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gleichem Sinne mit ihm auf die Geschwister wirke, und es in Aussicht gestellt, dass es vielleicht nur einer Vorstellung des Amtmanns bedürfe, den Freiherrn sein Wort zurücknehmen zu machen, der ja im grund gütiger Gemütsart sei, und in der rechten Stimmung auch wohl allmählich in die Heirat Eva's willigen werde. Indess er hatte schon lange weder im Amtause noch in der Pfarre das frühere Gehör für sich gefunden, und erkannte die Gründe, welche die Herzen ihrer Untergebenen allmählich von der herrschaft und damit auch von ihm und seinem Mittleramte abgewendet hatten. Was aber konnte geschehen, diesem Uebel zu begegnen?

Wie würde Allwissenheit über die menschliche Kraft hinausreichen, da dasjenige, was ich über die Verhältnisse der wenigen mir anvertrauten Menschen weiss, mir so schwer zu tragen wird! dachte der Caplan und blieb in ernster Selbstprüfung und Selbstbetrachtung still auf seinem platz am Fenster sitzen, obschon die frühe Nacht bereits die Gegend zu verhüllen begonnen hatte.

Als der Diener die Kerzen in das Zimmer brachte, übergab er dem Geistlichen ein Billet, und dieser erkannte auf demselben die Handschrift der Herzogin, welche, da sie eine Meisterin des Briefstyls war, die müssige Gewohnheit hatte, selbst ihre kleinen Bestellungen und Anfragen innerhalb des Schlosses nicht mündlich durch die Dienerschaft, sondern schriftlich auszurichten; aber der Caplan war bisher in all den Jahren noch keiner solchen Botschaft von ihr gewürdigt worden.

Was will sie mir? rief er unmutig, als er das Billet eröffnete. Es entielt nur wenige Zeilen.

"Legen Sie mir es nicht als Eitelkeit aus, hochwürdiger Herr," schrieb sie, "wenn ich mich Ihnen einmal als Mitarbeiterin bei Ihrer heiligen Mission anbiete. Es gibt Gefahren, in welchen Jedermann die Hand zur Rettung anlegen muss, und unsere Kirche erkennt ja in dringenden Fällen auch dem Laien eine priesterliche Kraft zu. Lassen Sie uns gemeinsam handeln, um das Unheil zu verhüten, das über den Häuptern von Personen schwebt, deren Schicksal und deren Gewissensruhe Ihnen nicht teurer sein können, als mir. Was ich Ihnen zu sagen habe, müssen Sie je eher je besser erfahren, Ihr Besuch wird mir also zu jeder Stunde ein erwünschter sein!"

Sie kann nicht ruhen, nicht rasten! rief er aus und warf das Blatt auf seinen Tisch. Dann nahm er es wieder auf, las es noch einmal, verschloss es und verliess das Zimmer.

Aber nicht zur Herzogin begab er sich, sondern grades Weges zu dem Freiherrn, obschon dieser darauf hielt, dass keiner seiner Hausgenossen ihn ohne die dringendste Not aufsuchte, wenn er ihn nicht zu sich entboten hatte. Als der Caplan nach geschehener Meldung bei dem Freiherrn eintrat, fand er diesen lesend am Kamine sitzen, und er empfing ihn mit der Frage, was denn geschehen sei.

Nichts Ungewöhnliches, entgegnete der Caplan; ich wünschte nur, Sie einmal wie in früheren zeiten ungestört zu sprechen, Herr Baron, und dazu fehlt mir seit lange die gelegenheit, wenn ich sie nicht wie jetzt eben suche.

Der Freiherr war einen Augenblick unentschlossen, wie er den unerwarteten Besuch und diese Anrede aufnehmen solle, in deren Ton eine gewisse Feierlichkeit nicht zu verkennen war, aber er traf schnell seine Wahl und sagte mit der vornehmen Sorglosigkeit, die ihm immer so wohl anstand: Was wollen Sie, mein Freund? Bin ich doch in den letzten Monaten kaum selber eine Stunde allein gewesen, so voll von Besuchen haben wir das Haus gehabt! Ich weiss, das ist nicht Ihr Geschmack, und Ihnen war es früher in unserem Junggesellenleben hier im schloss wohler. Aber warten Sie nur, ich habe meine Massregeln im geist bereits getroffen, und ich denke, Sie sollen künftig mit meinen Anordnungen zufrieden sein!

Der Caplan hatte auf ein Zeichen des Freiherrn Platz genommen; indess er verstand nicht gleich, worauf derselbe hinaus wollte, und sagte: Ich kam nicht hieher, für mich selber etwas zu begehren, Herr Baron!

Darauf kenne ich Sie, mein alter Freund, rief der Freiherr, aber um so mehr ist es an mir, die sorge für Ihr Wohlbefinden zu übernehmen, und verlassen Sie sich darauf, ich werde dieses nicht aus dem Auge verlieren!

Der Caplan sah jetzt, dass der Baron es wusste, wesshalb er gekommen sei, und dass er es ihm unmöglich machen wolle, davon zu sprechen; er sagte also ruhig, aber sehr bestimmt: Ich suchte Sie auf, Herr Baron, weil ich in Sorgen bin, in Sorgen als ein alter Freund Ihres Hauses, in Sorgen als der geistliche Berater der gnädigen Frau!

Der Baron erhob sich, und während er noch mit sich kämpfte, ob und in welcher Weise er seinem Missfallen an den Worten des Caplans Ausdruck geben sollte, fuhr dieser fort: Es ist freilich eine lange Reihe von Jahren her, Herr Baron, dass Sie mir in den schweren Stunden, welche Ihrer Hochzeit vorangingen, das Recht zugestanden, Sie an eben diese Stunden und die unheilvollen Ereignisse zu mahnen, deren Folge sie waren, wenn ich dies jemals nötig finden sollte!

Und Sie glauben, der Augenblick sei jetzt gekommen, dieser Augenblick sei der rechte, mir es in das Gedächtniss zu rufen, fiel der Baron ihm, plötzlich seine Haltung ändernd, in die Rede, mit welchen Hoffnungen, mit welchem völligen Vertrauen ich mein ganzes Schicksal den Händen der Baronin übergab? – Ein leises, bitteres lachen tönte von seinen Lippen. In der Tat, mein Freund, heute werde ich zum