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Nichts von meinem Verlöbniss geschrieben, um ihm nicht von der Weigerung des Freiherrn sprechen zu müssen, den er immer für seinen gönner, seinen Freund gehalten hat. Und mein Vater ist in einem Alter, in welchem man den Verlust eines Freundes nicht mehr leicht verschmerzt.

Man muss jung und gut sein, meinte Herr Flies, um also von dem Alter zu denken, das vielmehr den traurigen Vorzug hat, von solchen Verlusten nicht mehr überrascht zu werden. Trotzdem haben Sie in jedem Falle Recht, wenn Sie Ihrem Vater eine Unannehmlichkeit ersparen, da Sie ohnehin in dieser Sache gar nichts tun können, als ....

Nun, was denn? fragten Herbert und Seba wie aus Einem mund.

Nichts als abwarten! sagte der Juwelier.

Bis der Sinn des Freiherrn sich etwa ändert? rief mit sichtlichem Verdrusse der Architekt, welcher auf einen ganz anderen Rat gerechnet zu haben schien.

Bis für Sie an des Freiherrn gutem Willen nichts mehr gelegen ist! bedeutete der Andere. Wenn Herr Steinert aus seinem bisherigen verhältnis zu dem Freiherrn austritt ....

Würden Sie dies billigen und wünschen, lieber Vater? fiel ihm Seba in die Rede.

Ja, wenn er der Mann ist, für den ich ihn halte, und wenn er so empfindet, wie er an den Herrn Architekten schreibt! meinte Herr Flies. Denn es soll Niemand dienen, der die Möglichkeit hat, auf eigenen Füssen zu stehen!

Aber wie lange soll denn Herbert warten? meinte Seba, die es in der lebhaften Teilnahme für ihren Freund schon wieder vergessen zu haben schien, dass sie ruhiges Abwarten eben erst für eine Tugend angesehen hatte. Wie lange sollen Eva und ihr Bräutigam denn warten? wiederholte sie.

Bis die Umstände ihnen entgegenkommen, antwortete Herr Flies. Es gehen so viele Wege durch das Leben; von irgend einem Wege kommt das Rechte seiner Zeit, wenn wir ihm dann nur Tor und tür öffnen. Warten Sie es ab, lieber junger Freund, was sie dort in Richten tun werden und was dort geschieht; warten Sie das ab.

Es lag in der ruhigen und zurückhaltenden Redeweise, welche der vorsichtige Geschäftsmann sich in seinem langen Verkehre mit Menschen der verschiedensten Stände angeeignet hatte, etwas sehr Beruhigendes, selbst dann, wenn er, wie eben jetzt, seine Meinung nicht ganz kund gab. Alle fühlten, dass er etwas verschweige, was auf die getane Frage nicht ohne Einfluss sei; indess sie kannten ihn darauf, dass man ihm nicht entlocken könne, was er nicht freiwillig gewähre, und er selber gab dem gespräche mit der Frage, wie viel Zeit die Vollendung des Kirchenbaues in Rotenfeld noch fordern würde, eine andere Wendung.

Herbert meinte, dass man im nächsten Sommer nicht fertig werden könne, wenn man nicht die Mittel fände, den Bau mehr zu fördern, als es in den beiden letzten Jahren, eben der nicht ausreichend bewilligten Mittel wegen, möglich gewesen sei. Herr Flies wollte die Summe kennen, deren man noch für den Bau bedurfte, und er fand sie gross, da Jener sie ihm nannte. Herbert begann sich zu verteidigen, aber Herr Flies liess es dazu nicht kommen. Verstehen Sie mich recht, sagte er, ich beurteile nicht den Bau und seine Erfordernisse, denn ich habe davon keine genauen Kenntnisse!

Und doch nannten Sie die Summe gross?

Ich dachte dabei nur an den Herrn Baron, gab er zur Antwort. Er ist freigebig, zu freigebig vielleicht, und freigebig gegen Personen, die nicht bedenklich sind, von seiner Freigebigkeit den ausgedehntesten Gebrauch zu machen. Nun jeder Stand hat seine eigene Ehre, und unsere Herren vom Adel hier scheinen noch nicht zu merken, was um sie her geschieht, scheinen noch zu glauben, dass hier Alles beim Alten bleiben könne und werde, wenn rund um uns her das Bestehende längst gewandelt und in seinen Grundlagen vernichtet ist.

Einer seiner Comptoir-Gehülfen, welcher ihm ein Packet Briefe aushändigte, unterbrach seine Bemerkungen. Er betrachtete die Briefe der Reihe nach, bevor er sie eröffnete, sah sie flüchtig durch und gab sie dem Gehülfen zurück; nur zwei davon behielt er und las sie langsam und mit sichtlicher Aufmerksamkeit. Nachdem er den einen gefaltet und in seine Brusttasche gesteckt hatte, sagte er: Es freut mich, dass ich mich in dem mann nicht getäuscht habe! Ihr künftiger Schwager nimmt seine Sache, wie er muss, und was an mir ist, werde ich ihm helfen! Es ist auch ein Brief von Mademoiselle Steinert für Sie dabei, in welchem dann freilich von anderen Dingen als von Geschäften die Rede sein wird. –

Es war das erste Schreiben, das Herbert nach der Sendung durch den Boten von seiner Braut empfing. Sie meldete ihm die Abreise des Marquis, welche sie natürlich als ein Zugeständniss an ihres Bruders Beschwerde ansah; sie sprach von einem Besuche, den der Caplan bei ihnen gemacht habe, und schilderte, wie er den Bruder habe überreden wollen, sich dem Freiherrn zu nähern und Vergebung für seine Heftigkeit von ihm zu fordern oder doch mindestens sein Bedauern über dieselbe auszusprechen. Aber, berichtete sie, der Bruder ist wie umgewandelt seit dem Tage, und sein ganzes Dichten und Trachten ist nur darauf gestellt, so bald als möglich von hier fortzukommen.

Und so war es in der Tat. Der Amtmann gehörte zu den Menschen, die mit Geduld eine lange Zeit hindurch Unbequemlichkeiten, Störnisse und Widerwärtigkeiten ertragen und sich damit beruhigen können, dass