Geburt und Rang am Ruder waren, die den Adel seines angestammten Besitzes, seiner angeerbten Vorrechte beraubt und das Blut der edelsten Geschlechter in Strömen vergossen hatten. In Adam's Worten: Ich bin ein freier Mann! hatte der Freiherr vernommen, was jetzt, seit sie in Frankreich die Menschenrechte verkündet, all diesen Leuten im kopf spukte, und das war es gewesen, was ihn so erbittert hatte, was ihm auch jetzt ein verzeihendes Einlenken als völlig untunlich erscheinen liess; denn undenkbar war es nicht, dass der Amtmann, wie die Welt jetzt aussah, es verschmähte, die dargebotene Begnadigung anzunehmen. Er hatte zu fest, zu strack vor ihm gestanden! Adam war auch ganz der Mann danach, mit seinem ansehnlichen Vermögen lieber selbst den Gutsherrn machen zu wollen – und was dann?
Der Freiherr konnte, durfte nach seiner überzeugung nicht widerrufen, was er ausgesprochen! Allerdings hatte er damit eine Menge von Unbequemlichkeiten und Sorgen über sich genommen, aber es blieb ihm nichts übrig, als den Sohn des braven Steinert mit einer gerechten Beschwerde über seinen Herrn von dannen gehen zu lassen. Denn gegen Herbert und Eva war er tatsächlich nicht gerecht gewesen, und an Allem dem trug, wenn er's recht bedachte, auch Angelika wieder die Schuld!
Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand gegen die Brust. Da brannte er ihn immerfort, der Schmerz: Angelika liebte Herbert, sie selbst hatte es ihm gestanden, fast ohne sein Zutun, freiwillig gestanden! Er war sehr unglücklich! – Der Caplan, die Herzogin wussten es, ja – und was das Schlimmste war, es wusste es auch der Marquis!
Er hatte diesen niemals gern gesehen. Die grosse Leichtfertigkeit desselben, seine Lust an kleinlichen Erfolgen, selbst die Weise, in welcher er sich über seines Königshauses, seines Vaterlandes und über sein eigenes Schicksal fortzusetzen wusste, däuchten dem Freiherrn eines Edelmannes nicht würdig. Dass der Marquis ihn jetzt gar in die Lage brachte, seinen Gast von dem Amtmanne, von einem seiner Diener, anklagen zu hören, dass der Marquis ihn dazu zwang, ihm Vorstellungen zu machen, war ihm widerwärtig – und ernstliche Vorstellungen musste er ihm machen, denn es waren bereits mehrfach ähnlich klagende Berichte zu des Freiherrn Ohr gedrungen.
Den Freiherrn hatte der Schlaf die ganze Nacht geflohen. Seine Nerven waren abgespannt, sein ganzes Wesen bedrückt, und das nasse, bleifarbige Gewölk, das keinen Sonnenstrahl hindurchliess, die unbewegte, schwere Luft des schwülen Herbsttages waren nicht geeignet, ihn zu befreien oder zu beleben. Die Mahlzeiten waren unter einer erzwungenen Heiterkeit vorüber gegangen, der Baron, äusserst mässig in Speise und Trank, hatte gegen seine Gewohnheit reichlicher Wein getrunken, um zu vergessen, was ihn drückte, oder um sich wenigstens über die ihm jetzt lästige Stunde des Beisammenseins mit seinen Hausgenossen hinweg zu helfen. Während man speiste, bestellte er sein Pferd, um auszureiten, indess der Nebel, welcher den ganzen Tag beherrscht, hatte sich endlich in einen jener Regen verwandelt, denen man es ansieht, dass sie lange währen; und weil er Luft und Bewegung nötig hatte, nahm er wieder zu der Gallerie – so nannte man jenen Saal im Erdgeschosse – seine Zuflucht. Dortin folgte ihm wie gewöhnlich der Marquis. Es war dem Freiherrn eben recht.
Als sie sich allein mit einander befanden und mehrmals schweigend in dem Zimmer auf und nieder gegangen waren, sagte der Freiherr: Haben Sie vielleicht davon gehört, Marquis, dass ich meinen Amtmann entlasse?
Nein, versetzte der Marquis, aber Sie tun sicherlich sehr wohl daran!
Wesshalb? Was wissen Sie davon? fragte der Freiherr.
O, der Mensch hat einen Ton, Manieren! Er spielt den bourgeois gentilhomme. Er ist sicherlich einer von denen, die auch bei Ihnen gerades Weges auf die sogenannte Freiheit und Gleichheit lossteuern würden, wenn man sie nicht im Zügel hielte. Er wusste ja gar nicht mehr, was ihm geziemte und wer er war! rief der Marquis, in dem sicheren Glauben, sich dem Freiherrn damit angenehm zu machen.
Aber er verfehlte seine wirkung. Es verdross den Baron, seinen Amtmann von dem Fremden tadeln, es sich dabei gleichsam vorwerfen zu lassen, dass er ein Ungebührliches unter seinen Leuten geduldet habe, und mit der ihm eigentümlichen stolzen Würde sprach er: So sollten wir in unseren Tagen um so ernstlicher darauf denken, es nicht zu vergessen, wer wir sind und was uns ziemt!
Der Marquis blieb stehen. Er hatte in seiner gegenwärtigen Abhängigkeit jenes Ehrgefühl nicht verloren, an welches der Freiherr seine Mahnung erhob, es hatte sich im Gegenteil durch seine jetzige Lage steigern müssen, da es mit seiner anmutigen person das einzige war, was ihm von den Umständen nicht genommen werden konnte; und den feingepuderten Kopf hochfahrend zurückgeworfen, um sich damit der hohen Stattlichkeit seines Beschützers wenigstens im Aeussern so viel als möglich gleich zu stellen, sagte er: So ziemt es mir sicher auch, zu erfahren, Herr Baron, womit ich diese Anmahnung verschuldet!
Es war seit gestern das zweite Mal, dass ein jüngerer von ihm abhängiger Mann, ein Mann, dem der Baron sich in jeder Rücksicht überlegen wusste, sich ihm herausfordernd und auf sein Recht pochend entgegenstellte, und unwillkürlich sagte er sich, wie der Trotz des Amtmannes es gewesen sei, der den Marquis ermutigt habe. Das brachte des Freiherrn erhitztes Blut in Wallung, und lebhaft auffahrend, rief er: Vor allen Dingen hätte es Ihnen