es in dem vorigen und in den ihm zunächst vorangegangenen Jahren gewesen war. Aber auch über das Leben der Schlossherrschaft lag, wie draussen die kühle, weisse Decke des Schnee's, der verhüllende Mantel der formvollen Gewohnheit und der feinen Sitte gebreitet und entzog dem Auge, was sich unter ihm verbarg.
Es war ein Schweigen über die Menschen gekommen. Angelika kränkelte und sah noch übler aus, als ihre seltenen Klagen über ihr Befinden es rechtfertigten. Der Freiherr hatte, weil er spät zu wachen liebte und weil Angelika, wie er sagte, Ruhe haben sollte, ihre Zimmer verlassen und die wohnung bezogen, welche er vor seiner Verheiratung inne gehabt hatte, und alle einzelnen Personen hielten sich mehr als je bisher in ihren besonderen Gemächern auf. Die Herzogin erschien sehr niedergeschlagen. Man glaubte, dass sie den Marquis vermisse und dass sie Langeweile fühle, denn sie liess den Caplan öfter zu sich bitten, hatte lange gespräche mit demselben, und doch sah man nicht, dass sich eine wirkliche Annäherung zwischen den beiden Personen gebildet hätte oder auch nur allmählich bildete. Was sich allein und immer gleich blieb, war die Freundschaft, welche der Freiherr für die Herzogin an den Tag legte, und die rücksichtslose Freigebigkeit und Zuvorkommenheit, mit welcher er allen ihren Neigungen begegnete. Der Freiherr zeigte sich immer ruhig, Angelika sanft, aber zurückhaltend, und man hätte fast meinen sollen, es läge nur an der Verstimmung der Herzogin, dass die Anderen sich nicht in der früheren geistigen Freiheit bewegten, es bedürfe nur ihres guten Willens, um Alles wieder in das alte Geleise zu bringen; denn dass nicht mehr Alles in dem guten alten Geleise stehe, dass etwas Besonderes, dass noch etwas Anderes, als der Streit mit dem Amtmanne und dessen bevorstehende Entlassung vorgefallen sei, daran zweifelte in der herrschaft bald Niemand mehr. Aller der Leute, die, wie ihre Eltern auf den Gütern geboren und erzogen, ihre Welt in diesem engen Kreise hatten, begann sich dadurch eine Unsicherheit zu bemächtigen. Sie hatten stets den Glauben gehegt, dass sich bei ihnen in Richten nichts ändern könne und dürfe, und dass sich etwas geändert hatte, ohne dass sie sich zu erklären wussten, was sich geändert habe, steigerte ihr Unbehagen.
Aber grade die Frau, welche an den mannigfachen Wandlungen in Schloss Richten und in dem Leben seiner Besitzer einen so grossen und unheilvollen Anteil hatte, grade die Herzogin war am meisten betroffen über die Wendung, welche die Gedanken und Entschlüsse des Freiherrn genommen hatten; und wenn sie davon auch nicht im Gemüte angegriffen wurde, so nahm sie es doch mit einer Art von Schrecken wahr, dass die von ihr so fein gesponnenen und so geschickt verknüpften Fäden nicht das Gewebe bildeten, auf das sie es abgesehen, weil sie nicht genugsam in Betracht gezogen hatte, dass es sich mit Menschen nicht so sicher als mit toten Zahlen rechnen lasse und dass die Personen, welche sie als ihre Werkzeuge zu betrachten sich gewöhnt hatte, sich plötzlich erheben und sich zu einer Entscheidung aufraffen könnten, stark genug, alle Berechnungen und Erwartungen der planvollsten Voraussicht mit einem Schlage zu durchkreuzen.
Das habe ich nicht gewollt! sagte sich die Herzogin, als der Freiherr ihr vertraut hatte, was er in sich beschlossen, und mit diesem Ausrufe wälzte sie alle Verantwortung und Schuld von ihren Schultern auf die seinigen. Sie brauchte nicht einzustehen für das, was sie nicht bezweckt hatte. Sie hatte sich zerstreuen, sich unterhalten, ein wenig Einfluss auf ihre Freunde gewinnen wollen, sagte sie sich; sie hatte die Baronin von ihrer deutschen Schwerlebigkeit zu heilen, den Freiherrn von der herrschaft seiner allzu strengen Gattin zu befreien gewünscht; sich selber und seinen alten, fröhlichen Gewohnheiten hatte sie ihn wiedergeben wollen, indem sie nebenbei sich und ihrem Bruder das Leben in der Einsamkeit so gut es ging erheiterte, und plötzlich hatte die stolze Ueberspannteit des Freiherrn alles Mass und Ziel so völlig überschritten, dass die Herzogin sich mit einem Male zur Zeugin und zur Vertrauten eines ehelichen Zwiespaltes auserkoren fand, der schwer und tief genug war, um selbst eine Frau wie sie mit ernstem Erschrecken zu erfüllen. Sie konnte dies dem Freiherrn nicht verzeihen, denn er ganz allein und Niemand sonst trug nach ihrer Meinung die Schuld des Unheils. Sie nannte es unverantwortlich von ihm, dass er der Baronin nicht die Hand bot, um über eine Schwäche, über einen kleinen verzeihlichen Herzensirrscham fortzukommen; und wie natürlich, wendete ihre ganze Teilnahme sich unter diesen Verhältnissen der Verkannten, der Leidenden, der Baronin zu.
Es blieb der Herzogin in diesem Augenblicke auch keine andere Wahl, wenn sie sich nicht der ihr zur anderen natur gewordenen Einmischung in fremde Angelegenheiten für die nächste Zeit entalten wollte; und der Caplan hatte Recht gehabt mit seinem Worte: sie kann nicht rasten und nicht ruhen! – Die müssige Herrschsucht, das eitle Bedürfniss nach immer neuer scheinbarer Tätigkeit, die Lust, sich an fremden Empfindungen zu ergötzen, waren unersättlich und ohne Rast in der kalten, selbstsüchtigen, mit unruhiger Phantasie begabten Frau, und sie wurden nur von dem dreisten Selbstbetruge übertroffen, mit dem sie sich in eine neue Rolle zu versetzen wusste, so oft die alte ihr beschwerlich oder unhaltbar für sie zu werden anfing.
Seit Jahren hatte sie den Caplan gemieden, weil er der Missbilligung kein Hehl gehabt hatte, mit der er ihr Treiben und ihren Einfluss auf den Freiherrn und auf Angelika verfolgte, und sie war seit lange bestrebt gewesen, ihn