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worden und wenn Adam sich auch sorge darüber machte, dass schon wieder neue Wechsel für den Freiherrn zu zahlen waren, so hatte er auch wieder besser als ein Anderer die Hülfsquellen der Arten'schen Besitzungen gekannt und sich damit beruhigt, dass Alles noch auszugleichen und herzustellen sei, wenn man einmal mit dem unnützen Kirchenbaue fertig und der kostspieligen Flüchtlinge ledig geworden sein würde. Auf Jahre hinaus hatte er seine Berechnungen, seine Plane angelegt; all sein Sinnen, all seine Kraft und Gedanken hatte er an die Verwaltung dieser Güter geknüpft. Von früh auf, durch eine hundertjährige Vergangenheit, durch alle seine Familien-Erinnerungen gewöhnt, das Schicksal der Steinert's mit dem der Herren von Arten, denen sie dienten, unzertrennlich verbunden zu denken, war ihm erst in den allerletzten zeiten je zuweilen die Vorstellung gekommen, dass es so nicht immer gehen, dass Verhältnisse eintreten könnten, unter denen er nicht im stand sein würde, die herrschaft weiter zu bewirtschaften. Es hatten ihm das jedoch so entfernte Möglichkeiten gedünkt, dass er sich nie lange, nie ernstlich mit ihnen beschäftigt; und dass er, einer von den Steinerts, einer von den Amtleuten, die wie Lehnsleute in dem haus in Rotenfeld gesessen, von einem der Freiherren, von seinem Freiherrn mit Schimpf und Schande von Haus und Hof getrieben werden könne, daran hatte er in keiner Stunde seines Lebens noch gedacht. Um so härter trat das Ereigniss vor ihn hin, um so fester musste er sich ihm gegenüberstellen, und er tat das auch. War er doch nicht der erste Mensch, dessen Schicksal eine plötzliche Umwälzung erfuhr; war er doch nicht hülflos, wenn er diese Güter nicht mehr bewirtschaftete! Die Steinerts hatten ein hübsches Vermögen zusammengebracht im ehrlichen Dienste der Herren von Arten, und es stand ja in der Bibel, dass denen, die der Herr liebt, Alles zum Guten gereichen müsse. Wer weiss, wozu es gut war, dass es hier mit Einem Male mit ihnen zu Ende ging! Stand es doch nicht in den Sternen geschrieben, dass die Steinerts immer nur Amtleute der Freiherren von Arten bleiben sollten! Sie konnten Gutsbesitzer werden, sich auf eigene Füsse stellen, besser als hundert Andere, denn sie hatten die Kenntnisse und das Capital dazu.

Es half aber nichts, dass Adam sich dies Alles vorhielt und dass dies Alles seine volle Richtigkeit hatte. Der Mensch reisst sich nicht mit Einem Schlage von seiner Vergangenheit los, und wo er's tun muss, blutet die Wunde noch lange nach.

Wie er so einsam in seinem Wagen dahinfuhr und mit dem vertrauten Auge über die Gegend hinsah, fand er sich mit Allem durch seine Sorgfalt dafür verknüpft. Er kannte jeden Baum, jeden Strauch. Für jeden Acker hatte er gesorgt, jeden Weg bessern, jeden Zaun erhalten, die meisten Hecken in den letzten Jahren pflanzen lassen. Die Pferde, welche der Knecht zum Eggen hinausritt, hatte Adam auf dem letzten Markte gekauft; der Knecht war auf dem hof in Rotenfeld geboren und erwachsen. Zu der Schafheerde, welche der Hirt, nun der Mittag vorüber war, noch einmal auf die Stoppeln hinausführte, hatte Adam's Grossvater den Stamm gekauft, und Adam selber war vor sechs Jahren in des Herrn Auftrag in Sachsen gewesen, von dort her eine edlere Race einzuführen.

In wessen hände das nun kommen wird? dachte Adam. Es wird's nicht leicht einer so gut halten, wie wir getan! Es wird Manches drunter und drüber gehen, wenn einer darüber gerät, der's nicht zu übersehen und zusammenzuhalten weiss! Und gar, – wenn ein Unredlicher darüber käme!

Er schüttelte nachdenklich den Kopf. Wie war es denn gekommen, das arge Zerwürfniss? Was war denn eigentlich geschehen? Und war es denn nicht zu vermeiden gewesen? Er konnte es noch nicht begreifen. – Mit grossem Bedachte ging er den ganzen Lauf der Unterredung durch. Wort für Wort wiederholte er sich Alles. Er brachte die Anwesenheit des Marquis, die Gemütsart des baron, sein gebieterisches Wesen und selbst die Art von väterlicher herrschaft in Anschlag, die der Herr über ihn geübt, weil er ihn von Kindesbeinen aufwachsen sehen. Er erwog Alles, bis auf den Ton, bis auf die Mienen, mit welchen er zu dem Herrn gesprochen, aber er konnte sich keinen Vorwurf machen. Sein Mannesgefühl und sein gutes Recht durfte er nicht antasten lassen, der blossen, launenhaften Willkür brauchte er sich nicht zu unterwerfen. Er konnte mit seiner einzigen Schwester Zufriedenheit und Glück nicht also spielen lassen, denn es war klar, aus welchem grund immer, der Freiherr hatte ihn absichtlich demütigen und kränken wollen, und glücklicher Weise befand er sich nicht in der Lage, dies hinnehmen und ertragen zu müssen. Es war also gut, ganz gut so, wie es gekommen war.

An dieser Meinung richtete er sich fest empor, und schon glaubte er vollständig Meister über den erlittenen Eindruck geworden zu sein, als sein Wagen in das Tor des Amtofes einfuhr. Wie es so da lag, breit und stattlich unter den mächtigen Bäumen, das gute, alte Haus, so hatte sein Urgrossvater es erbaut. Die Bäume aber waren weit älter. über diese Treppe war sein Vater als Bräutigam mit seiner Mutter eingezogen, über diese Treppe hatten sie Vater und Mutter zur letzten Rast getragen. Hier hatte er gespielt; hier an der Treppe hatte er gewartet, als sie mit der Eva zur Taufe nach der