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, die der Freiherr eben am Neujahrstage erhalten und die ihn genötigt hatten, auf eine augenblickliche Deckung dieser bedeutenden Posten zu denken. Adam sollte Rat schaffen und Herr Flies sollte Geld schaffen; aber guter Rat war teuer, und Geld war es noch mehr.

Die republikanische Bewegung und der ihr folgende Krieg, die von Frankreich aus immer weiter um sich griffen, machten alle Capitalisten in der Anlage ihres Geldes vorsichtig und schwierig. In den Gegenden, in welchen sich revolutionäre Gesinnungen kund gaben, suchten ängstliche Besitzer sich ihrer liegenden Gründe zu entäussern, und wie der Wert des Grundbesitzes sank, stieg der Wert des baaren Geldes. Dem Amtmanne kam das sehr zu Statten. Er hatte seinen Handel wegen des schönen Gutes Marienau bereits lange abgeschlossen, ehe der Freiherr das neue Darlehn auf Rotenfeld und die Capitalien gefunden hatte, deren er bedurfte, um die Wechsel des Marquis zu decken und um endlich den Bau der Kirche vollenden zu lassen, der im letzten Jahre nur wenig vorgeschritten war. Dem Freiherrn selber war freilich dieser Kirchenbau niemals eine persönliche Herzensangelegenheit gewesen; jetzt war er ihm aus mehr als einem grund lästig, und er würde ihn in diesem Augenblicke mit Freuden unterbrochen, die Kirche vorläufig unvollendet stehen gelassen haben, hätte er nicht fürchten müssen, eben dadurch den nachteiligen Gerüchten Nahrung zu geben, die es ihm ohnehin so wesentlich erschwerten, Geld zu finden, selbst wenn er es mit hohem Zins bezahlte.

Mit Wirtschaftsbeamten zu verhandeln, welche die Stelle des Amtmannes ersetzen sollten, sich selbst um die Aufbringung von Geldern zu bemühen und das Geld, welches ihm bisher nur ein Mittel zur Erreichung seiner Zwecke und zur Befriedigung seiner Wünsche gewesen war, als Selbstzweck zu betrachten, fiel dem Freiherrn schwer. Er dachte daran, Einschränkungen zu machen, aber er wusste nicht, wie er das anfangen oder wem er sie auferlegen sollte, denn in der sorglosen Freiheit des Verbrauches erwachsen, war der Ueberfluss ihm zur Gewohnheit geworden, und er glaubte nur das Notwendige zu haben, wenn er alles Dasjenige besass, was ihm irgend wünschenswert erschien. Sich etwas zu versagen, das verstand er nicht, die Herzogin zu beschränken, hätte ihm ungastlich und grade nach dem unangenehmen Vorfalle mit dem Marquis ungrossmütig gedünkt. Die Bedürfnisse der Baronin waren immer mässig gewesen, und ihr auch nur ein kleines Ersparniss vorzuschlagen, würde er in dem Verhältnisse, in welchem er jetzt zu ihr stand, als unehrenhaft und unanständig betrachtet haben.

Unglücklicher Weise hatte der Mann, welcher dazu ausersehen war, vom Späterbste ab die Stelle des Amtmannes zu verwalten, den Freiherrn dadurch für sich einzunehmen gewusst, dass er ihm bemerklich gemacht hatte, es liessen sich grosse Summen ersparen, wenn man den Insassen der Güter nicht so viel Freiheit liesse, wie die Steinerts es getan, und namentlich bei dem Kirchenbaue könne man auch jetzt noch sehr beträchtliche Ausgaben vermeiden, wenn man nur die Insassen und Kätner, wie es sich gehörte, zur Arbeit heranzöge und verwendete. Das sollte nun Adam auf des Freiherrn Befehl noch zur Ausführung bringen.

Vergebens bewies dieser, dass man die Leute in dem letzten Winter, wo man einen Wald verkauft und völlig ausgeschlagen, sehr stark in Anspruch genommen habe, dass man ihnen bei der drängenden Arbeit in dem späten Frühjahre kaum die Zeit habe gönnen können, ihr Stück Garten und Feld zu bestellen, und dass man sie im Winter zu ernähren haben würde, wenn man sie jetzt nicht so viel als nötig für sich selber sorgen liesse. Der Freiherr wollte davon nichts hören. Er war in eine Lage und in eine Stimmung versetzt, in welcher er immer nur der nächsten Belästigung entoben sein wollte, und vor Allem schien es ihm darauf anzukommen, Herbert's ein für alle Mal ledig zu werden, der, trotz seines Verlangens, mit Eva zusammen zu sein, nur erst einmal wieder nach Richten gekommen war und sich bei der Beaufsichtigung des Baues durch einen jüngeren Gehülfen vertreten liess.

Es blieb also Adam gar nichts übrig, als sich zu fügen und unter einer Bevölkerung, unter welcher seine Familie seit mehr als hundert Jahren in Liebe und Frieden gelebt hatte, schliesslich wider seinen Willen den Frohnvogt zu machen. Er musste die volle Arbeitszeit der Leute in Beschlag nehmen, sie rundweg abweisen, wenn sie auf die Nachsicht Anspruch machten, welche man ihnen sonst ohne grosse Opfer hatte bewilligen können. Das gab böses Blut. Wo die Leute beisammen waren, konnte man es sagen hören, dass es eine Sünde und Schande sei, Christenmenschen in das Joch zu spannen, um eine Kirche aufzubauen, mit der sie nichts zu schaffen hätten, und um im schloss fremdes Volk zu füttern. Alle Arbeit wurde widerwillig getan, Vorwände, mit welchen die Leute sich derselben zu entziehen suchten, gaben Anlass zu Untersuchungen und Strafen; und diese Strafen machten das Uebel ärger. Heute hatte man Händel und Schlägereien zu schlichten, wenn einer von den Leuten sich bei den Arbeitsforderungen zu stark herangezogen oder einen Anderen bei den Arbeitserlassen einmal begünstigt glaubte, und morgen gab es lose Reden und freche Ausfälle gegen die herrschaft vor Gericht zu ziehen. Es war, als sei der gute Geist entwichen, der hier bisher gewaltet hatte. Des Zankens, Anschuldigens, Strafens war gar kein Ende mehr. Hätte der Amtmann, wie der Freiherr es verlangte, alle diejenigen zur Rechenschaft fordern wollen, die sich widerspänstig zeigten, und diejenigen eingesperrt, welche grundlos Händel anzettelten, so hätte er noch beträchtlich an Arbeitskräften eingebüsst. Er musste