Verhandlung stand, dünkte ihm diese noch lästiger als die schriftliche zu sein.
Als Herr Flies eintrat, hiess der Freiherr ihn mit den Worten: Sie sind pünktlich, lieber Flies! willkommen.
Ich bin ein Geschäftsmann! entgegnete dieser höflich. Aber der Freiherr konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem Anblicke des Juweliers nicht erwehren. Er kam ihm grösser, ansehnlicher vor, denn er trug sich aufgerichteter als früher; seine Kleidung war einfach, indess nach der Mode und von den besten Stoffen. Er hatte eine gewisse demütige Weise, gewisse tiefe Verbeugungen und gewisse Manieren, die er sonst als Stammesgewohnheiten unwillkürlich zur Schau getragen, völlig abgelegt und dafür eine ruhige Haltung gewonnen, welche ihn dem Freiherrn wie einen Fremden erscheinen machte. Er hatte vorgehabt, ohne Weiteres mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durchsprechen, wegen derer er ihn rufen lassen; nun er den Kaufmann vor sich