1864_Lewald_163_141.txt

sie nicht geniesst

Das Wort verriet die ganze Erbitterung des Amtmanns und verletzte Herbert, aber er vermochte die Baronin eben so wenig zu verteidigen als zu verdammen. Geschmeichelte Eitelkeit, getäuschte Erwartungen, unbestimmte Besorgnisse und das unangenehme Bewusstsein, seine Braut verstimmt und in einer ihr peinlichen Lage zurückzulassen, bedrängten ihn gleichzeitig und erschwerten ihm das Scheiden, das doch endlich nicht weiter hinausgeschoben werden durfte.

Herbert musste die Nacht zu hülfe nehmen, um am nächsten Morgen rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein, und wie ihn die Bilder einer beglückenden Zukunft, wie ihn die lieblichen Erinnerungen der beiden letzten Tage und unruhige Gedanken mancher Art nicht zum Schlafe kommen liessen, so fanden auch Eva und der Amtmann keine Rast.

Man war übereingekommen, des Freiherrn Bestimmung bis gegen den nächsten Mittag hin gelassen zu erwarten. Hatte man sie dann noch nicht erhalten, so wollte Adam auf das Schloss gehen und selber darum bitten. Am Morgen machte er sich früher noch, als er sonst pflegte, an seine Arbeit. Er verwies Eva zur Ruhe, da ihre aufgeregte Empfindung sich in lebhaften Aeusserungen erging, und vermied es danach geflissentlich, mit ihr zusammen zu sein.

Als er um die Frühstückszeit vom feld nach haus kam, fragte er: Ist etwas vom schloss da? – Eva, die still war, wie nur grosse Unruhe sie es werden liess, verneinte es. So soll der Kutscher anspannen!

Du willst fahren, lieber Bruder?

Ja! Das Reiten macht mich warm! entgegnete er und verliess sie, ohne weiter mit ihr zu sprechen.

Als er wiederkehrte, hatte er sich gekleidet wie ein Mann seines Standes es für eine feierliche Handlung zu tun pflegte; auch seine ernste, zusammengefasste Haltung war einer solchen entsprechend. Während er den Wagen erwartete, trat Eva an ihn heran, und ihre Hand auf seine Schulter legend, sagte sie: Es tut mir recht leid, Bruder, dass ich Dir Ungelegenheiten veranlasse!

Mach' Dir keine Sorgen darum; wer weiss, wozu es gut ist! versetzte er.

Eva rückte ihm die Schleife am Halstuche zurecht, bürstete ihm den sauberen Tuchrock noch einmal ab und machte sich immer wieder etwas mit ihm zu schaffen, aber sie sprachen nicht mit einander.

Der Amtmann hielt sich innerlich vor, was er dem Freiherrn vorzustellen gedachte; Eva hätte dem Bruder gern sagen mögen, was sie vor dem Freiherrn gesagt zu haben wünschte, aber sie traute sich nicht, dem Bruder vorzuschreiben, und so begleitete sie ihn vor die tür hinaus, wo der Einspänner ihn erwartete. Du kommst doch geraden Weges nach haus? fragte sie.

Geraden weges! versetzte er und befahl dem Kutscher, zuzufahren.

Wer den Freiherrn sprechen wollte, musste gegen zwölf Uhr kommen. Das war nun freilich für seine Leute, besonders für diejenigen, welche nicht in Richten, sondern in Neudorf oder, wie der Amtmann, gar in Rotenfeld wohnten, nicht die bequemste Stunde, denn es war ihre Mittagszeit; aber gerade desshalb hatte der Grossvater des baron es also eingeführt, und man hatte es beibehalten von Vater auf Sohn, damit man nicht ohne gewichtigen Grund in Anspruch genommen und nicht unnötig von den Leuten aufgehalten werden konnte.

Der Freiherr, welcher auf seine Wohlgestalt immer grossen Wert gelegt, neigte seit einiger Zeit zum Fettwerden und hatte desshalb angefangen, sich viel Bewegung zu machen. Als man ihm den Amtmann meldete, ging er eben in Gesellschaft des Marquis in dem grossen saal des Erdgeschosses auf und nieder, in welchem man zur Winterzeit einen teil der immergrünen Gewächse aufzustellen pflegte, und da die Sonne warm und hell durch die geöffneten Türen hineinschien, so dass es dem Freiherrn in der Luft behagte, befahl er, den Amtmann hieher zu senden.

Vermutlich ein Liebesbote, aber freilich ein etwas robuster, bemerkte lächelnd der Marquis, nachdem der Kammerdiener sich entfernt hatte. Ich hoffe, Herr Baron, die Fürbitte Ihrer Frau Gemahlin wird Sie erweicht haben. Und sich auf ein damals übliches Madrigal beziehend, sang er mit seiner schönen stimme: Es ist so süss, so süss, zu beglücken!

Der Freiherr, welcher den ganzen Morgen, obschon er sich sehr gleichmütig zeigte, doch nicht gut aufgelegt gewesen war, lächelte flüchtig und bemerkte: Sie werden es trotzdem bei zeiten lernen müssen, sich den Wünschen der Damen zu widersetzen!

So wollen Sie wirklich die kleine Eva dem Architekten noch nicht bewilligen? fragte der Marquis, während ein kaum merkliches Lächeln um seine feinen, sarkastischen Lippen spielte.

Ich pflege von meinen wohl begründeten Vorsätzen nicht zurückzukommen, mein lieber Marquis.

Der Marquis verneigte sich leicht. Gewiss nicht! rief er, und als komme ihm eben erst der Gedanke, fügte er hinzu: Uebrigens haben Sie, glaube ich, durchaus Recht, mein verehrter Freund, wenn Sie diesem Herrn Herbert in einem gewissen Punkte, den man freilich nicht zu schwer nehmen darf, nicht so unbedingt vertrauen, als die Frau Baronin und der würdige Caplan, denn im Uebrigen mag sicherlich nichts gegen Ihren Architekten einzuwenden sein!

Der Freiherr antwortete darauf nicht sogleich. Es lag im Allgemeinen nicht in seiner Art, solche Einflüsterungen zu beachten. Indess gegen seine Gewohnheit fragte er nach einer Weile: Marquis, was wissen Sie von dem Architekten?

Nur Gerüchte, wenn ich's recht bedenke, versetzte dieser zurückhaltend, nachdem die Frage an ihn getan worden.

Und welche, wenn ich bitten darf?

Ich hörte sie neulich, als ich in der Stadt