Kirche gefahren waren. Alle seine Erinnerungen knüpften sich an diesen Fleck Erde, an dieses alte Haus; alle seine Hoffnungen hatte er im geist damit in Verbindung gesetzt, und es tat ihm im Herzen weh, als eben, da er vor seiner tür anlangte, der Gärtner ein überschüssiges Gesträuch entwurzelte und über den Zaun hinauswarf.
Entwurzelt! murmelte er unwillkürlich, und es lief ihm kalt durch die starken Glieder. Aber der Mensch ist kein Gewächs! sagte er sich zum Troste, denn eines Trostes fühlte er sich bedürftig.
Nun? rief ihm Eva entgegen, sobald er den Fuss auf den Boden gesetzt.
Geduld, versetzte er, lass mich nur erst in die stube hinein! – Sie sah, dass etwas ganz Unerwartetes geschehen sein musste, liess ihn vorangehen und folgte ihm.
Der Amtmann hing den Hut an den Nagel, legte die Handschuhe zur Seite und wandte sich nach seiner stube, um seine Kleider zu wechseln. Es drängte ihn nicht, das Schwere auszusprechen, er scheute sich vielmehr davor. Aber die Schwester ertrug es nicht länger. Sie trat behutsam an ihn heran, legte den Arm auf seine Schulter und sagte: Du bringst nichts Gutes, Bruder! Du hast um meinetwillen Unannehmlichkeit gehabt!
Nicht um Deinetwillen! gab er ihr zur Antwort.
Aber dennoch Unannehmlichkeiten? – Er bejahte es kurz. – So billigt der Baron die Heirat nicht? fragte sie kleinlaut.
Adam sah sie an, als komme ihm diese Angelegenheit erst jetzt wieder in den Sinn, und in dem Augenblicke nur an sich selber denkend, sagte er: Ach, das ist ja das Wenigste!
Das Wenigste? Aber was ist denn sonst geschehen? rief Eva, der des Bruders sichtliche Erschütterung allmählich immer klarer wurde, um Gottes willen, was ist denn geschehen?
Er setzte sich hin und zog sie neben sich. Mach' Dich bereit, Schwester, sprach er, etwas recht Unerwartetes zu hören; es hat mich auch gefasst, als ich's vernahm! – Er hielt inne und sagte dann: Es ist aus zwischen uns und ihnen – wir gehen fort von hier!
Adam, rief das Mädchen, Adam, das ist ja gar nicht möglich! Wir, wir sollen fort von hier, von hier?
Ihr Ton erweckte den eigenen Schmerz aufs Neue. Du wärst ja doch bald fortgegangen! sagte er, um sie und sich zu trösten.
Aber Du, Du? brach Eva hervor und umschlang ihn mit ihren Armen, und ihre Tränen fielen nieder auf seine Brust, und das Herz ward ihm so weich, dass er keines Wortes mächtig war. Draussen tickte die grosse, englische Stehuhr ihren altgewohnten Pendelschlag, im hof plätscherte das wasser des Rohrbrunnens in das weite Becken.
Die Uhr wird hier nicht lange mehr schlagen! Das wasser werde ich nicht lange mehr fallen hören! dachte er, und er hatte Not, die eigenen Tränen zurückzuhalten, deren er sich schämte.
Mit tiefem Atemzuge stand er auf. Jetzt, da Eva es wusste, hatte er überwunden. Sei verständig, Mädchen, sagte er, und mach' uns beiden das Herz nicht unnütz schwer! Richten und Rotenfeld sind nicht die Welt, und ich denke, wir sollen fortan beide keinen Herrn mehr haben, der uns befehlen kann – und bald Gott dafür danken, dass wir frei sind, Du und ich! Lass den Christian satteln, er soll heute bis Feldheim reiten, so erfährt Herbert morgen Mittag in Kerben, was geschehen ist, und Du musstest es ja auch erfahren! – Komm' zu mir, wenn Du den Befehl gegeben hast.
Sechszehntes Capitel
Dem Freiherrn seiner Seits war es auch nicht wohl ums Herz. Er hatte zu viel Ehrgefühl und Stolz, um es nicht schwer zu empfinden, wenn er sich sagen musste, dass er einem seiner Untergebenen ein Unrecht getan, und in diesem Falle befand er sich jetzt seinem Amtmanne gegenüber. Dazu hing er am Hergebrachten, am Gewohnten mehr als er es sich selber eingestand, und die Herren von Arten hatten sich immer etwas damit gewusst, seit mehr als hundert Jahren dasselbe Geschlecht in ihren Diensten zu haben. Alte, treue Diener gehörten nach der richtigen Ansicht des Freiherrn zum edelsten Familienbesitz, und noch war er niemals in der Lage gewesen, sich eines Teils desselben zu entäussern. Es wäre ihm hart angekommen, sich von einem der von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Geräte zu trennen; sich von einem Menschen loszusagen, dessen Familie so lange mit den Erinnerungen seines Hauses verbunden gewesen war, kam ihm noch schwerer an. Und er hatte den Adam, er hatte beide Geschwister gern. Es waren, das konnte und mochte er sich selbst in dieser Stunde nicht verhehlen, tüchtige und brave Menschen. Einen treueren Beamten als den Adam konnte er nicht finden.
Er ging mit sich lange und ernstaft zu Rate. Wären die zeiten gewesen wie früher, so würde er vielleicht nicht angestanden haben, am nächsten Tage den Amtmann kommen zu lassen, ihm, der im grund ja noch ein junger Mensch war, den Kopf tüchtig zurecht zu setzen und ihm dann anzuzeigen, dass er ihm vergeben, ihn in seinem Dienste behalten wolle, und Adam würde das dankbar angenommen haben. Aber die zeiten hatten sich gewaltig geändert, seit die Revolution in Frankreich ausgebrochen war, seit man dort den edlen, unglücklichen König entauptet und eine Staatsverfassung, eine Republik eingeführt hatte, in der Gewerbtreibende und Gelehrte, Leute ohne