1864_Lewald_163_147.txt

wohl geziemt, es mir zu ersparen, dass meine Leute sich bei mir über den Leichtsinn und die Sitten meines Gastes beklagen müssen. Sie haben die Tochter meines Reitknechtes verführt, mein Unterförster hat sich über Sie zu beschweren gehabt, der Amtmann ....

Aber der Zorn des baron brachte auf den jungen Franzosen, entweder weil er diese Art von Vorwürfen nicht eben erwartet haben mochte, wirklich eine komische wirkung hervor, oder er hoffte, sich mit einem Scherze am leichtesten der Verlegenheit entziehen zu können, denn er rief lachend: Parbleu, mein Herr Baron, eine Hofdame, eine Prinzessin wäre mir allerdings lieber gewesen, aber wesshalb wollen Sie einem jungen mann einen etwas geschmacklosen Zeitvertreib gleich zum Verbrechen machen? Irre ich mich nicht, so haben auch Sie sich seiner Zeit in Ermangelung eines Besseren gar wohl zu bescheiden verstanden, Herr Baron!

Der Freiherr ballte die Hand zusammen, die er vornehm in den Falten seines Jabots hielt. Wir sprechen von Ihnen, nicht von mir, Marquis! sagte er mit scharfer Betonung. Der Amtmann hat gedroht, vorkommenden Falles sein Hausrecht wider Sie zu brauchen, und ich wüsste nicht, wie ich's ihm wehren könnte!

Der Marquis sprang einen Schritt zurück, seine Wange erbleichte. Ich war lange Zeit ihr Gast, Herr Baron! rief er.

Und Sie werden mich durch Ihren Leichtsinn gelegentlich noch in die Lage bringen, einen Edelmann als Gast an meinem Tische zu sehen, an den einer meiner Leute seine Hand gelegt hat.

Sicher nicht, Herr Baron, denn ich werde Sie sofort der Möglichkeit enteben, Ihr Gastrecht und das Recht Ihrer Jahre gegen mich in solcher Weise geltend zu machen! sagte der Marquis und verliess mit einer förmlichen und gemessenen Verbeugung die Gallerie.

Der Baron konnte nach seiner letzten Aeusserung nichts Anderes von dem Marquis erwartet haben, und doch stand er mit einer quälenden Empfindung still, als er den Tritt desselben in dem Nebenzimmer verhallen hörte. Nicht dass eben der Marquis sich entfernte, berührte den Freiherrn so unangenehm, denn dieser war ihm grade heute wieder sehr missfällig gewesen, aber er selber fand sich wie verwandelt, und das war's, was ihn peinigte. Er, der sein ganzes Wesen zu einem würdevollen Gleichmasse herangebildet, der eine Aufgabe und eine Befriedigung darin gefunden hatte, dies in allen Lebenslagen und allen Personen gegenüber zu behaupten, er fand sich in einer Stimmung, in einer Verfassung, welche ihn dieses Gleichgewichts beraubte, welche ihn zu Handlungen hintrieb, die er selbst als ungehörige bezeichnen musste und die ihn zu immer neuen, widerwärtigen Erörterungen drängten, in deren Folge ihm Alles unter seiner Hand zusammenbrach.

Es gibt solche Augenblicke, ich habe solche zeiten schon erlebt, sagte er, sich zu beschwichtigen, während er mit festem, stolzem Schritte, als bedürfte er dieses Zeichens seiner selbsterrlichen Kraft, langsam in der Gallerie umherwanderte. Solch ein Zeitpunkt war's ja auch, in welchem ich vor Jahren mich von Dresden hierher zurückzog und in dem ich dann Pauline, die arme Pauline, als ein Glückspfand in mein Leben aufnahm. Er seufzte, als er sich daran erinnerte. Er hatte lange nicht an sie gedacht, nur seit gestern war ihr Bild ihm wieder lebendig vor die Seele getreten, und er konnte es jetzt betrachten ohne den schmerzenden Stachel der Reue, die ihn sonst gequält hatte. Pauline hatte ihm allein angehört mit ihrem Herzen, sie war ihm treu gewesen bis in ihren Tod, sie hatte keinen Anderen geliebt, als ihn!

Er presste die Lippen gewaltsam auf einander. Das war es! Das war es, was ihm seine Ruhe, seine Fassung raubte, was ihn kein Auge hatte schliessen lassen in der Nacht!

Es war ein Bruch in sein Leben gekommen. Er fühlte sich in seiner Ehre angetastet, und der Mann, der ihn die Liebe seiner Gattin gekostet hatte, stand so tief unter ihm, dass er die erfahrene Beleidigung nicht einmal, wie es unter Edelleuten üblich, hätte rächen können, auch wenn er dies gewollt hätte. Angelika's Liebe hatte ihn nie ganz erfüllt, nie wahrhaft beglückt; aber das Vertrauen auf dieselbe hatte zu den Grundbedingungen seines Daseins gehört, und nicht mehr auf dieselbe rechnen und bauen zu können, war ein schwerer Verlust für ihn. Er hatte sich in ihr geirrt, sich betrogen, und er konnte dies weder sich selber noch denjenigen Personen verbergen, welche die Vertrauten des unglücklichen Geheimnisses geworden waren. Es konnte nicht fehlen, dass er die Frau, welche ihm diese Wunde geschlagen hatte, bald als die alleinige Ursache aller seiner Leiden und aller seiner Widerwärtigkeiten ansah.

Es war sein innerer Kummer, es war sein unterdrückter Schmerz und Grimm, die ihn sich selbst entfremdeten und die ihn im Zorne weit über seine sonstige Weise, fast bis zur Selbstvergessenheit hinausgetrieben hatten. Es war Angelika, deren Schuld den Bruch mit Adam veranlasst; auch der verdriessliche Handel mit dem Marquis, der ihn die Gesellschaft seiner Freundin kosten und die Herzogin der Zufluchtsstätte berauben konnte, welche ihr zu bieten dem Freiherrn eine Freude und eine Ehrensache gewesen war, liess sich schliesslich auf Angelika's Schuld zurückführen, und doch musste er sie, wenn er sich nicht selber Preis geben wollte, um seiner eigenen Ehre willen nach wie vor zu lieben scheinen, während eine kalte Abneigung gegen sie sich seiner immer mehr bemächtigte.

Aber um Angelika's willen sollte die Herzogin nicht scheiden. Das wenigstens musste er zu verhindern