in der guten Meinung des freiherrlichen Paares zu entwurzeln, ja, ihn zu entfernen. Jetzt schien sie dies völlig vergessen zu haben. Sogar der Gedanke, dass der würdige Mann sie und ihr frevelhaftes Spiel mit der Wohlfahrt ihrer Gastfreunde durchschaut habe und dass er es verdamme, hielt sie nicht ab, sich an ihn und seinen Beistand zu wenden, sobald sie seiner zu bedürfen glaubte; denn wie alle Selbstsüchtigen, besass sie das festeste Vertrauen in die Selbstlosigkeit der Anderen und jenen Hochmut, der für alles getane Uebel schnelle Vergessenheit, für jeden neuen Einfall Zustimmung und Beistand zu finden erwartet, wenn demselben nur der Anschein eines edlen Zweckes anzudichten ist.
Der Caplan erkannte und durchschaute dies Alles; aber in der Gefahr, in welcher seine Freunde sich befanden, glaubte er sich jedes Mittels bediene, zu müssen, das eine hülfe zu bieten schien, obschon seine Hoffnung auf ein Gelingen und sein Glaube an die Möglichkeit, die Ehe des Freiherrn herzustellen, nur gering waren.
Angelika war keine tatkräftige und war doch dabei eine stolze natur. So lange sie sich berechtigt geglaubt hatte, mit ihrer ungeteilten Liebe die Liebe ihres Gatten, die er ihr zugeschworen, zu verdienen, so lange ihr reines Gewissen seine volle achtung fordern konnte, hatte sie den Mut gehabt, dem Freiherrn in den zeiten seiner geistigen Bedrängniss zu hülfe zu kommen, und es hatte sie über sich selbst hinausgehoben, dass sie zu trösten, zu verzeihen, dass sie herzustellen vermochte. Seit sie sich schuldig glaubte, sich schuldiger fühlte, als sie war, hatte eine Verzagteit sie erfasst, gegen welche der Caplan vergebens angekämpft, da er andererseits genötigt gewesen war, Angelika mit ernster Strenge vor der Nachgiebigkeit gegen ihre Schwäche zu warnen, welche in den Lehren und Unterhaltungen der Herzogin immer neue Nahrung und Beschönigung gefunden hatte. Wer aber, wie Angelika, wahrhaften Sinnes und also eigentlich nicht geneigt ist, sich zu betrügen, wer sich selber seine Fehler zu Herzen nimmt und sie sich schwer verzeiht, weil er den Anspruch der Würdigkeit an sich macht, der fühlt auch die Verzeihung der Andern nicht als eine Wohltat, sondern als eine Demütigung, unter deren Last er sich nicht leicht erhebt; und wie furchtbar das übereilte VerdammungsUrteil ihres Gatten Angelika auch traf, es lag darin ein Etwas, das ihr willkommen war, das ihrem eigenen Empfinden, ihrem in diesem Falle übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl entsprach.
Hätte der Freiherr sich dazu verstanden, sie über ihre Neigung für Herbert aufzuklären, hätte er sie liebevoll zu sich gezogen, so würde sie sich bestrebt haben, zu vergessen, und bemüht gewesen sein, die Liebe und das Wohlgefallen ihres Gatten wieder zu erringen. Aber der Freiherr hatte die Wahrheit gesprochen, als er gegen den Caplan behauptet, dass er eigentlich niemals eine wirkliche Liebe für Angelika gefühlt habe, und er hatte es, für sich eingenommen wie er war, ihr durch alle die Jahre nicht vergessen, dass sie ihn schwach gesehen und dass sie ihm einmal in Gegenwart des Geistlichen ihr einstiges inneres Missfallen an seiner person erklärt hatte.
Jetzt sich von Angelika im Angesichte der Herzogin einen jüngeren, einen Mann geringeren Standes vorgezogen zu sehen, von seinem weib das geständnis hören zu müssen, dass sie einen Anderen liebe, das waren Kränkungen gewesen, die er nicht verzeihen und von denen er sich nur durch eine Tat befreien konnte, mit welcher er seine Selbsterrlichkeit vor sich selber, vor Angelika und vor den Augen der Herzogin, ein für alle Mal feststellte.
Er hatte dabei keinen grossen Widerstand in sich zu überwinden, denn wo der Stolz und die Eitelkeit in einem Menschen die Oberhand behaupten, werden vor denselben alle anderen Empfindungen und Rücksichten leicht zum Schweigen gebracht, und der unausgesetzte Verkehr mit der älteren, ihm beständig schmeichelnden und der Baronin geistig überlegenen Freundin hatte ihn seit lange gleichgültiger gegen Angelika und selbst gegen ihre körperliche Schönheit gemacht, als er es sonst wahrscheinlich geworden sein würde. Er brachte also kein schweres Opfer, er gab keine ihm unentbehrlich gewordene Gemeinschaft auf, als er sich von Angelika entfernte, und er fand mit dieser Entsagung dasjenige für sich wieder, was ein Mann von seiner Art am wenigsten entbehren kann, was er am höchsten schätzte: persönliche Befriedigung und das Wohlgefallen an sich selbst und an seiner Machtvollkommenheit.
Anders jedoch stand es um die Baronin. Der gewaltsame Entschluss ihres Gemahls gab ihr ein Recht, sich unglücklich zu fühlen, und da sie, wie Jeder, das Verlangen in sich trug, eine Folgerichtigkeit zwischen ihrem Erleiden und ihrem Verschulden zu entdecken, so überliess sie sich unwillkürlich ihren Gedanken an die entbehrte Liebe, und ihrem Schmerze um Herbert mit solcher Heftigkeit, dass sich eben an dieser heftigen leidenschaft ihr krankhaftes Schuldbewusstsein bis zu jener Höhe steigerte, welche sich bereitwillig zu jeder Busse zeigt und eine schwärmerische Wollust in dem Leiden, in dem völligen Verzichten findet.
An der Selbstzufriedenheit des Freiherrn, an der Wollust, mit welcher seine Gattin sich verdammte, scheiterten die Versuche, welche der Caplan zu der Vereinigung der Getrennten unternahm. Der Freiherr gefiel sich überaus darin, den Geistlichen sowohl als die Herzogin von der Festigkeit seiner Entschlüsse und seines Charakters wie von seinem strengen Ehrbegriffe zu überzeugen. Aus der Mühe, welche sich der Eine und die Andere, jeder auf seine Weise, mit seiner Bekehrung gaben, ersah er mit Vergnügen die Wichtigkeit, die sie ihm und seinem Schicksale beilegten; und die notwendigkeit, in den oft und in verschiedenster Weise wiederkehrenden Gesprächen über diesen Gegenstand seine Gründe