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sie alle Landwirte und Gewerbtreibende der ganzen Provinz. Wo immer man sie aber erfuhr, erregte sie Erstaunen. Denn dass die Steinerts Rotenfeld nicht ohne Grund verlassen würden, davon war Jeder, der sie kannte, überzeugt, und es währte nicht lange, so sagte man es auch schon hier und dort, dass die Steinerts achtsame und vorsichtige Leute wären, die, gleich den klugen Ratten, ein baufälliges Haus zur rechten Zeit verliessen.

Wesshalb man das alte, gute Haus nicht mehr für baufest halten mochte, das hätten diejenigen Anfangs kaum zu sagen gewusst, welche diese Meinung äusserten; aber die plötzliche Abreise des Marquis, die gleich darauf bekannt gewordene Nachricht, dass der Amtmann aus dem Dienste des Freiherrn scheide, waren viel zu auffallend gewesen, als dass man nicht die Frage nach dem grund der Ereignisse hätte aufwerfen sollen, und, wie das oft geschieht, fand die einfache Wahrheit schwerer Glauben, als das phantastische Gewebe, welches halbes Wissen und übelwollendes Vermuten zusammenspannen. Niemand glaubte es, dass der Freiherr nicht in die Verlobung Eva's und Herbert's gewilligt habe, denn gegen diese war ja gar nichts einzuwenden; man glaubte auch nicht, dass der Freiherr den Marquis entfernt habe, weil der Franzose den Frauen und Mädchen zu sehr nachgestellt und schliesslich der Amtmann sich darüber beschwert hatte. Wegen solcher Dinge schickte, wie man meinte, hierlands kein Edelmann, und am wenigsten der Freiherr von Arten, seinen Gastfreund fort, und desswegen ging auch kein verständiger Mensch wie Adam Steinert aus einem Dienste, in welchem seine Familie seit hundert Jahren gelebt hatte und reich geworden war. Die Sache verhielt sich vielmehr, wenn man es sich recht überlegte, wahrscheinlich ganz anders. Nicht auf Mamsell Eva musste der Marquis es mit seinen Besuchen im Amtause abgesehen haben, sondern auf Zusammenkünfte mit der Baronin, die in der letzten Zeit erst wieder mehrmals im Amtause gewesen war. Um der Baronin willen hatte der Freiherr wahrscheinlich den windigen Franzosen weggeschickt; wegen der Rendezvous im Amtofe hatte es vermutlich Streit mit dem Amtmanne gegeben, desshalb war Adam auch entlassen worden, und dass der Freiherr dann im Aerger seine Zustimmung zu Eva's Verheiratung versagt hatte, das konnte möglich sein, obschon er, wie alle Welt es auf den Gütern wusste, sonst auf den Architekten gerade viel gehalten hatte.

Was man hier und da durch die Hülfsarbeiter und Hülfsarbeiterinnen erfuhr, welche gelegentlich im schloss verwendet wurden und die bisweilen einzelne Reden und Bemerkungen der Dienerschaft vernahmen, das bestätigte Alles nur die Vermutung, dass zwischen dem Freiherrn und seiner Frau etwas vorgefallen sei, obschon sie es nicht merken lassen wollten, denn die Baronin hatte den Tag vor der Abreise des Marquis einen ihrer Anfälle von Herzkrampf gehabt und kränkelte immerfort.

Damals, als die Baronin nach der Auffindung von Paulinens Leiche auch so lange gekränkelt und im schloss auch so zerstörte Verhältnisse obgewaltet hatten, da hatte man Mitleid mit ihr gehegt; jetzt war das anders. Trug sie doch ganz allein die Schuld des Kirchenbaues, an den vorher kein Mensch gedacht und von dem alle Welt zu leiden hatte, und wer weiss, ob sie nicht doch noch davon abgestanden haben würde, ohne die französische Herzogin und ohne alle die Franzosen, welche sich im schloss und in der Umgegend wie die Kuckucke in fremde Nester eingenistet hatten. Man dachte nur mit Unwillen an das ganze Schloss und an seine sämmtlichen Bewohner, und es war auch Niemandem im schloss wohl zu Mute, ausser der einen Frau, gegen welche die Abneigung der Leute sich am entschiedensten aussprach, ausser der Herzogin. Aber die Plane der Herzogin waren so vorsichtig angelegt und ihre Karten so geschickt gemischt, dass Alles, was sich in dem schloss ereignen mochte, sich immer zu ihrem Besten wenden musste.

Neunzehntes Capitel

Einige Tage nach der Abreise des Marquis sass der Caplan tief in seine Gedanken versunken, den Kopf auf die Hand gestützt, an dem Fenster seines Zimmers und sah dem bleichen, winterlichen Sonnenuntergange zu. Es war etwas in diesem Anblicke, das ihm das Herz bewegte.

Wie feurig, wie strahlend stieg sie in der Frühe am Horizont empor! rief er unwillkürlich aus, und eben so unwillkürlich glitt sein Auge hinüber nach der Wand, an welcher, von dem letzten scheidenden Tageslichte getroffen, ein Bild des Freiherrn hing.

Aber der Seufzer, welcher der Brust des Sinnenden entquoll, galt nicht allein dem Freunde, er galt dem eigenen Geschicke; denn immer häufiger drängte sich dem Geistlichen die Frage auf, ob er nicht den rechten Weg für sich verfehlt, ob er nicht geirrt habe, als er, der Bitte einer Sterbenden und dem eigenen erschütterten Gemüte folgend, sein Leben einer Aufgabe gewidmet, die er zu leisten nicht vermocht hatte. Friede und Heiligkeit hatte er diesem haus bringen und erhalten wollen, aber sie waren nicht für lange Zeit in demselben heimisch gewesen. Nur draussen erhob sich ein neuer, stolzer Bau, ein Gotteshaus von kaltem Stein; der Gott der Liebe, dem er diente, hatte den Tempel, den der Caplan in den Herzen der Menschen aufzurichten gestrebt, nicht darin gefundenund doch hatten diese ihm so teuren Menschen eine Einkehr in sich selbst, eine Versöhnung unter einander eben jetzt nötiger als jemals.

Er war in diesen letzten Tagen, ohne dazu von dem Freiherrn ermächtigt zu sein, im Amtofe gewesen, um Adam zu einer Annäherung an den Herrn zu vermögen. Er hatte sich an den Pastor in Neudorf gewandt, damit dieser in