und dafür einen Menschen niedern Standes, ja, seinen eigenen Amtmann zum Grenznachbar zu bekommen, die Steinerts sich einnisten zu sehen, wo die Herren von Raven seit langen Jahren fest und wohl gesessen hatten, war dem Freiherrn gar zu widerwärtig. Es kamen ihm seit diesem Morgen nichts als unangenehme Neuigkeiten zu.
Aber noch empfindlicher, als der Freiherr durch das Zusammentreffen mit dem Bruder, fühlte sich Angelika durch die Begegnung mit der Schwester berührt. Sie hatte Eva nicht wiedergesehen seit dem Tage, an welchem sie die Verse in Herbert's Pult gelegt, und die heisse Röte der Scham übergoss ihr bleiches Antlitz, als sie Eva vor sich hintreten sah.
Das war also das Mädchen, welches der Mann sich erwählt hatte, den sie liebte, um dessentwillen sie mit sich selbst und mit ihren Pflichten zerfallen war, das Mädchen, welches Herbert ihr, der Gräfin Berka, der Baronin von Arten, der hochgebornen edlen Frau, vorgezogen hatte! Und mitten in der Pein dieser qualvollen Empfindung erkannte die Baronin in dem grossen Medaillon, mit welchem Eva ihr weisses Busentuch über der Brust zusammengenestelt hatte, Herbert's sprechend ähnliches Portrait, welches eben heute anzulegen sie sich trotz der Abmahnung des Bruders nicht hatte versagen mögen.
Eva sah die Bewegung der Baronin, und ein Lächeln der befriedigten Eitelkeit flog über ihre vollen Lippen, als sie sich niederbückte, um, wie sie das sonst getan, die Hand der Gutsherrin zu küssen. Aber jenes siegreiche Lächeln war Angelika nicht entgangen; sie zog die Hand zurück, und mit einer Härte und Bitterkeit, die Niemand je von ihr gehört hatte, sagte sie: Lass' Sie es gut sein, ich kann die Heuchelei nicht leiden und ich kann Ihr nicht helfen!
Der Zorn der Baronin zeigte dem jungen Mädchen, wie mit hellem Lichte, sein ganzes Glück in vollem Glanze, und mit dem Worte schnell wie immer bei der Hand, während sie sich auch von Eifersucht ergriffen fühlte, entgegnete sie, der unverdienten Abweisung mit Freuden trotzend: Ich verlangte ja nichts, ich habe ja Alles, was ich wünsche, gnädige Frau!
Unverschämte! stiess die Baronin hervor und wendete ihr, bebend vor Zorn, den rücken. Niemand hatte die Worte gehört, welche die Baronin mit der Schwester ihres Amtmanns gewechselt, aber der Zorn der Ersteren, das Siegesgefühl in den strahlenden Augen der Letzteren blieben nicht unbemerkt, und die Herzogin sowohl als der Freiherr und Adam wussten sich den Vorgang zu erklären, der, wie verschieden die Lebenslage der beiden Frauen auch war, hier das Weib dem weib in seiner natürlichen leidenschaft gegenüber gestellt hatte.
Es war der erste Neujahrsmorgen, an dem es dem Freiherrn und seiner Gattin nicht wohl in ihrem haus wurde, nicht frei unter ihren Leuten zu Mute war, und an dem sie in den Mienen ihrer Umgebung spähten, weil sie nicht mehr die alte, unbedingte Sicherheit besassen, nur auf Liebe und auf freie, verehrende Ergebenheit zu stossen. Dem Baron war die Nähe des Amtmanns, der sich schon als eigner Herr fühlte, lästig, und die brieflichen Mitteilungen des Juweliers lagen ihm schwer im Sinne; Angelika fand sich durch Eva's Anwesenheit beleidigt, und erniedrigt durch das Bewusstsein, sich vor ihr verraten, sich ihr gleichgestellt zu haben, während beiden Gatten die unverkennbar neugierige Aufmerksamkeit ihrer Dienerschaft eben so wie die ängstliche Zurückhaltung des Pfarrers und der übrigen Beamten auffiel.
Die Leute wagten sich nicht wie sonst heran, sie sprachen ihre Wünsche nicht so herzlich und offen wie früher aus, und der Pfarrer hatte nicht mehr seine altgewohnte Anrede vernehmen lassen, dass Alles hier zu land bleiben möge, wie es bisher gewesen, weil es so am besten sei. Er und die Pfarrerin blickten immer nur ängstlich nach dem Amtmanne und nach dessen Schwester; auch die Wirtschafter und der Justitiarius hielten sich zu den Steinerts, so gut sie konnten. Die Amtskinder, wie man Adam und Eva in ihrer Jugend genannt hatte, waren der Gegenstand der allgemeinen Teilnahme; auf die Herrschaften sah man in der Besorgniss, was sie den Steinerts tun würden, was es mit diesen geben könne, und selbst aus den Worten der ergebenen Gratulation glaubte der Freiherr einen Vorwurf gegen sich und ein Misstrauen in die Zusicherung des Wohlwollens und der Geneigteit herauszuhören, welche er, nach alter Sitte und Gewohnheit, den im Dienste Befindlichen und Verbleibenden versprach. Was half diese Zusage des Freiherrn ihnen auch im grund? Man wusste nicht, wer an Adam's Stelle kommen würde, und das Wohlbehagen und Wohlergehen jedes Einzelnen hing vor Allem von dem guten Willen und der Rechtschaffenheit des Amtmanns ab. Was man an den Steinerts gehabt hatte, das war Jedermann bekannt; was kommen konnte, war nicht zu berechnen, und das versicherten die Verwalter und Wirtschafter jetzt Jedem, der es hören wollte, wie sie es sich unter einander längst gesagt hatten: wenn jetzt nicht ein eben so tüchtiger und rechtschaffener Amtmann in die herrschaft käme, wie Adam Steinert es gewesen, so wäre kein Durchhalten möglich, und man würde etwas erleben, auch wenn sie selber, wie bisher, gewissenhaft das Ihrige täten.
Das Misstrauen, die Unzufriedenheit, der Zweifel schwebten wie eine ansteckende Krankheit in der Luft. Niemand sah sie, Jeder fühlte sich von ihrem beängstigenden Hauche ergriffen, und wie lustig lodernd die Feuer in dem saal auch brannten und wie hell die Sonne auch die lange Reihe der Ahnenbilder beleuchtete, es wurde Niemandem wohl bei diesem NeujahrsFrühstücke; selbst