1864_Lewald_163_137.txt

daran erinnert, dass meine selbstsüchtige sorge um die Baronin mich grausam gegen ein junges Pärchen machte, grausam gegen einen Mann, mit dem ich in jedem Betrachte wohl zufrieden bin. Erlauben Sie, dass ich mich entferne, um mein Unrecht zu vergüten!

Ja, gehen Sie, gehen Sie! rief die Herzogin, als freue sie sich, ihn umgestimmt zu haben; aber sie kannte ihren Freund, sie erriet seine Absicht und sie hatte sich auch dieses Mal nicht geirrt.

Nicht in sein Zimmer begab sich der Baron, er wandte sich geraden Weges nach dem Zimmer seiner Frau. Er musste wissen, ein für alle Mal wissen, woran er mit ihr war.

Angelika sah müde und niedergeschlagen aus, als er bei ihr eintrat. Die Erscheinung des Freiherrn, der sie nicht lange erst verlassen hatte, kam ihr unerwartet, seine Haltung, seine Mienen fielen ihr auf und machten sie verwirrt. Er hatte sich ihr immer mit jener rücksichtsvollen Ergebenheit genaht, welche die ritterliche Sitte dem vornehmen mann selbst da als Pflicht gegen eine Frau auferlegt, wo er zu gebieten hat. So schmerzlich manche Verhandlungen zwischen ihm und seiner Gattin, so schwer und quälend sie namentlich in früheren zeiten oft gewesen waren, nie hatte er den Gebieter, nie den Herrn gegen sie herausgekehrt, und niemals hatte sein Ton sie streng erfasst.

Ohne ein Wort zu sprechen, sah er, ob die Türen, welche in die Nebenzimmer gingen, geschlossen waren. Dann liess er die Portièren nieder und nahm auf einem Sessel der Baronin gegenüber Platz. Sein Schweigen, seine Ruhe steigerten ihre Besorgniss; es fröstelte sie, und auch der Freiherr sah bleich und kalt aus.

Ich frage Dich nicht, wie Du Dich befindest, Angelika, und Du fragst mich nicht, wesshalb ich wiederkomme, hob er, nachdem er tief Atem geschöpft hatte, mit fester stimme an, das beweist für uns beide, was uns zu wissen Not tut.

Da er sah, dass sie ihm antworten wollte, legte er seine Hand auf ihren Arm und hielt sie davon zurück. Nur eine kleine Geduld, bat er, was ich Dir zu sagen habe, wird kurz sein! Er schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort: Ich habe Dir keine Vorwürfe zu machen, im Gegenteil, Du wirst Dich immer in der Lage befinden, mir sagen zu können, dass Du mit mir das Glück nicht gefunden hast, welches Du Dir mit Recht von der Ehe erhoffen durftest.

Höre mich! fiel die Baronin, welche den Worten ihres Mannes mit wachsender Bewegung folgte und auf diese Art der Unterredung in keiner Weise vorbereitet gewesen war, ihm angstvoll in die Rede.

Nein, lass mich vollenden! entgegnete er. Erinnere Dich, wie ich Dir einmal sagte: hätte ich die abmahnende stimme gekannt, die Dich bei unserer ersten Begegnung von mir zurückhielt, so würde ich nie um Dich geworben haben! Denn es ist wahr, unsere Neigungen, unsere Ansichten gehen vielfach aus einander, Du bist nicht glücklich mit mir geworden. Du hast mir auch viel verzeihen, viel mit mir ertragen müssen in den ersten Jahren unserer Ehe, aber was Du mir nach Deiner Meinung zu verzeihen hattestdieses Eine gestehe mir wenigstens zu –, das lag Alles hinter der Zeit, in welcher Du Dich mir verbunden. Oder welcher Untreue könntest Du mich zeihen, seit ich Dir mein Wort verpfändet?

Angelika war wie gelähmt vor Schrecken und vor Schmerz. Was sie innerlich auch empfunden hatte, diesen Ton, diese Sprache verdiente sie nicht. Sie war gewissenhaft und demütig bereit gewesen, sich eines Unrechtes anzuklagen, sich einer Gedankensünde zu zeihen, aber gegenüber den Vorwürfen, welche ihr Gatte ihr machen zu wollen schien, empörte sich ihr gerechtes Bewusstsein, verstockte sich ihr Herz.

Da Angelika auf ihres Gatten Frage nichts entgegnete, wiederholte er sie mit dem Zusatze, dass er eine einfache Antwort erwarte. Das steigerte in ihr das Gefühl der Kränkung, und kalt, wie der Freiherr zu ihr sprach, sagte sie: Ich habe mich über gar nichts zu beklagen, im Gegenteil!

Was soll das heissen? fragte der Baron.

Da bemächtigte seiner Gattin sich eine jener wilden Anwandlungen des Schmerzes, denen die sanfteste natur nur schwer widersteht. War es doch genug, was sie leiden musste, war es doch genug, was sie an innerer, selbstanklagender Pein, an Herzenskränkung zu ertragen hatte! Sie wollte nicht allein unglücklich sein, nicht allein die Schmerzen der verschmähten Liebe fühlen. Es sollten Andere unglücklich sein wie sie, und vor Allem sollte der Mann sich nicht ungestraft als ihr Richter vor sie stellen, um den sie ihre Jugend, ihren Frieden, ihr Vaterhaus, ihre Eltern und Alles aufgegeben und verloren hatte!

Mit jener Wollust des Rachegefühls, die dem Beleidigten ein wilder, berauschender Genuss ist, sagte sie: Du hattest sicherlich kein Recht zu dem Tone dieser Unterredung, wenn Du mit Deinen Voraussetzungen Unrecht hattest. Aber Du hast Dich nicht geirrt! – Sie zögerte, es stieg noch einmal, wie in solchen Augenblicken immer, ein Abmahnen in ihrem Herzen, ein letztes Besinnen in ihr auf; indess ihr Zorn wollte sich genugtun, und fest und bestimmt sagte sie: Ich liebe Herbert! Das war es, was mir heute das Herz zu brechen drohte!

Angelika! rief der Baron und schloss die Augen, während seine Hand krampfhaft die Lehne seines Sessels ergriff.

Es war still im Zimmer.