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heitere Stimmung der Anwesenden gekommen. Der Freiherr wusste, dass seine Gattin vor Paulinens Leiche zum ersten Male von diesem Herzkrampfe befallen worden, welcher seitdem bei heftigen Gemütsbewegungen mehrmals wiedergekehrt war, und das machte ihm diese Zufälle doppelt peinlich. Was der Baronin in diesem Augenblicke einen Anfall zugezogen haben konnte, war ihm unbegreiflich; indess er mochte in Gegenwart dritter Personen nicht darum fragen, und bemüht, den Vorgang vergessen zu machen, sagte er, auf den letzten Gegenstand der Unterhaltung eingehend: Herbert drückt sich sehr gut aus, man sieht, dass er seine Dichter nicht umsonst gelesen hat. Er ist für Eva eine sehr schickliche Partie. Er ist tüchtig in seinem Fache, und da er das Mädchen, wie er sagt, seit lange im Herzen trägt und ....

Um Gottes willen, sehen Sie die Baronin! rief der Marquis, und mit einem leisen Aechzen, die hände auf das Herz gepresst, sank Angelika ohnmächtig zurück.

Man rief ihrer Kammerfrau, sie wurde aus dem Zimmer entfernt, die Herzogin folgte ihr. Herbert's Brief blieb an der Erde liegen, Niemand dachte jetzt an seine Angelegenheiten.

Erst am Nachmittage, als man wegen Angelika's nicht mehr in augenblicklicher sorge zu schweben brauchte und der Baron seine Freundin in ihrem Zimmer aufgesucht hatte, kam sein Kammerdiener fragen, ob der Bote aus Rotenfeld noch länger warten solle. Berechtigt, wie sie war, verdross die Mahnung den Baron.

Nein, schicke Er ihn fort. Ich würde die Antwort senden! sagte er. Der Kammerdiener verliess mit dem Bescheide das Zimmer. Der Freiherr setzte seine Unterhaltung mit der Herzogin fort, indess er war zerstreut, es lag ihm Etwas im Sinne, dem er nicht Gehör geben wollte, aber er konnte den blick, den flüchtigen, lächelnden blick nicht vergessen, den der Marquis der Herzogin zugeworfen hatte, als Angelika zusammengebrochen war. Und was hatte es bedeutet, dass die Herzogin mit zärtlicher stimme der Leidenden zugeflüstert, sich zu fassen, sich um Gottes willen zu beherrschen?

Er wollte die Empfindung, die Aufregung, welche ihn peinigten, in sich zum Schweigen bringen, aber sie liessen ihm keine Ruhe. Er hörte, was die Herzogin sprach, indess er konnte dem Sinne ihrer Erzählungen nicht folgen. Ihre Worte berührten zum ersten Male nur sein Ohr. Sie bemerkte das auch bald, denn leise ihre Hand auf die seinige legend, sagte sie im Tone sanftester Begütigung:

Sie sind wirklich zu ängstlich um den Anfall unserer teuren Angelika, Sie machen sich überhaupt unnötig sorge und begehen in der Tat ein Unrecht, mein teurer Cousin!

Der Baron fuhr jäh empor. Was soll das heissen? fragte er, und seine Stirne erglühte in stolzem Zorn. Von wem sprechen Sie?

Wesshalb zögern Sie, fuhr sie einlenkend und bittend fort, dem Architekten die Zustimmung zu geben, der er sicherlich voll Ungeduld entgegen sieht?

Der Freiherr atmete auf; aber damit war der Herzogin nicht gedient, darauf hatte sie es nicht abgesehen, und ihm keine Zeit zu neuer Frage oder zu einer Entgegnung gönnend, sprach sie:

Was hat er denn verbrochen, dieser arme Herbert? Hat er denn nicht schnell begriffen, was ihm ziemte? Hat er, da er das Unglück hatte, Ihnen zu missfallen, sich nicht selber die verdiente Strafe und Busse auferlegt, indem er sich freiwillig aus Ihrer Nähe und aus Ihrem haus verbannte?

Die Vorbitte der Herzogin musste dem Freiherrn auffallen. Es lag daneben in ihrem Tone, in ihren Worten etwas, das ihn in seiner Unruhe nur noch bestärkte, obschon er sich bemühte, es nicht zu hören. Selbst der freundliche blick der Herzogin peinigte ihn, und sich erhebend, um nur der Nähe dieses eindringlichen Blickes zu entgehen, sprach er:

Ich wusste nicht, dass Sie so viel Anteil an meinem Architekten nehmen, meine Freundin, und Herbert selber war sich dessen sicher nicht vermutend.

Die Herzogin lächelte. Anteil an Ihrem Architekten? wiederholte sie. Was ist mir dieser Herbert? Was kann ein Mensch wie er uns sein? Aber ich kann es nicht verstehen, mein Freund, wesshalb Sie, eben Sie, Baron, ihn hindern wollen, sich seiner Freiheit ein für alle Mal zu entäussern, wesshalb Sie ihn hindern wollen, sein zärtliches Herz für die Zukunft der Schwester Ihres Amtmannes zu überantworten! Mich dünkt, dazu hätten Sie, mein Freund, doch wirklich keinen Grund, und es ist ja so süss, ein paar glückliche zu schaffen, wenn die gelegenheit sich wie hier dazu so günstig zeigt!

Sie sprach dies mit der völligsten Heiterkeit und Freiheit, mit gänzlicher Gelassenheit, aber sie folterte den Freiherrn mit ihrer Ruhe. Er hörte, er fühlte, dass sie ihm etwas hinterhielt, dass sie ihn etwas erraten lassen, ihm eine Mitteilung machen möchte, deren Inhalt er zu kennen glaubte und die von irgend einem Menschen aussprechen zu hören er doch um jeden Preis vermeiden wollte. Zwei Wege lagen vor ihm offen, seine Aufregung drängte ihn zu dem einen hinaber er zauderte, ihn zu betreten. Nur eines Augenblickes überlegung bedurfte er, dann war sein Entschluss gefasst. Er musste der Herr bleiben auf jedem Wege, den er gehen sollte, und heiter und frei, wie die Herzogin selbst, reichte er ihr die Hand.

Ich danke Ihnen, rief er; Sie sind immer besser, immer gütiger als wir Anderen, meine Freundin! Sie haben mich zur rechten Zeit