ersten Male an Ihrer Menschenkenntniss, ja, selbst an Ihrem richtigen Empfinden irre!
Der Caplan beachtete den Vorwurf nicht. Nicht allein um glücklich zu werden, Herr Baron, auch um zu beglücken, nahmen Sie damals die Hand der Gräfin Berka in die Ihrige! sagte er. Dann machte er eine kleine Pause und sprach danach mit sanfter Eindringlichkeit: Es war viel geschehen, das Gemüt eines so jungen Wesens zu beunruhigen, die junge Frau hatte viel zu vergessen, viel zu tragen, und sie hat das redlich getan. Sie hat sich mit Liebe und mit Hingebung an ihre Pflicht, an ihren Gatten geklammert, sie hat ihre Familie aufgegeben, um mit ihm in seinem Glauben Eins zu werden, aber leider blieben Sie und die Frau Baronin nicht allein, und ....
Der Freiherr hatte eine gewisse Rührung bei der Erinnerung an jene ersten zeiten seiner Ehe nicht bemeistern können; bei den letzten Worten des Geistlichen fuhr er aber auf: Mahnen Sie mich daran nicht, ich bitte Sie darum! Ich mag nicht daran denken!
Der Caplan liess sich nicht beirren. Ich kenne das Herz der Frau Baronin besser, als sie selbst es kennt; ihre Seele ist schuldlos, ihr Tun ist ohne Makel! sagte er bestimmt; eine unbestimmte sehnsucht ihres reinen Herzens ....
Sie nennen ihr Herz rein? Und ich selbst, ich selbst, Caplan, unterbrach ihn der Baron, habe von ihrem mund, ohne all mein Zutun, ja, fast ohne meine Frage, hören müssen – er trat an den Geistlichen heran und sagte leise, seinen Zorn gewaltsam niederkämpfend – dass sie diesen Herbert liebe, dass sie ihn geliebt habe, seit er in mein Haus getreten, dass Herbert und Sie und die Herzogin und wer sonst noch diese schmähliche Verirrung kennen! – Und das nennen Sie reines Herzens sein? Das nennen Sie schuldlos und ohne Makel sein? – Sie sind sehr nachsichtig, mein Freund! Ihre Moral ist wenigstens nicht unerbittlich!
Er ging heftig im Zimmer umher. Des Caplans Miene wurde immer sanfter, sein Ton noch milder. Es war nicht der junge Mann, auf den ich hinwies, sagte er, als ich die überzeugung aussprach, es wäre diesem haus besser gewesen, wäre kein Fremder zwischen Sie und Ihre Frau getreten, es war die Frau Herzogin, an die ich dabei dachte!
Der Baron blieb vor ihm stehen. Die Frau Herzogin? wiederholte er. Sehen Sie, wie Ihre Voreingenommenheiten Sie bis zur Ungerechtigkeit verblenden! Die Herzogin ist es gewesen, die mir Nachsicht mit der Baronin anempfohlen, die ....
Die die Frau Baronin gelehrt hat, nahm der Caplan das Wort, Nachsicht mit der flüchtigen Aufwallung ihres Herzens zu haben, als jene den ersten Kampf mit einer augenblicklichen Verirrung ihrer Phantasie mit Strenge gegen sich selbst zu kämpfen dachte. O, mein verehrter Freund, rief der Geistliche, indem er sich erhob und an den Freiherrn herantrat, nur dieses Eine Mal hören Sie mich, mich allein, und glauben Sie mir! – Ich bin ein einsamer Mann. Kein Band der Blutsverwandtschaft, kein persönliches Verlangen, kein Ehrgeiz, kein Begehren knüpft mich an die Welt! Mein Wünschen habe ich früh begraben. All mein Wollen und Hoffen hatte ich an Ihr Haus geknüpft, und es gab eine Zeit, in welcher ich mit froher Zuversicht auf dessen Gedeihen und Bestehen blicken konnte, denn diejenigen, die es trugen und stützten, hatten sich in Liebe vereinigt und standen fest zusammen. Jetzt, wo der Geist einer wilden, neuen Zeit überall drohend seine Hand gegen das Bestehende erhebt, wo die alten Geschlechter durch Würde und Selbstvollendung das andringende neue Geschlecht mit sich versöhnen, wo ihr innerer Adel es dartun müsste, dass sie die Vorzüge verdienen, welche man ihnen missgönnt und streitig macht, jetzt, wo das ganze Leben des deutschen Adels darauf hin gerichtet sein müsste, es darzutun, wie er nichts gemein hat mit jener französischen Adelskaste, deren Sittenlosigkeit und Hochmut sie ihrem volk mit Recht verächtlich gemacht haben, und wo das Bestreben aller Wohlmeinenden das Band zu erhalten trachten sollte, das die alten eingeborenen Familien mit dem Bürgerstande und den Insassen der Güter verbindet, jetzt muss ich hier von allem dem das Gegenteil erfolgen sehen, und es ist Niemand da, Niemand ausser mir allein, der Ihnen zuruft: halten Sie ein, versöhnen Sie, stellen Sie her um jeden Preis – da es noch Zeit ist!
Des Freiherrn Aufregung hatte einem tiefen Nachdenken Platz gemacht. Er ging gesenkten Hauptes, die hände auf den rücken gelegt, mit langsamem Schritte in dem grossen Zimmer auf und nieder. Dieses Nachdenken ermutigte den Geistlichen. Denken Sie des Abends, sprach er, da Sie mir hier an derselben Stelle den Schmuck zeigten, den Sie der Frau Baronin zur Morgengabe bestimmten. Es ist Sitte unter uns, dass für jede neue Baronin von Arten der Schmuck vergrössert werde! sagten Sie mir damals, und ich dachte in meinem inneren: das ist in der Ordnung, sind doch auch das Ansehen und die Liebe, welche das Geschlecht derer von Arten hier im land geniesst, von Geschlecht zu Geschlecht gewachsen! – Und mit welchem Zutrauen, mit welcher Liebe empfing man Sie und die Frau Baronin hier bei Ihrem ersten Kommen! Keinem Königspaare wurde mehr verehrende Neigung entgegen gebracht – keine Frau der Welt war mehr geeignet, mehr gewillt, diese Liebe zu verdienen – bis .... Er hielt inne