Beide Eheleute vermochten nicht zu fassen, nicht zu glauben, was geschehen war. Beide litten, beide kämpften schweigend in ihren Herzen. Jedem von ihnen mochte die Ahnung kommen, dass es jetzt vielleicht noch Zeit sei, jedem von ihnen mochte die heisse Aufwallung durch die Seele gehen, jetzt schnell noch die Hand zu bieten, um die Wunde zu heilen, die sie einander geschlagen hatten und die unheilbar werden musste, wenn man sie nicht augenblicklich schloss. Aber wie ein Dämon stand zwischen ihnen jene Selbstsucht, die man als gerechten Stolz, als Ehrgefühl bezeichnet, und statt einander helfend zu befreien, dachten beide nur daran, sich würdig gegen einander zu behaupten.
Des Freiherrn Züge waren völlig ruhig, als Angelika endlich ihren blick zu ihm erhob. Weiss Herbert, dass Du ihn liebst? fragte er bestimmt.
Ja! entgegnete sie eben so, und es freute sie, zu sehen, wie schwer es ihrem Gatten wurde, seine Ruhe aufrecht zu erhalten.
Weiss er es durch Dich?
Ja! wiederholte sie.
Und die Herzogin – sie weiss es auch?
Aber als Angelika auf diese Frage die Antwort geben sollte, kam wie mit Einem Schlage das Bewusstsein der Herzensverblendung über sie, die sie fortgerissen und in der die Herzogin sie gehen lassen, sie bestärkt und weiter geführt hatte. Sie sprang auf, warf sich ihrem Gatten zu Füssen und flehte: Franz, Franz, rette mich vor mir selber! Es war ein Wahnsinn, der mich ergriffen hatte! Ich bin nicht schuldig, nicht so schuldig, als Du wähnst! Glaube mir selber nicht, den Worten nicht, die ich vorhin gesprochen, die der Zorn mir entrissen, Deine Strenge, Deine Kälte brachten mich ausser mir. Nur mein Herz war Dir nicht treu, nur meine Phantasie konnte sich vergessen. Ich bin ja Dein, Dein allein, wie ich es stets gewesen! Komm' mir zu hülfe, Franz! Komm' der Mutter Deines Sohnes zu hülfe – dass sie sich wiederfinde in der Liebe zu Dir und ihm! Komm' mir zu hülfe, Franz, durch Deine Liebe, Deine Nachsicht, wie – ich Dir einst durch meine Liebe und Geduld zu hülfe gekommen bin!
Der Freiherr hatte sie gleich Anfangs erhoben. Jetzt, da sie sich in seine arme werfen wollte, nahm er sie bei der Hand und nötigte sie, sich niederzusetzen. Sein Herz, seine Ehre, seine Eitelkeit hatten eine Kränkung erfahren, die er nie vergessen konnte. Er hatte Angelika niemals leidenschaftlich geliebt, aber er hatte sie hochgehalten wie keine andere Frau. Jetzt, da er zu erkennen glaubte, dass er sie überschätzt, jetzt, da sie sich selber eines Treubruches anzuklagen hatte, auf dessen Möglichkeit manche Aeusserungen der Herzogin, wie er jetzt nachträglich begriff, ihn schon öfter behutsam hingewiesen hatten, jetzt erinnerte Angelika ihn daran, wie er sich vor ihr gedemütigt, wie sie sich in ihrem Selbstgefühle hoch über ihn erhoben, und zu unglücklicher Stunde fiel es ihm ein, dass es einst einen Tag gegeben, an dem er diese Frau und ihre strenge, makellose Reinheit beinahe gefürchtet hatte.
Was er in diesem Augenblicke verlor, konnte keine Zukunft ihm wiederbringen, aber Eines konnte er erretten – Eines konnte er gewinnen, und er war entschlossen, diesen Vorteil nicht aufzugeben. Er konnte seine Ehre wahren und seine Gewalt und herrschaft über die Baronin neu und ein für alle Mal begründen.
Fasse Dich, Angelika, sagte er mit anscheinender Ruhe, und sei unbesorgt, Du hast es mit mir, mit einem Edelmanne – er betonte das Wort sehr scharf, und sie verstand seine Meinung – mit einem Edelmanne zu tun, der nie vergessen kann, was er Dir und was er sich selber schuldet. Was ich Dir zu sagen hätte, das wird Dein eigenes Gewissen Dir nicht ersparen, denn ich wiederhole Dir: ich habe das Wort als Mann gehalten, das ich Dir einst verpfändet. Du hingegen ....
Franz, fiel die Baronin ihm in die Rede, indem die Tränen ihr aus den Augen stürzten, muss ich Dir es wiederholen, muss ich es noch einmal aussprechen, das Bekenntniss, dass nur mein Herz, nur meine Phantasie Dir untreu waren!
Der Baron presste in heftigem Schmerze seine Lippen zusammen. dafür habe ich sicherlich nicht Dir allein zu danken! entgegnete er, und es tat ihm wohl, wie seine Gattin unter diesem Worte händeringend ihr Gesicht verbarg. Bald aber erhob sie wieder ihr Haupt: Ich verlangte mich zu rechtfertigen, ich wünschte, ich konnte es; jetzt, nach diesem Worte, vermag ich es nicht mehr! rief sie, und die Klage rang sich wie ein Schrei aus ihrer Brust.
Still, Angelika, still! sprach der Freiherr, indem er ihre Hand fest drückte. Oder willst Du uns zum Gespötte unserer Leute machen? – Er schwieg, sie weinte mit unterdrückter stimme.
Bist Du gefasst genug, mich jetzt zu hören? fragte er nach einer Pause, in welcher er langsam auf dem weichen Teppiche umhergegangen war. Sie bejahte es.
Nun denn, ich wiederhole Dir, ich mache Dir keinen Vorwurf! Es ist schwer, der stimme des Herzens zu gebieten – ich habe sie auch einst gehört und bin ihr gefolgt, wie Du! Vielleicht irrte ich, als ich Dich, die Du meine Tochter sein konntest, zur Gattin wählte; vielleicht irrte ich, als ich Dich zu sehr Dir selber