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Sachen, die der Bote von der Post geholt hat, Briefe gekommen, die haben es getan. Der Jude, welcher des Herrn Geldgeschäfte macht, kündigt ihm die vierzigtausend Taler auf Rotenfeld, und es muss auch mit dem vertrackten Marquis wieder etwas vorgefallen sein, was mit den Geldangelegenheiten zusammenhängt. Ich sah grosse Zahlen und Berechnungen in dem Briefe, obschon der Herr ihn seitwärts hielt. Als er ihn zweimal gelesen hatte, steckte er ihn ein, aber seine üble Laune hatte er weg, dennvon Flies zu fordern haben wir schon lange nichts mehr!

Und dazu wieder die grossen silbernen Toiletten, welche jetzt zu Weihnachten nach dem Muster der alten Waschgerätschaften, die vor ein paar Jahren angeschafft wurden, für unsere gnädige Frau und für die Herzogin gemacht worden und angekommen sind! bemerkte kopfschüttelnd der Haushofmeister. Mich soll's wundern, wann die Herzogin einmal zu wünschen aufhören wird. Ewig kann das ja nicht dauern!

Freilich! Es geht Alles einmal zu grund in dieser wandelbaren Welt; aber après nous le déluge! Und wenn's denn nur immer bei dem après nous bleiben wollte, versetzte der Secretär, welcher sich die Schlagworte angeeignet hatte, deren er die Herrschaften sich bedienen hörte. Er fuhr indess erschrocken zurück, als in dem Augenblicke der Kammerdiener die Türvorhänge aufhob und die ganze Gesellschaft, voran der Freiherr, die Herzogin am arme, in den Saal eintrat. Sie hatten beide das Wort gehört, und unwillkürlich sagte der Freiherr zu sich selbst: Welch ein Anruf ist das! – Auch Angelika, deren übles Aussehen Allen auffiel, sah nach dem Secretär hinüber und ihre Mienen zuckten leise zusammen. Ihre Schwäche fing an, ihr oftmals die herrschaft über sich zu rauben.

Die Frauen nahmen auf dem Canapee ihre Plätze, die Männer, der Freiherr in ihrer Mitte, standen in einer Gruppe in ihrer Nähe, als man meldete, dass der Pfarrer mit seiner Frau, der Amtmann mit seiner Schwester angekommen wären. Der Freiherr ging dem Geistlichen ein paar Schritte entgegen, reichte ihm und der Pfarrerin die Hand und hiess sie willkommen, als sie ihm ihre Glückwünsche aussprachen. Er schien Adam und seine Schwester nicht zu sehen, und doch hatten sie ihr Bestes getan, sich heute bemerklich zu machen und es zu beweisen, dass sie nicht in Sorgen, sondern guten Mutes in das neue Jahr hinübergingen.

Der Amtmann hatte den Haarbeutel abgelegt und sich, wie Herbert das schon lange getan, nach der neuen französischen Mode gekleidet. Auch Eva hatte die ländliche Dormeuse abgenommen und trug ihr schönes, braunes Haar, wie Herbert dieses liebte, frei um Gesicht und rücken niederfliessend. Sie sah auffallend hübsch aus, und die Blicke der männlichen Gäste richteten sich auf sie, als sie sich der Baronin näherte, ihr die Hand zu küssen, während der Amtmann noch immer da stand, erwartend, ob der Freiherr es endlich für angemessen finden werde, seine Gegenwart zu bemerken, ob er endlich die geflissentliche und sehr gnädige Unterhaltung mit dem Pfarrer unterbrechen werde.

Adam fand den Freiherrn in den letzten Monaten wesentlich älter geworden, und wie er so von ihm hinaufsah nach dem verstorbenen Herrn und dann zu Renatus hin, der zwischen den Knieen des Caplans stand, konnte er sich eines Seufzers nicht erwehren; aber dieser Seufzer galt nicht dem eigenen Geschicke. Wer wird künftig für sie schaffen, wie wir's getan? dachte er, und er fühlte den Groll, den er seit seinem Zusammenstosse mit dem Freiherrn gegen ihn gehegt, in seinem treuen, festen Herzen schwinden, da er sich baldiger Freiheit sicher und seinen Stern im Steigen wusste, während die sorge seinem bisherigen Herrn immer näher rückte, dass er sie kaum noch von sich weisen konnte.

Plötzlich, als habe der Seufzer des Amtmanns ihn erst aufmerksam auf ihn gemacht, wendete er sich zu ihm und sagte: Ich dachte, Er wäre auf's Güterkaufen aus!

Diese Anrede hatte Adam nicht erwartet, aber da er den Freiherrn kannte, erschreckte sie ihn mehr als sie ihn kränkte. Was muss ihm geschehen sein, dass er sich so vergessen kann? dachte er, und guterzig und nachsichtig wie ein Glücklicher, sagte er: Da ich nach meinem Abkommen mit dem gnädigen Herrn noch bis zum Herbste in seinem Dienste bleibe, konnte ich ja nicht ohne Urlaub fort, und hätte mich nicht unterfangen, den Herrschaften am letzten Neujahr meinen Glückwunsch schuldig zu bleiben. Möge es den Herrschaften so wohl gehen, als wir es von je mit ihnen und ihrem Dienste gemeint!

Adam war bewegt, und der Freiherr hörte das. Aber da er verstimmt und gereizt war, klang selbst der gute Wunsch ihm wie ein Vorwurf, und fast widerwillig sprach er sein kurzes: Ich danke, ich danke Ihm! zu seinem Untergebenen aus, der dies nicht lange mehr bleiben sollte. Er konnte den Ton gegen ihn nicht mehr finden, seit er Adam nicht mehr ganz zu ihm gehörend wusste, und er zwang sich zu der Frage, was Adam denn für Plane habe, weil diese Frage eine Verzeihung und ein Anerkenntniss in sich schloss.

Ich habe ein Angebot auf Marienau getan. Ich kenne das Gut genau, und der Besitzer kann es nicht mehr halten, sagte Adam.

Ich weiss, ich weiss! rief der Freiherr und wendete sich kurz und hastig von dem Amtmanne ab. Die Vorstellung, einen alten Lebensgenossen aus seiner Nähe scheiden, einen alten Edelmann von dessen haus auswandern zu sehen