hülfe und Beistand kann man nur für ein bestimmtes Vorhaben benutzen, und ich weiss noch nicht, was ich tun soll und kann, sondern nur, was ich nicht mag und was ich möchte! – Er hielt ein wenig inne und sagte darauf: Ich mag nicht verwirtschaften sehen, was wir hier seit Menschenaltern schaffen halfen, ich mag nicht in Unfrieden leben, wo wir mit herrschaft und Insassen stets in gutem Einvernehmen gestanden haben, ich mag auch die Eva hier nicht länger lassen, und darum möchte ich selber fort von hier!
Sie, Steinert? Sie möchten fort von hier?
Der Amtmann fuhr sich mit der Hand ein paar Mal durch das krause Haar, wie er es zu tun pflegte, wenn ihm etwas nicht nach seinem Sinne ging. Hart ankommen würde es mir, entgegnete er, aber es wird doch das Ende vom lied sein. Es ist, als ob sie gar kein Einsehen mehr hätten; als ob sie es noch nie bemerkt hätten, dass Roggen, Weizen, Kartoffeln und Rüben hierlands nicht wie im Paradiese bloss auf Gottes Machtspruch aus der Erde wachsen, dass die Bäume sich nicht von selber pflanzen und fällen, dass man nicht erntet, wo man nicht gesäet hat, und dass man kein Geld schaffen kann, wenn man nicht zur rechten Zeit zu verkaufen im stand ist! Man hat kaum hände genug, jetzt, wo die Kälte und das schlechte Wetter vor der tür stehen, an jedem Tage das Nötigste zu leisten, und muss Menschen und Pferde nach allen Ecken und Enden herumsprengen, als ob man die Jahreszeit aufschieben könnte wie eine zu gebende Gesellschaft!
Was haben sie denn eben jetzt auf dem schloss vor? fragte Herbert, dem des Amtmanns Aeusserung über Eva im Sinne lag und der ihn gern von den Beschwerden über die allgemeinen Uebelstände zu bestimmten Mitteilungen bringen wollte.
Weiss ich's! rief Steinert in ärgerlicher Achtlosigkeit; sie haben ja alle Tage etwas Anderes! Bald ist's ein Maskenfest, bald ein Schäferspiel, wie sie es in Trianon gefeiert, ehe die Hirtentänze in den Tanz übergingen, den sie ihnen dort mit der Carmagnole aufspielten! Dann wieder sind's die Jagden, zu denen Gesellschaft geladen wird! Sie können ja nicht ruhen! – Und sich dann besinnend, fügte er hinzu: Jetzt nun ist's, wie alljährlich, der Hochzeitstag! Und Gott weiss, ob ein Mensch lebt, der sich über diese Hochzeit aufrichtig zu freuen hat!
Er ging unruhig auf und nieder. Aber was hat Eva mit dem Allem zu tun? fragte der Architekt, weil ihm das am meisten am Herzen lag.
Indess der Amtmann war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um sich durch eine Zwischenfrage von ihnen abbringen zu lassen. Mir ist manchmal zu Mute, sagte er, als stände ich vor einem Kleefelde, in das der Teufelszwirn sich eingenistet hat. Man sieht, wie das Unwesen um sich greift, man legt auch wohl die Hand an, es an einer Stelle zu bewältigen, aber ehe man sich's versieht, ist's an zehn anderen Stellen da, und die ganze Aussaat und Arbeit ist verloren. Das Geld fliegt ihnen jetzt nur so durch die hände. Heute, wie ich nach haus komme, finde ich eine Anweisung des gnädigen Herrn, in der nächsten Woche viertausend Taler auf einen Wechsel an Flies zu zahlen, als ob ich hier die Gelder der königlichen Bank im Vorrat liegen hätte, und wer diese angenehme Anweisung gebracht hat, ist nicht, wie sich's gebührt, der Secretair oder der Diener einer, sondern wieder einmal der Herr Marquis, welcher immer verdammt dienstfertig ist und immer gerade vorbeireitet, wenn es hier herum etwas zu bestellen gibt!
Es fuhr Herbert wie ein Schnitt durch die Brust, das Blut stieg ihm bis zum Halse empor. So muss Eva gleich morgen mit mir gehen! rief er lebhaft aus.
Mit Ihnen gehen? fragte der Amtmann. Was soll das heissen?
In dem Augenblicke trat Eva ein, und ohne die Frage ihres Bruders zu beachten, nahm der Baumeister sie bei der Hand. Sie haben vorhin mit mir geschmollt, Eva, sprach er, und sind so rasch davongegangen, dass ich Ihnen gar nicht sagen konnte, was mir heute, seit ich Sie wiedergesehen, immer auf dem Herzen gelegen hat! Wissen Sie, was es ist?
Sie lächelte und sah ihm treuherzig in das Auge, während die helle Röte mädchenhafter Scheu sie überflog. Liebe Eva, und was antworten Sie mir? fragte er, indem er auch ihre andere Hand ergriff.
Das würden Sie mich nicht fragen, wenn Sie es nicht wüssten! entgegnete sie ihm. Und noch ehe sie das freudestrahlende Auge zu ihm erhob, hatte Herbert den bräutlichen Kuss auf ihren Mund gedrückt und ihre arme seinen Nacken umschlungen. So hielt er sie eine kurze Weile umfangen.
Es war still im Zimmer, die alte Uhr, welche in diesem haus zu so manchem Ereignisse die Stunde geschlagen, schickte als Zeichen ihrer Gegenwart ihren klaren Pendelschlag zu ihnen hinein, der Bruder blickte bewegt und schweigend auf die Liebenden. Und wie lebhaft Herbert's Herz auch klopfte, fühlte er doch eine ihm fremde, ernste Ruhe über sich gekommen, seit des lieben Mädchens Kopf vertrauensvoll an seinem Herzen lag, denn in seiner Seele regte sich mit der Liebe für das erwählte gute und schöne Weib auch jene vorsorgende Zärtlichkeit, welche sich für die