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und zuckte die Schultern. Sprechen Sie es aus, rief der Freiherr, da ich ja doch weiss, was Sie denken! Aber der Caplan gab dieser Aufforderung nicht Folge. Er wusste, dass nicht immer der nächste Weg der beste ist, und sich vorläufig von dem gegenstand, der ihn hieher geführt, anscheinend zurückziehend, sprach er: Ich habe Sie oftmals und mit Recht über jenes Verlangen nach Neuerungen klagen hören, das jetzt in den Geistern rege ist. Sie aber, Herr Baron, befinden sich ja in der glücklichen Lage, dass man von Ihnen nur die Erhaltung der früheren Zustände begehrt. Es ist gut, dass ein mir unbekannter Anlass den Herrn Marquis entfernte, die Leute freuen sich darüber und wären gern bereit, es als eine ihnen gewährte Gunst zu betrachten, wenn Sie daneben nur den Amtmann in seiner Stelle lassen wollten. Die Steinerts gehören für die Vorstellung der Leute hier zum Grund und Boden. Es ist ihnen also, als ob der Boden unter ihnen wanke, seit es heisst, dass Steinert fort soll, und da im Laufe der Jahre im schloss einige der Domestiken durch Franzosen ersetzt worden sind, so fürchten die Leute ....

Die Leute und immer die Leute, fuhr der Freiherr auf, das ist's ja eben! Was kümmert es die Leute, wem ich die Verwaltung meiner Güter überantworte? Was kümmert es die Leute, wenn ich es vorziehe, mich lieber von gewandten Franzosen, da der Zufall sie mir bietet, bedienen zu lassen, statt erst mühsam die hiesigen tölpischen Burschen zu ungeschickten Domestiken auszubilden? Sie werden mich ungeduldig, mich misstrauisch machen mit Ihrem beständigen Hinweis auf das Wollen und Nichtwollen der Leute, lieber Caplan! Haben die Gedanken der Neuerer auch Sie ergriffen? Haben die in Frankreich gemachten und zu machenden Erfahrungen auch Sie noch nicht belehrt, dass man mit Nachgiebigkeit nur seine gefährliche Schwäche verrät? – Hätte ich auch damals nachgeben sollen, mein lieber Caplan, als die Leute bei der Grundsteinlegung zu unserer Kirche sich so widerwillig zeigten?

Er hatte diese Worte mit einer spöttischen Herausforderung gesprochen; aber er war sichtlich überrascht, als der Caplan ohne ein Zeichen von Missmut ruhig sagte: Vielleicht wäre es weiser gewesen, den Bau zu unterlassen; vielleicht irrte ich, als ich damals mein augenblickliches Bedenken gegen denselben unterdrückte, und ich hätte vielleicht mehr im Sinne und im geist meines Amtes gehandelt, wenn es mir gelungen wäre, Sie und die gnädige Frau von dieser äusserlichen Befriedigung einer religiösen Empfindung zurückzuhalten und Sie dafür um so lebhafter auf jene innerliche Auferbauung hinzuweisen, in deren Heiligtum kein Zweifel einzudringen vermocht haben würde. Aber das ist jetzt nicht mehr zu ändern!

Und wieder blieb der Freiherr vor ihm stehen. Sie würden also, das sehe ich, sich in Frankreich auch zu den Geistlichen gehalten haben, die den Eid auf die Verfassung leisteten! rief er vorwurfsvoll.

Ganz gewiss! entgegnete der Caplan.

So hatte die Herzogin doch Recht, sprach der Freiherr wie zu sich selbst; aber die Worte entgingen dem Ohre des Geistlichen nicht und sie klärten ihn über die Wege auf, welche die Herzogin eingeschlagen hatte, um ihm den Freiherrn abgeneigt zu machen; auch liess dieser ihn darüber nicht im Ungewissen.

Es bewegt mich sonderbar, nahm der Baron nach kurzem Schweigen im Tone ruhigster Unterhaltung und Betrachtung wieder das Wort, zu sehen, wie wenige Naturen sich dem mächtigen Strome der Zeit entgegensetzen, wie Wenige sich ihrem umgestaltenden Einflusse entziehen. Sie nannten sich vorher einen einsamen Mann. – Sie sind nicht einsam in der Welt, die uns umgiebt, mein lieber Freund, denn Sie haben die grosse Menge für sich, die überall zusammenhält, überall für sich Zugeständnisse begehrt, überall zum leicht errungenen Gemeingut machen möchte, was unser altes, wohl erworbenes Erbe ist. Ich tadle Sie nicht, hob er nach flüchtiger Unterbrechung seiner Rede wieder an, wenn Sie in sich die Kraft nicht fühlen, gegen einen solchen wilden Strom zu schwimmen und sich seinem fortreissenden zug zu widersetzen. Aber haben Sie sich wohl jemals gefragt, wohin dieses Nachgeben Sie führen wird, oder haben Sie geglaubt, bis hieher, bis zu uns, könnten die Fluten des Unheils nicht dringen, welche in dem unglücklichen Frankreich Tron und Kirche, das Leben des edelsten Königspaares und das Leben all der Tausende von Märtyrern der guten Sache in sich begraben haben? Es ist gar zu verlockend für die rohen massen, zügellos zu sein und keine Gewalt über sich anzuerkennen, als die eigene blinde Willkür. Sie haben den König ermordet, den Adel seines Besitzes, seiner Rechte beraubt und das Blut vergossen, dessen erhabene Herkunft sie auch damit nicht zu vernichten vermochten; sie haben die Kirche aufgehoben und sich bis zum Wahnsinne der Gottesleugnung erhoben ....

Und die Kirche erhebt sich wieder unter dem Schutze Gottes, und das eigene Bedürfniss wird die von ihrem Hochmut Verblendeten wieder, Rettung vor sich selber suchend, zu den Füssen des Gekreuzigten führen! Es geht nichts unter, was unsterblich ist, und wandelbar in seiner Form, erhält das Ewige sich unwandelbar! rief der Caplan, während die Innigkeit seiner überzeugung sein würdiges Antlitz erleuchtete. Nicht uns dem Strome widersetzen können wir, denn er ist mächtiger, als der Wille des Einzelnen, und mächtiger, als das Zusammenhalten und Entgegenstemmen Vieler. Aber zu einander stehen sollen wir Alle dennoch in Liebe, damit wir uns erhalten in der Zeit der Not, damit wir eine Gemeinschaft bilden