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Und? fragte Herbert lebhaft gespannt.

Und als sie dann natürlich nichts gefunden hatte, da ging sie gerade so fort, wie sie gekommen war, und ich musste sie noch daran erinnern, dass sie so starken Durst gehabt und Milch befohlen hatte.

Sie brach damit ihren Bericht in derselben spottenden Weise ab, in welcher sie ihn begonnen hatte, Herbert liess es auch dabei bewenden. Das war Eva aber offenbar nicht recht. Sie sah ihn an, als wolle sie in seinen Mienen lesen, ihn zum Sprechen auffordern, und da er dies nicht zu bemerken schien, rief sie plötzlich: Dass Ihnen all diese Besuche nicht einmal auffallen, Mosje Herbert, und dass Sie sie ganz natürlich finden würden, das hätte ich nicht gedacht! – Nein, das hätte ich wirklich nicht gedachtvon Ihnen nicht gedacht! wiederholte sie mit einer stimme, der man den unterdrückten Zorn anhörte, und ging hastig von dannen, ohne darauf zu achten, dass Herbert ihr folgte und sie zu bleiben bat.

Da sie sich in die Mägdestube zu den Spinnenden begab, in deren Gegenwart er sie doch nicht sprechen konnte, nahm er sein Licht und ging auf sein Zimmer. Hier also war Angelika gewesen!

Herbert blickte umher, als suche er eine Spur von Angelika's Anwesenheit, aber er fühlte kein Vergnügen dabei. Ihn überkam ein Misstrauen und eine Unruhe, die er nicht mehr empfunden, seit er sich von Richten entfernt hatte, und vor Allem verdross es ihn, dass er Eva unzufrieden wusste, denn er hatte sie lieb und war sicher, dass auch er ihr teuer sei. Es lagen so viel Unschuld und Wahrhaftigkeit in der Weise, in welcher sie ihm ihre Neigung kund gab, und die ganzen Verhältnisse waren auch so natürlich zwischen ihm und ihr, dass er fühlte, wie es für ihn im grund nur seiner einfachen Anfrage bedürfe, damit er in Eva eine Frau gewinne, wie sein Vater sie ihm schon lange zu geben gewünscht und wie er sie zuweilen auch ersehnt hatte, wenn er, von seinen Geschäftsreisen heimkehrend, sich einsam in sein einsames Zimmer begeben müssen. War es ihm doch gerade heute bei seiner Ankunft in Rotenfeld so erquicklich gewesen, von Eva's freundlichem Blicke, von ihrem herzlichen Willkomm empfangen zu werden, so erquicklich, dass er sich kaum entalten können, sie in seiner Freude, als gehöre sie schon lange zu ihm, an das Herz zu drücken.

Er setzte sich an das Bureau nieder. Das Zimmer war auf das vorsorglichste für ihn bereitet; trotz der späten Jahreszeit stand noch ein frischer Strauss auf der Commode unter dem Spiegel, und ein zweiter, wie er es liebte, auf seinem Bureau. Er wusste Eva für dieses Eingehen auf seine kleinen Neigungen von Herzen Dank, und er hatte sie dafür noch lieber. Indem zog er die grosse Schieblade auf, um etwas aus seinen Papieren herauszusuchen. Als er die oberen Lagen derselben aufgehoben hatte, hielt er plötzlich betroffen inne. Zwischen den Papieren, welche er dort aufbewahrt, weil sie sich auf den Bau bezogen, lag ein versiegelter Brief ohne Adresse und ohne Zeichen im Petschaft: aber er zweifelte nicht, von wem er käme, und ihn hastig eröffnend, las er die Herder'schen Worte: Leichter ist es der Seele, die schwersten Schmerzen zu

dulden,

Als dem Auge, sich selbst einem Geliebten entziehn! Eine wunderbare Empfindung durchzuckte ihn. Er konnte seine Augen nicht von dem Blatte und von den Worten abwenden. Wenn es wahr wäre? Wenn sie dich dennoch liebte und hätte nur ihr eigenes Herz verkannt? Und hätte dich nur von sich gewiesen, um den Argwohn ihres Gatten zu beschwichtigen? dachte er.

Er fühlte sich aufgeregt, er fühlte eine freudige Genugtuung, aber das währte nur einen kurzen Augenblick und machte bald einer entgegengesetzten Empfindung Platz. Sein Ehrgefühl schreckte vor einem solchen Liebeshandel zurück, und die Frau, welche daran denken konnte, ihn einzugehen, war nicht mehr jene reine, schuldlose und unglückliche Seele, zu der er einst mit so verehrender Liebe emporgesehen hatte. Er wollte nicht wieder der Spielball seiner eigenen Empfindungen oder gar das Spielzeug in den Händen einer Frau werden, die sich, gerade wie ihr Gatte, das Recht zuzuerkennen schien, ihn nach ihrem Belieben wider seinen Willen anzuziehen und abzustossen, und der Gedanke, was Eva empfunden haben würde, hätte ein Zufall oder ihre eigene zärtliche Neugier ihr dieses Papier in die hände gespielt, nahm ihn noch entschiedener gegen die Baronin ein.

Er dachte daran, ihr dieses Blättchen zurückzusenden, aber er war Mannes genug, eine Frau unter keinen Verhältnissen blosszustellen, und mit raschem Entschlusse zerriss er das Papier, um der Baronin in der Weise zu antworten, die seiner Neigung für Eva entsprach und die ihn für immer des Schwankens enteben musste, in welchem er sich sonst zwischen diesen beiden Frauen bewegt.

Auf dem Punkte, sein Zimmer zu verlassen und die bindende Entscheidung zu treffen, mit welcher er ein für alle Mal seiner Freiheit entsagte, überkam ihn jedoch jene Unsicherheit, welche fast jeder Mann in solcher Lage fühlen muss. Er war entschlossen, Angelika's nicht mehr zu gedenken; indess noch war er Herr, es zu tun, und er sah sie eben jetzt so deutlich vor Augen. Sie erschien ihm nur schöner, nur reizender, wenn er sie sich hier in diesem schlichten raum vorstellte, wenn er es sich ausmalte, wie eine Frau