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ich das Alles so vor mir sehe, sagte sie mit einem Male, ist's mir grade, als ob ich die ganzen vergangenen Jahre wieder vor mir hätte. Von jedem Stücke kann ich sagen, wann er es mir geschenkt hat, wann ich es zuerst getragen und gebraucht, und wie Alles damals gewesen ist. Manches liegt noch ganz neu da, Manches ist nicht mehr zu gebrauchen, und ich könnte es doch nicht fortgeben. Sie bückte sich bei den letzten Worten, nahm aus der untersten Lade eine Jacke von Kattun hervor, hielt sie dem Caplan hin und sagte: Sehen Sie, Hochwürden, das war der erste Anzug, den er mir nach seiner Rückkehr kaufte. Ich war damals noch nicht ausgewachsen und so mager! Aber ich hätte es nicht mit ansehen können, dass ein Anderer mir nachgetragen, was er mir einmal gegeben hat.

Der Caplan warf einen blick auf das bezeichnete Kleidungsstück und machte die Bemerkung, dass es ihr auch künftig an Nichts fehlen und der Baron für alle ihre Bedürfnisse auch künftig sorgen lassen werde.

Sie hörte nicht darauf, denn sie war viel zu sehr mit sich und der Vergangenheit beschäftigt. So oft er nach der Stadt fuhr, brachte er mir Etwas mit, nahm sie wieder das Wort. Zuletzt dieses grosse, rote Umschlagetuch. Ich sollte mich darüber freuen, ich sollte sehen, wie schön es sei. Schön genug war es, aber freuen konnte ich mich nicht mehr darüber. Ich wusste ja schon, was hier bevorstand.

Die Freude an Deinem Hab und Gut wird wiederkommen, sagte der Caplan, wenn Du erst wieder in Ruhe und unter Menschen sein wirst, denen Du Deine Sachen zeigen kannst.

Sie schüttelte verneinend das Haupt. Wer so unglücklich gemacht werden soll, wie ich, den freut Nichts mehr, und aus dem Unglück darf man nicht zurückdenken an die guten Tage, wenn's einem das Herz nicht brechen soll. Ich wollte, ich hätte die Commode gar nicht aufgemacht!

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, schloss die sämmtlichen vier Schubladen zu und steckte die Schlüssel in die tasche von weissem Piqué, die sie unter ihrem Kattunrocke trug.

Der Caplan stand auf; das schien sie zuerst auf den Gedanken zu bringen, dass sie mit dem Aufräumen in seiner Gegenwart etwas Ungehöriges getan hätte. Sie bat ihn desshalb um Entschuldigung. Aber, fügte sie hinzu, wenn Sie nur ein einziges Mal erfahren hätten, wie einem Menschen zu Mute ist, dem so wie mir der Todesstoss gegeben wird, so würden Sie wissen, auf was man da Alles verfällt. Elend muss man kennen, damit man's versteht!

Die Worte kamen ihr von Herzensgrund und rührten den Caplan durch den Ausdruck, mit welchem sie gesprochen wurden. Er seufzte unwillkürlich, sah Pauline an, zögerte einen Augenblick und sagte dann mit ganz verändertem Tone: Und wenn ich es nun verstände, was Elend ist, wenn ich es wüsste, wie Dir Armen zu Mute ist?

Sie richtete ihre dunkeln Augen forschend auf seine Miene. Hochwürden, was soll das sagen? fragte sie danach. Sie sollten wissen, wie mir zu Mute ist? So wie Sie, Hochwürden, sieht man nicht aus, so still und ruhig nicht, wenn man so zerschmettert worden ist und sein Alles verloren hat, wie ich.

So still und ruhig wird man, kann man werden, wenn man sich vorhält, dass Alles, was wir leiden, uns von Gott kommt, und dass der Heiland selbst sein Kreuz getragen, dass Christus selbst den Kelch des Leidens ausgekostet hat bis auf den letzten Tropfen! entgegnete er ihr.

Pauline schwieg, als stände sie an geweihter Stätte, als sei ein Vorhang vor ihr aufgezogen, der ihr ein Allerheiligstes offenbarte. Sie faltete die hände, ihr blick hing mit einer ganz neuen, liebevollen Empfindung an dem milden Antlitze des geistlichen Herrn, und näher zu ihm tretend, während sich ihre Wangen röteten von der Scheu, mit welcher sie die Frage an ihn richtete, sprach sie leise: Hochwürden, sind Sie denn auch verlassen und verstossen worden?

Nein! entgegnete er.

Was ist Ihnen denn geschehen? forschte sie weiter, und ihre stimme wurde weicher, ihr blick von Teilnahme gesänftigt.

Er nahm sie bei der Hand, setzte sich und nötigte sie damit, sich ebenfalls niederzulassen; dann sagte er ruhig: Ich habe mich überwunden!

Freiwillig? rief sie aus.

Freiwillig! wiederholte er, und sie schwiegen Beide. Pauline war wie umgewandelt, sie vergass sich selbst in diesem Augenblicke. Das Vertrauen des Caplans hatte sie erhoben. Ihn aber hatte es eine neue, grosse Ueberwindung gekostet, vor Pauline von seinem eigenen Geschicke zu sprechen; indess er hatte richtig erkannt, dass man auf diese Frau nur wirken könne, indem man ihre Teilnahme auf einen Anderen richte und ihr ein Beispiel aus dem Bereiche vorhielt, den sie kannte und übersah. Das Verlangen, mehr von dem Schicksale des Geistlichen zu hören, liess ihr nun keine Ruhe. Sie wollte vergleichen können, und doch band die Ehrfurcht ihr die Zunge, bis sie endlich die Frage wagte: Und jetzt, Hochwürden, sind Sie denn jetzt nicht mehr unglücklich, haben Sie verschmerzt, was Sie gelitten, was Sie geopfert haben?

Ja, ich habe es verschmerzt! Ich habe wieder Freude an dem Leben, ich habe Menschen, deren Wohl und Wehe mir sehr am Herzen liegt