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suchen. Hatte sie doch gleich Anfangs den Eintritt der flüchtigen Verwandten in ihr Haus mit Misstrauen begrüsst und eben in diesen Tagen ihn vor der Herzogin gewarnt, der sie doch ihr volles Vertrauen zugewendet. Er durchschaute das Spiel, welches Angelika, wie er meinte, zu spielen gewillt war, aber er versprach sich, dass sie es nicht gewinnen, nicht auf seine und seiner Freundin Kosten als Siegerin aus demselben hervorgehen sollte.

Siebzehntes Capitel

Einen Abend wie diesen hatte die Dienerschaft im schloss nie erlebt. Die Herzogin speiste auf ihrem Zimmer, der Marquis leistete ihr Gesellschaft. Der Freiherr ass gar nicht zu Nacht, und im Speisesaale hatten der Caplan und die Baronin die aufgetragenen Schüsseln kaum berührt.

Oben im Vorzimmer der fremden Herrschaften packte der Diener die Koffer des Marquis. Der zweite Kutscher hatte Befehl bekommen, die leichte Reisekalesche fertig zu halten, ein Reitknecht war in Nacht und Nebel mit Relaispferden nach der Stadt geschickt worden.

Man fragte den Diener des Marquis, was denn geschehen sei, dass sein Herr so plötzlich nach der Residenz aufbreche. Er konnte das nicht sagen. Man wollte erfahren, ob denn die Frau Herzogin mit ihrem Bruder gehe. Auch das wusste er nicht, und die Kammerfrau der Herzogin, von der man Auskunft erwarten durfte, liess sich gar nicht sehen. Des Vermutens, des Fragens, des Meinens und des Prophezeiens war auf den Treppen, in den Vorsälen und in den Domestikenzimmern gar kein Ende, und doch brachte man's zu keinem festen Abschlusse. Nur das Eine wusste man sicher, die Kammerfrau der Herzogin hatte dem Freiherrn gegen Abend einen Auftrag, der Secretair behauptete sogar, einen Brief gebracht.

Die Herzogin lässt auch packen, sagte der Diener, welcher nach der Mahlzeit die Tafel in ihrem Zimmer abzuräumen gehabt hatte, und als ich eben fortging, kam der Herr Baron den Corridor entlang und ging zu ihr.

Es geschah sonst niemals, dass der Freiherr die Herzogin in ihrer wohnung aufsuchte, ohne sich bei ihr vorher förmlich anmelden zu lassen, denn er wünschte ihr auch in seinem schloss das Gefühl zu erhalten, dass sie Herrin bei sich sei. Heute jedoch klopfte er selbst an ihre tür. Die Kammerfrau öffnete ihm und liess ihn ein, aber die Herzogin war nicht anwesend. Erst als er nach ihr fragte, trat sie aus dem Nebenzimmer hervor.

Ihre Haltung, ihr blick waren noch ruhiger, noch würdevoller als gewöhnlich, und ohne abzuwarten, was er ihr zu sagen habe, reichte sie ihm die Hand entgegen und sprach mit sanfter Freundlichkeit: Sehen Sie, mein Cousin, da stehen wir wieder einmal vor einem jener Ereignisse, von denen ich Ihnen oft gesprochen habe, vor einem jener Zufälle, die uns unerwartet daran mahnen, dass nichts in unserem Leben Dauer hat, und die uns davor warnen, uns keiner friedensvollen Sicherheit zu überlassen!

Sie hatte sich mit den Worten auf das Canapee gesetzt, und während der Freiherr ihr zur Seite auf einem Sessel Platz nahm, wies sie, mit einer leichten Bewegung ihn um Entschuldigung dafür bittend, dass sie in seinem Beisein eine solche Anordnung treffe, ihre Kammerfrau an, die Schreibgerätschaften, welche auf dem Tische standen, in ihre Schatulle einzupacken.

Als die Dienerin sich entfernt hatte, sagte der Freiherr, indem er sich bittend gegen die Herzogin neigte: Lassen Sie uns nicht dem Schicksale aufbürden, was in unserer Hand liegt, meine Freundin! Gönnen wir einem Zufalle, gönnen wir der Unüberlegteit und dem heissen Temperamente eines jungen Mannes nicht die Macht, dasjenige zu zerstören, was wir durch ein Leben lang heilig gehalten haben, unsere Freundschaft, und uns dessen zu berauben, was mir wenigstens ein Unersetzliches ist! Gehen Sie nicht von uns, Herzogin, ich bitte Sie darum!

Sein Ton war weich, seine Geberde mild und traurig, denn er hatte in diesen letzten Tagen innerlich viel durchgemacht. Er liebte es, mit grossmütigem Herzen die Menschen, welche in seiner Nähe lebten, zu beglücken, und wohin er in diesem Augenblicke sah, wusste er, dass man seiner mit Unzufriedenheit gedachte. Das Schloss, das Amtaus, Alles stand in düsterm Lichte vor ihm. Alles versagte sich ihm, Alles verliess ihn, worauf er sich gestützt hatte; und nun wollte auch sie, die bewährte Freundin, von ihm gehen, die ihn mit seiner Jugendzeit verknüpfte, der er gewähren konnte, was sie sonst nirgends fand: eine Heimat und eine Sorgenfreiheit, die sie von ihm, dem Blutsverwandten, dem alten Freunde, ohne das Gefühl erniedrigender Wohltat anzunehmen vermochte. Die Herzogin in Unfrieden von seiner Schwelle scheiden zu lassen, wäre ihm ein Schmerz und nach seiner Anschauungsweise eine neue und schwere Kränkung seiner Ehre, seiner Standes- und Familienehre gewesen. Sie kannte ihn auch genugsam, um seine Empfindungen und Anschauungen in diesem Punkte richtig zu beurteilen, und sie hatte sich auf dieselben mit Zuversicht verlassen.

Zum ersten Male hatte es einen Streit zwischen ihr und dem Marquis gegeben. Sie befand sich nicht mehr in der Lage, in welcher sie dem verwöhnten Lieblinge jede Grille durchgehen lassen und jeder seiner Torheiten mit ihrem Vermögen und Einflusse begegnen konnte. Sie hatte es mit widerstrebendem Herzen gelernt, sich in die Verhältnisse zu schicken, und sich beschieden, für ihre verlorene Lebensfreiheit so weit als möglich in der herrschaft Ersatz zu suchen, welche sie über diejenigen ausübte, von denen sich abhängig zu wissen ihr Stolz nur schwer ertrug; denn es ist das Glück der Herrschsüchtigen