Renatus machte die Bemerkung, dass die Grosseltern und die Urgrosseltern auf den Bildern, wenn die Sonne so darauf scheine, ganz verdriesslich auf die Menschen niederblickten.
Der Wein schmeckte heute den Leuten lange nicht so gut als sonst, und die Pfarrerin fand, dass die Kuchen, welche Eva zum Feste in die Pfarre gesandt hatte, weit besser wären, als die im schloss aufgetragenen. Ihr Mann bemerkte, dass der Herr Caplan gealtert, sehr gealtert habe, dass auch der Freiherr, obschon er stärker werde, nicht mehr so gut aussehe, als noch vor wenig Monaten, und nun gar die Frau Baronin! – Er schüttelte den Kopf und faltete die hände. Was der am Herzen nagte, darüber konnte man ja nicht im Zweifel sein. Wie mochte die sich an einem solchen Feiertage manchmal nach dem reinen Worte Gottes und nach den Eltern und Geschwistern sehnen!
Es war Allen leichter um das Herz, nachdem dieses Neujahrs-Frühstück erst vorüber war. Sonst hatte man sich darauf gefreut, heute hatte man es gefürchtet, und selbst der Freiherr nannte es heute in seinem Herzen eine leere, lästige Ceremonie, die er künftig abzustellen meinte.
Es war die erste Gewohnheit, das erste Herkommen seines Hauses, auf das zu verzichten er sich selbst gedrungen fühlte.
Zweites Capitel
Das Jahr, welches dem Freiherrn unter schlechten Auspicien angebrochen war, bewies sich in seinem Fortschreiten diesen üblen Anzeichen entsprechend. Der Winter war lang und sehr hart, das Frühjahr kalt und nass. Man konnte also die arbeiten erst spät beginnen, und die spärlich und ungleich aufgehenden Saaten versprachen nicht den gewohnten und gehofften Ertrag.
Der Freiherr, welcher sich niemals um die Bestellung des Landes gekümmert hatte und kein Landwirt war, fing jetzt, da er bald der Zuversicht und Sicherheit in das alte, ihm dienende Geschlecht der Steinerts entbehren sollte, plötzlich nach dem Seinigen zu sehen an, und mit der Unkenntniss des Neulings meinte er die übeln Ernte-Aussichten einer verminderten Sorgfalt des Amtmanns zur Last legen zu dürfen. Der Verdacht, dass er seine Schuldigkeit nicht tue, beleidigte Adam. Er verteidigte sich lebhaft gegen denselben, aber in dieser gerechten Abwehr eines ungerechten Verdachtes glaubte der Freiherr nur den Hochmut des Emporkömmlings sehen und beugen zu müssen, und er verlor überhaupt mehr und mehr seine heitere, selbstgewisse Ruhe, weil er seine bis dahin unumschränkte herrschaft über seine Untergebenen und die unbedingte Geltung, deren er vor ihnen und in seinem ganzen Lebenskreise sich stets sicher gewusst hatte, nun, wohin er blickte, angezweifelt wähnte. Das machte die Zustände nicht besser, wohl aber ihm und seinen Leuten das Leben bitter und schwer, und vor allen Andern hatten die Geschwister im Amtofe zum Schlusse ihres Aufentaltes in der alten Heimat böse Tage, denn die Geldverlegenheiten des Freiherrn hatten sich in unerwarteter Weise gesteigert.
Mit dem Vertrauen des Ehrenmannes und des Edelmannes in die Ehrenhaftigkeit seines Standesgenossen und mit dem Bewusstsein, sich von dem Marquis für die ihm erwiesenen mannigfachen Guttaten des Besten versehen zu dürfen, hatte der Freiherr demselben, um der Herzogin seinen fortdauernden guten Willen für ihren Bruder zu beweisen, sowohl bei Herrn Flies als bei einem Banquier in der Residenz ausgedehnte Credite eröffnet, und die Herzogin hatte diese Briefe für ihren Bruder mit der Versicherung angenommen, dass derselbe natürlich nur den beschränktesten Gebrauch davon zu machen denke. Sie hatte es entweder vergessen, wie oft und mit wie grossen Opfern sie dem Marquis zu hülfe kommen müssen, so lange sie selbst ihm zu helfen im stand gewesen war, oder sie mochte erwarten, dass die Jahre und die Erfahrung ihn gebessert und von seinen alten, verschwenderischen Gewohnheiten zurückgebracht haben würden; indess diese Hoffnung traf nicht zu. Denn nur wenig Tage hatte der Marquis in der Stadt verweilt, als er sich von einem Kreise von Emigranten umringt und schnell versucht fand, sich vor ihnen, deren üble Lage ihn dazu aufforderte, als den Beschützer, als den Freigebigen, als den grossen Herrn von ehemals zu zeigen. Die Anerkennung, der lebhafte Dank, die er geerntet, waren verführerisch für ihn geworden. Seit langer Zeit hatte er sich endlich wieder einmal frei und als er selbst, endlich sich wieder einmal in einer ihm angemessenen Lage gefühlt, und fröhlich und leichterzig gemacht durch die sichtliche Zufriedenheit, die er um sich her zu verbreiten im Falle war, hatte er des Geldes nicht geschont, hatte er gegeben und geholfen und erfreut, wo sich ihm die gelegenheit dazu geboten. Er hatte niemals gerechnet und gezählt; die Herzogin hatte dies immer für ihn übernommen, und sorglos die flüchtigen Tage und das flüchtige Geld hingleiten lassend, war er plötzlich doch betroffen worden durch die Summen, die er in liebenswürdigen Gefälligkeiten, in Hülfsleistungen aufgewendet hatte, die seinem Herzen Ehre gemacht haben würden, hätte er sie aus eigenen Mitteln zu leisten vermocht. Er wünschte einzuhalten, ja, mehr als das, er wünschte zu vergüten, zu ersetzen, und an das Spiel von Jugend auf gewohnt, hatten ihm die verführerischen Gunstbezeigungen desselben den sichersten und leichtesten Ausweg aus seinen Verlegenheiten zu versprechen geschienen. Aber das Spiel war ihm niemals besonders günstig gewesen und versagte sich ihm auch jetzt. Von einem Tage zum andern hoffend, immer leidenschaftlicher wagend, je weniger diese Wagnisse ihm einschlugen und je tiefer sie ihn in die Verlegenheit verwickelten, der er sich zu entziehen wünschte, hatte er allmählich Summen erhoben, welche die Auszahler stutzig werden liessen und welche endlich Herrn Flies bewogen, jene Anfrage und jene Berichte zu machen