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, dass sie in dem Herrschen an und für sich einen Genuss empfinden und dass ihre Befriedigung nur bis zu einem gewissen Grade von dem gegenstand, über den sie herrschen, abhängig ist. Sie konnte hier in Richten, wie die Verhältnisse jetzt lagen, zusehen, abwarten, geschehen lassen, ohne Langeweile dabei zu empfinden; sie brauchte nur wie ein geübter Schachspieler die Figuren, welche man von beiden Seiten in das Spiel und in Bewegung brachte, im Auge zu behalten, um den rechten Moment nicht zu verfehlen, in welchem ein geschickter Eingriff die ihr erwünschte Lösung bringen musste. Sie hatte sich ihre Stellung in Schloss Richten zu gewinnen und zu behaupten gewusst, und sie war ihr lieb und lieber geworden, je unmöglicher die Rückkehr in ihre früheren Verhältnisse sich durch den Fortgang der französischen Revolution gezeigt hatte.

Wie sie einst in Vaudricour die vornehmste Frau in der Provinz gewesen war, und Hof gehalten hatte in ihrer Weise, so hatte sie sich allmählich in diesem entlegenen Teile Deutschlands festgesetzt, und das Zartgefühl der Baronin, die Grossmut des baron hatten ihr dazu den Weg geebnet. Allen ihren Bedürfnissen ward im Voraus begegnet, ja, der Freiherr hatte es in der schonendsten und liebenswürdigsten Art dahin gebracht, ihr allmählich in Form eines Darlehens ein Nadelgeld auszusetzen, gross genug, auch den Marquis zu versorgen; und wenn die Herzogin auch über die Summen, welche sie empfing, jedes Mal einen Schuldschein zu unterzeichnen verlangte, so hatte sie es doch in Erfahrung gebracht, dass die Summen in den Büchern nicht auf ihren, sondern auf des Freiherrn Namen eingetragen wurden, und dass dieser die Quittungen, welche sie ausstellte, stets selbst vernichtete, damit sie niemals, auch nicht etwa von seinen Erben, gegen die Herzogin geltend gemacht werden konnten.

Aus diesem Zustande, dem wünschenswertesten, welcher sich augenblicklich für sie denken liess, hatte der Leichtsinn des Marquis sie aufgeschreckt, und wenn dieser seinerseits in der Aufwallung seines Zornes und seines beleidigten Ehrgefühls auch an nichts weiter denken konnte und mochte, als den Anforderungen des letzteren genug zu tun, so sah die Herzogin mit jener schnell arbeitenden Phantasie, welche die unentbehrliche und unzertrennliche Gefährtin eines scharfen Verstandes ist, sofort über den Augenblick zu dessen Folgen hinüber, und sie konnte nicht zweifelhaft sein, was hier geschehen könne, was ihr zu tun obliege.

Dass der Marquis nicht bleiben, wenigstens für jetzt nicht in Richten bleiben könne, verstand sich von selbst. Aber eben weil er gehen musste, war sie zu bleiben genötigt, denn nur auf diese Weise konnte sie ihm die Mittel zu seinem Unterhalte schaffen; indess freiwillig zu bleiben ziemte ihr nicht, da sie ihren Bruder als den Beleidigten darzustellen wünschte, und nach den ersten lebhaften Erörterungen zwischen ihr und dem Marquis hatte sie dem Freiherrn geschrieben, dass sie sich zu ihrem Schmerze und, wie sie hoffe, auch zu seinem und dem Bedauern der Baronin in die traurige notwendigkeit versetzt finde, auf seine grossmütige Gastfreundschaft verzichten und in eine ihr so leere und fremde Welt zurückkehren zu müssen, gegen deren Oede und Schrecken sie unter seinem dach, an seinem Heerde, unter dem Schutze ihres beiderseitigen Ahnenschlosses eine so friedliche und beglückende Zuflucht gefunden habe. Alles, um was sie sich erlaube, ihn noch zu bitten, sei, dass er ihr die Vierteljahrs-Zahlung noch einmal anweisen lasse, und dass er ihr vergönnen möge, sich seines Wagens und seiner Pferde bis zu der Stadt zu bedienen, in welcher sie zuerst zu übernachten denke und in der sie Postpferde für ihr weiteres Fortkommen finden könne.

Sie hatte mit Sicherheit den Eindruck berechnet, welchen solch ein Schreiben eben in diesem Augenblicke auf den Freiherrn machen würde, und sie hatte sich nicht darin getäuscht. Es war in der Voraussicht seines Besuches gewesen, dass sie Befehl gegeben hatte, hier und da einen der Gegenstände und der Gerätschaften, deren sie sich zu bedienen pflegte und welche der Freiherr an ihrem bestimmten platz zu sehen gewohnt war, aus dem Gemache zu entfernen, und in der Tat bedünkte ihn diese kleine Zerstörung der ihm in einer bestimmten Form vertraut gewordenen Umgebung unheimlich.

Da die Herzogin auf des Freiherrn Bitte, das Schloss nicht zu verlassen, nur mit einer schmerzlichen Bewegung ihrer Mienen antwortete, sprach er nach kurzem Schweigen: hören Sie, meine Freundin, wie draussen der Wind die starren Aeste der Bäume schüttelt, das Jahr geht abwärts, das Wetter ist schlecht! Er hielt inne, nahm dann ihre Hand und sagte: Auch unser Leben, Margarete, wie wir uns gegen diese erkenntnis in günstiger Stunde auch zu betäuben suchen, ist kein aufsteigendes mehr, der Weg wird übersichtlich, welcher noch vor uns liegt, und was wir auf demselben an Glück noch etwa finden könnten, das sollten wir freiwillig nicht vermindern!

Wir? nahm die Herzogin das Wort, wir? Wie dürfen Sie Ihr Schicksal dem meinigen vergleichen, teurer Freund? Sie haben Renatus, den Sohn, der Ihnen fröhlich und gesund heranwächst, Sie stehen inmitten Ihrer Heimat, Sie besitzen die Liebe einer jungen, edlen Frau! – Aber was fehlt Ihnen, mein Freund? rief sie, sich plötzlich unterbrechend. Was habe ich denn gesagt, das sie betrübt? Oder ist es nur der flackernde Schein der Kerzen, der mir Ihr Gesicht so bleich erscheinen macht?

Der Freiherr zögerte, ihr zu antworten, weil er zum ersten Male die Unwahrheit der Herzogin erkannte. Was bedeutete es, dass sie ihn auf die Liebe seiner Gemahlin hinwies