1864_Lewald_163_151.txt

tue, seine Anlagen und Kenntnisse ihre entsprechende Verwertung finden könnten. Ihr Bruder sei zu jung, um dauernde Befriedigung in dem Stillleben zu finden, auf das zu verzichten sie ein grosses Opfer gekostet haben würde; und da der Freiherr ihre Meinung teilte, verstand es sich von selbst, dass er sich erbot, den Scheidenden mit den Empfehlungen und Anweisungen auszurüsten, deren er für die Erreichung seiner Zwecke bedürftig sein konnte. Er sagte sodann, dass er ihr sofort die Summe senden werde, um welche sie ihn gebeten hatte, und ersuchte sie selbst, ihm darüber den gewohnten Schuldschein auszufertigen.

Sie schellte ihrer Kammerfrau. Packen Sie mein Schreibzeug wieder aus und bringen Sie es her! befahl sie.

Das Gespräch zwischen ihr und dem Freiherrn beschäftigte sich ausschliesslich mit dem Marquis. Während sie dann den Schuldschein unterzeichnete, sagte sie mit einem tiefen Seufzer: Das wird hinreichen, seine Bedürfnisse zu decken, bis er eine Anstellung erhält.

Nicht doch, nicht doch, rief der Freiherr, welcher ihr einen Beweis zu geben wünschte, wie lieb es ihm sei, sie bei sich behalten zu können, diese Summe muss Ihnen bleiben, Sie können sich deren nicht entäussern, Teuerste! Den Marquis zu versorgen, bis er dies selber tun kann, dies, teure Freundin, ist meine Sache. Die Ihrige ist's, ihn zu vermögen, dass er die Vorsorge Ihres alten Freundes nicht von sich weist, weil dieser sich einmal in der übeln Lage befunden hat, ihm einige kleine, nicht angenehme Vorstellungen zu machen. Ich schicke ihm morgen eine Anweisung auf meinen Banquier. Und damit gute Nacht, teure Herzogin; gute Nacht, meine teure, treue Freundin!

Er wollte sich entfernen, ihr die notwendigkeit des Dankes zu ersparen; sie aber hielt ihn zurück. Und Angelika? fragte sie.

Morgen, morgen! entgegnete er ihr. Lassen Sie mir Zeit, mich zu fassen, mich zu überwinden, lassen Sie der Baronin die Zeit, zu überdenken, was sie getan hat! Sie bleiben ja mit uns!

Achtzehntes Capitel

Herbert war kaum in die Stadt zurückgekehrt, als er zu Seba hinunterging, ihr die Nachricht von seiner Verlobung zu bringen. Sie kannte seine Erwählte nicht, aber sie kannte den Amtmann, und die einfache Tüchtigkeit desselben und das Gute, welches er bei seinen verschiedenen Geschäftsbesuchen im Flies'schen haus von der Schwester gerühmt, hatten sie für das Mädchen eingenommen und sie Herbert's wachsendes Wohlgefallen an Eva lange mit Freude bemerken lassen. Sie hatte von je gehofft, dass es Eva's Gradheit gelingen werde, den beunruhigenden Einfluss zu brechen, den die Baronin auf Herbert übte, und als er ihr jetzt mit Lebhaftigkeit von Eva's klarem, nur auf das Nächste gestellten Sinne, von ihrer schlichten Wahrhaftigkeit, von der unverhohlenen Wärme sprach, mit welcher sie ihm ihre Neigung immer kund gegeben, da füllten sich Seba's Augen schnell mit Tränen, und ihre hände auf seine Schultern legend, sagte sie mit freudiger Bewegung: O, Gott segne Sie! Gott segne Sie und all Ihr Glück!

Einfach wie ihr Ausruf und ihre Bewegung waren, ergriffen sie den Freund. Werde ich Ihnen denn einen solchen Segenswunsch nicht einst erwiedern können? fragte er, indem er ihre hände küsste.

Sie schüttelte verneinend das schöne Haupt. Sie sind so gut, so edel, sagte er, Sie müssen Liebe finden, denn Sie verdienen sie! Sie müssen lieben können, wie wenig andere Frauen!

Ja, versetzte sie, das habe ich Alles einstmals selbst geglaubt, aber

Sie wollte nicht weiter sprechen, er nötigte sie jedoch dazu. Da glitt jenes melancholische Lächeln, das lange zeiten hindurch nicht von ihrem Antlitze gewichen war, wieder einmal über ihre Mienen, und mit einem Tone, der den Schmerz ihrer Seele nicht zu verbergen wusste, obschon sie bemüht war, ihn zu unterdrücken, sagte sie: Damals, als ich glaubte, ich müsse glücklich werden können, weil ich es zu werden wünschte, kannte ich die Einrichtung der Welt noch nicht. Damals wusste ich noch nicht, dass man auf seinem Posten bleiben und geduldig und bescheiden sein muss, um nicht in wilder Hast an seinem Ziele vorüber zu eilen. Damals sah ich es auch noch nicht ein, dass wir nicht alle die gleiche Rolle im Leben spielen können und dass es auch Zuschauer für das Glück der Andern geben muss. Sie und Ihre Eva, Sie sind an Ihrem rechten Platz geblieben, Sie sind zwei glückliche. Ichich verkannte meinen Platz, ich konnte mich nicht bescheiden, ich verstand nicht, zu warten, ich stürzte mich mit blinder Hast ins Lebenich habe meine Rolle schlecht begriffen, schlecht gespielt, und muss sehr froh sein, dass ich Ihnen zusehen und mich an Ihrem Glücke erfreuen kann. Spielen Sie das Stück recht schön zu Ende, und Sie sollen es erleben, welche Genugtuung Sie mir damit gewähren.

Herbert wollte sich damit nicht beruhigen. Als Eva's Verlobter fühlte er sich Seba gegenüber freier; aber sie wollte nun von sich selber nicht mehr sprechen hören. Nur von Herbert sollte die Rede sein, und da inzwischen auch ihre Eltern hinzugekommen waren und Herbert erzählt hatte, wie seine Angelegenheiten ständen, sagte er, gegen Herrn Flies gewendet: Raten Sie mir, was soll ich tun?

Was hat Ihr Herr Vater Ihnen zu tun geraten? fragte der Juwelier.

Ich habe ihm noch gar