den Gründen seiner Freunde entgegen zu stellen, bestärkte ihn in seinen Ueberzeugungen wie in seinem Vorsatze. Hochgehobenen Hauptes und heiterer Stirn aufzutreten, wenn er Alles um sich her gebeugt sah, war ihm ein durch nichts Anderes zu ersetzender Genuss; und mit einem Lächeln der Ueberlegenheit ermahnte er die Baronin wie seine Freunde, innere Erlebnisse nicht zur Schau zu tragen, ihre Mienen und ihre Stimmung nicht zu Verrätern an sich werden zu lassen und den Lauf des ruhigen täglichen Lebens nicht zu unterbrechen, weil man mit sich selber etwas abzumachen habe.
Ueberlassen wir es den Steinerts, sagte er gelegentlich, von sich, von ihrem Schicksale und von Eva's Herzensgeschichte auf zehn Meilen in der Runde sprechen und sich loben oder tadeln und beklagen zu lassen, je nach dem Belieben Anderer. Man muss sich unnahbar machen, wenn man unangetastet bleiben will, und mich dünkt, mit sehr geringer Selbstbeherrschung könnte die Baronin, mit etwas achtung vor meinem berechtigten Verlangen könnte der Caplan und könnten Sie, meine teure Margarete, das Vergangene, wie ich, auf sich beruhen lassen und mir die Unannehmlichkeit ersparen, mein und meines Hauses Leben von der Neugier meiner Leute unnötig berührt zu sehen.
Das waren Empfindungen und ein Stolz, welche die Herzogin vollkommen begriff und würdigte. Sie stimmte mit der Ansicht des Freiherrn überein, dass es für den Adel jetzt doppelt geboten sei, sich in ungebrochener Würdigkeit, im Vollbesitze aller seiner Standesehren und Vorrechte vor dem niederen volk zu behaupten, und sie konnte bei der unverhohlenen Kälte und Entfremdung, mit welcher Angelika ihr seit den letzten Ereignissen begegnete, überhaupt nicht lange im Zweifel darüber bleiben, nach welcher Seite sie sich zu ihrem eigenen Besten wenden müsse.
Lange Zeit die Rolle der Trösterin, der Versöhnerin zu spielen, während die Baronin sich ihrem Troste unzugänglich zeigte und der Freiherr gegenüber ihren vermittelnden Bestrebungen seine überzeugung aufrecht erhielt, wäre dem auf Erfolg gestellten Wesen der Herzogin ohnehin nicht möglich gewesen. Eine Ausgleichung aber, ein Verständniss können sich nicht herstellen, wo eigenwilliger Stolz in dem Menschen mächtiger als die verständnissvolle Liebe ist und wo eine wahrhafte Annäherung schon durch das absichtliche Dazwischentreten übelwollender Personen nicht zu stand kommen kann. Von gleichem Stolze beseelt und fortgerissen wie ihr Gatte, gewann es daher die Baronin auch endlich über sich, es seinem Auge zu verbergen, wie unglücklich sie sei, wie unglücklich es sie mache, sich von ihm verstossen zu wissen. Sie gewann es über sich, jene Ruhe an den Tag zu legen, in welcher der Freiherr sich zeigte, in der er seine ganze Umgebung zu sehen begehrte, eine Ruhe, die sie zu fühlen weit entfernt war und deren Anschein, obschon er sich's nicht eingestand, den Freiherrn nur noch fester in dem Glauben werden liess, dass er sich in Angelika getäuscht, dass sie ihn nie geliebt und dass er in ihr nie das Herz besessen habe, welches ihn zu beglücken, ihm zu genügen fähig gewesen wäre.
Allen weiteren Belästigungen und Erörterungen zu entgehen, hatte der Freiherr bald nach seiner heimlichen Trennung von Angelika eine Einladung zu den grossen Jagden angenommen, welche einer der Prinzen auf seinen Gütern um diese Zeit veranstaltete, und war erst kurz vor den Weihnachtstagen, und zwar in Begleitung verschiedener Gäste, wieder in das Schloss zurückgekehrt.
Das Weihnachtsfest wurde mit gewohnter Freigebigkeit und Gastlichkeit begangen; die Gäste sollten bis über das Neujahr im schloss verweilen.
Befehlen der gnädige Herr, dass morgen der grosse Saal geöffnet und die Leute angenommen werden sollen? erkundigte sich am Sylvestertage der Haushofmeister, als der Freiherr ihn rufen lassen, um ihm einen Auftrag zu erteilen.
Wie anders? antwortete dieser. Der Haushofmeister verneigte sich und ging davon. Es war das erste Mal, dass er diese Frage für nötig erachtet hatte, das erste Mal auch, dass der Freiherr sich den Glückwünschen seiner Leute gern entzogen hätte. Aber es befanden sich im schloss unter den Gästen mehrere Personen, welche in manchem früheren Jahre Zeugen dieser herrschaftlichen Ceremonie gewesen waren, und der Freiherr hielt es für angemessen, von einem alten Herkommen nicht abzulassen.
Der Ahnensaal zu ebener Erde war ein schöner Raum. In den beiden grossen Kaminen an seinem oberen und unteren Ende brannten am Neujahrsmorgen helle Feuer, und die Sonne, welche draussen den Schnee funkeln und die dicken Fransen des Rauhreifs an den Aesten der Bäume glitzern machte, schien so hell in den Saal hinein, als wolle sie die brennenden Feuer unsichtbar machen und beschämen.
Die lange Reihe der Ahnenbilder war sorgfältig abgestäubt worden, man hatte die Teppiche vor den gradlehnigen Canapee's über den Fussboden gebreitet, der Haushofmeister liess auf dem schweren Marmortische die altertümlichen Gerätschaften auftragen, deren man sich, seit die Baronin Angelika im schloss lebte, am Neujahrstage zu bedienen pflegte. Man nannte diesen Empfang im Ahnensaale das FamilienFrühstück, weil man dann die Mahlzeit beim Beginne des neuen Jahres gleichsam unter den Augen des ganzen hingegangenen Geschlechtes einnahm und die sämmtlichen Beamten der herrschaft mit einem Imbiss bewirtete. Während der Haushofmeister die silbernen Kuchenschalen und die Flaschen des süssen spanischen Weines kunstgerecht ordnete, kam des Freiherrn Secretär dazu.
Seht nur zum Rechten, sagte er, der Herr ist heute übler Laune! – Der Andere meinte, das sei jetzt nichts Seltenes. Doch mit Unterschied, bemerkte der Secretär; heute ist's besonders schlimm! –
Als der Haushofmeister zu wissen wünschte, was denn vorgefallen sei, liess der Secretär sich erst eine Weile nötigen, dann sagte er: Es sind heute unter den