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Zukunft der Geliebten verantwortlich fühlt und ein Vorbild der Vaterliebe und Vatersorge in sich schliesst.

Aber Eva hatte sich zu lange als ihres Bruders Hälfte gefühlt, um dies schnell vergessen zu können. Sie machte sich aus des Geliebten Umarmung los, warf sich an des Bruders Hals und rief, in Tränen ausbrechend: Adam, sei nicht böse, ich konnte aber doch nicht anders!

Nein, Du solltest auch nicht anders! entgegnete er heiter, indem er Herbert die dargebotene Rechte schüttelte; aber die Augen waren ihm doch feucht geworden, denn er wusste, dass er diese Schwester, dass er dieses selbstgewisse, tätige und frohe Wesen schwer vermissen werde. Gleich in der Frühe reite ich aufs Schloss!

Herbert wollte wissen, was dieses Vorhaben, dieser Ritt nach dem schloss mit seiner Liebe und mit seiner Verlobung zu schaffen habe, und der Amtmann sagte ihm, dass der Freiherr Eva's Vormund sei, und dass man also dessen Einwilligung begehren müsse. Herbert nahm das leicht hin, aber Eva wurde nachdenklich. Es machte sie besorgt, dass ihr Bruder heute von dem Freiherrn nicht in gewohnter Weise entlassen worden war, dass es eben heute Verdriesslichkeiten gegeben habe, und da sie sich immer gern an die Aussprüche ihrer verstorbenen Mutter hielt, meinte sie, von einem Unmutigen müsse man nichts begehren, denn der suche gern seinen Unmut auf Andere zu wälzen. Zudem konnte von dem ersten Einfalle Herbert's, Eva gleich von Rotenfeld zu entfernen, in keinem Falle die Rede sein, und Herbert sagte sich dies selbst, nun die Aufwallung seines eifersüchtigen Ehrgefühls besänftigt war.

Der Amtmann konnte bei der vielverzweigten Wirtschaft die Hausfrau nicht entbehren; ein Ersatz für Eva war nicht leicht, nicht gleich zu finden, und wie lästig ihr die gelegentlichen Besuche des Marquis auch sein mochten, fand Eva selbst in ihnen jetzt, da sie verlobt war, noch weniger als früher irgend eine Gefahr oder auch nur ein Bedenken. Aber die Anfrage bei dem Freiherrn beunruhigte sie, ohne dass sie Gründe dafür angab, und da Herbert sie ohnehin am nächsten Tage verlassen musste, wünschte sie, dass dieser selbst in einem Briefe die Werbung bei ihrem Vormunde machen und seine Einwilligung zu ihrer Heirat fordern möge.

Dreizehntes Capitel

Die Gäste des Schlosses verabschiedeten sich eben von der Baronin, als man am nächsten Tage dem Freiherrn den Brief des Architekten überbrachte. Er kannte die Handschrift, steckte das Schreiben in die Brusttasche und befahl, da er eine Geschäftsanfrage vermuten mochte, den Boten anzuweisen, dass er die Antwort erwarten solle.

Wohl aufgelegt durch die letzte Unterhaltung mit seinen Gästen, erheitert von dem glücklichen Witzworte, welches einer derselben gesprochen, kehrte er in das Zimmer der Baronin zurück, in welches die Hausgenossenschaft sich nach dem Frühstücke begeben hatte und in dem sie noch beisammen geblieben war.

Die Herzogin und Angelika sassen am Kamine einander gegenüber, der Marquis und Renatus liessen das Hündchen der Baronin auf den Hinterfüssen tanzen oder warfen einen Ball durch das Zimmer, dem das kleine, schnellfüssige Tier dann mit grossen Sätzen eifrig folgte, und der Caplan hörte, den rücken gegen das Fenster gelehnt, mit jenem Wohlgefallen, das gute Menschen an der Fröhlichkeit der Kinder finden, dem hellen lachen und dem jubel zu, mit welchem der hübsche Knabe jeden Scherz des Marquis und jeden Sprung des Hündchens begleitete.

Auch der Freiherr vergnügte sich an der Lust seines Sohnes, aber er hatte nicht mehr Jugend genug, sie durch persönliche Teilnahme an dem Spiele zu erhöhen, und nachdem er dem Knaben den feinen Mund und das blonde Gelock geküsst, setzte er sich nieder und nahm mit dem Bemerken, dass er Herbert's Brief beinahe vergessen hätte, das Schreiben zur Hand, welches er mit einem Lächeln zusammenfaltete, nachdem er es gelesen.

Angelika's Auge hing mit Spannung an den Mienen ihres Gatten. Die Herzogin, wie immer bereit, den Wünschen der Baronin zuvorzukommen, übernahm es, mit ihrer gewohnten Gelassenheit die Frage zu tun, was das Lächeln des baron bedeute.

Wenn Sie sich herbeigelassen hätten, unsere Sprache zu lernen, liebe Freundin, antwortete der Freiherr, so würde ich sagen: lesen und entscheiden Sie! Denn die Sache gehört im grund vor Ihr Gericht, vor das Gericht der Damen! Es sind Herzensbekenntnisse, ein kleiner Roman!

Er reichte damit den Brief seiner Gattin hin und es fiel ihm auf, dass sie die Farbe plötzlich wechselte. Er fragte, ob sie sich nicht wohl befände, sie versicherte das Gegenteil; aber während er der Herzogin erzählte, dass der Baumeister um des Amtmanns Schwester, um die hübsche Eva werbe, die sein Mündel sei, erhob sich die Baronin von ihrem Sessel und blieb, wie von einem Schwindel erfasst, plötzlich stehen, sich mit geschlossenen Augen an dem weit vorspringenden Simse des Kamins haltend.

Der Freiherr, die Herzogin, der Geistliche eilten herbei, auch der Knabe drängte sich an das Knie der Mutter, da er die Erwachsenen um sie besorgt sah. Die Baronin nahm sich jedoch schnell zusammen. Es ist mein altes Herzweh, weiter nichts, sagte sie; ich bitte, achtet nicht darauf!

Sie trat an das Fenster, welches man für sie öffnete, schöpfte mehrmals tief Atem und kehrte dann, den Knaben an der Hand haltend, zu den Uebrigen zurück, obschon die Blässe von ihren Wangen nicht weichen wollte und sie offenbar Mühe hatte, ihre Fassung zu behaupten.

Es war dadurch eine ängstliche Unterbrechung in die bis dahin so