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Diese Vorstellung schmeichelte dem verschwiegenen Wunsche der liebenden Frau, und die Aussicht, Herbert wiederzusehen, nahm ihre ganze Seele gefangen. Indess Angelika war es noch nicht gewohnt, sich in Zwiespalt mit sich und ihrem Gewissen zu finden, und wenn sie es sich eben mit aller Kraft ihres Herzens ausgemalt hatte, was sie alles Herbert sagen, was sie dabei empfinden, was er ihr antworten werde, so warf ein blick auf ihren Sohn sie in die lebhafteste Reue zurück und sie fühlte sich unfähig, ihrem Gatten zu begegnen oder ihre Stirne vor dem sanften sorgenvollen Auge ihres geistlichen Beraters zu erheben.
Ihre Liebe steigerte sich an ihrem inneren Kampfe, und Herbert zögerte, zu kommen. In jeder Woche, an jedem Tage durfte man auf seine Ankunft rechnen, denn die Zeit der Arbeitseinstellung nahte für dieses Jahr heran, und auch der Amtmann hatte Gründe, dieselbe lebhaft zu ersehnen.
Endlich, gegen das Ende des October, traf Herbert an einem Morgen im Amtause ein, und ritt am Nachmittage, als er den Bau in allen seinen Teilen besichtigt, nach Richten hinüber. Es war eine sehr quälende Empfindung, mit welcher er das Schloss betrat. Man sagte ihm, dass Besuch im haus sei; er liess sich melden, wurde angenommen, und heiter und zutraulich wie in den besten Tagen kam der Freiherr ihm entgegen. Er hatte ein paar Edelleute bei sich, denen er Herbert als einen sehr verdienten jungen Künstler vorstellte, als den Sohn eines Freundes, an dem er also doppelt teil nehme.
Der Freiherr legte dabei jene bequemen weltmännischen Manieren an den Tag, die ihn so vortrefflich kleideten, aber sie machten auf Herbert nicht mehr den wohltuenden Eindruck wie sonst, sie beleidigten ihn vielmehr. Er fühlte, dass diese liebenswürdige Herablassung nur eine Schaustellung sei, in welcher der Freiherr sich vor seinen Gästen gefiel, und er sagte sich, dass er ihn selbst mit seiner Freundlichkeit beleidige, da er, indem er sich es erlaube, ihn nach seiner jedesmaligen Neigung zu behandeln, das Rechtsverhältniss zwischen ihnen aufhebe, nach welchem jeder rechtschaffene Mensch von den Personen, mit denen er verkehrt, vor allen Dingen die ihm gebührende gleichmässige Behandlung zu verlangen habe.
Der Freiherr führte Herbert darauf in sein ArbeitsCabinet, das Geschäftliche wurde mit gewohnter Leichtigkeit behandelt, es war auch gelegentlich von dem Baue des Pavillons oder Tempels wieder die Rede, und Herbert, der jetzt eben so viel Scheu davor trug, der Baronin zu begegnen, als er in früheren Tagen Verlangen gehegt, sie in dieses Zimmer treten zu sehen, wusste den gang der Verhandlungen noch zu beschleunigen. Mehrmals glaubte er jenes Rauschen eines seidenen Kleides zu vernehmen, welches ihm sonst das Herz bewegt hatte. Aber Niemand erschien; und als er auf des Freiherrn Worte, dass er ihn morgen wiederzusehen hoffe, dass er ihn morgen zur Mittagstafel erwarte, notwendige Geschäfte vorgab, die ihn in der nächsten Frühe abzureisen nötigten, nahm Jener das an, ohne ihm für den gegenwärtigen Tag eine Einladung zu machen, und entliess ihn freundlich, aber eilig.
Es ward Herbert erst wieder frei ums Herz, als er das Portal des Schlosses hinter sich hatte und als er, durch den kalten, windigen Nachmittag den wohlbekannten Weg nach Rotenfeld zurückreitend, die Rauchsäule aus dem breiten Schornstein des Amtauses über die dasselbe umgebenden Bäume emporwirbeln sah.
Die Sonne war im Untergehen, als er den Hof erreichte. Einer der Knechte nahm ihm das Pferd ab. Als er zu ebener Erde in die bereits geheizte stube trat, fand er sie leer. Er setzte sich an das Fenster, in welches die helle Glut des Abendrotes hineinstrahlte. Draussen fuhr ein vierspänniger Wagen, mit einem gewaltigen Eichenstamme beladen, langsam in den Hof, während die letzten Schläge der Dreschenden auf der Tenne verklangen, und die Krähen in wählerisch kreisendem Fluge ihr Nachtquartier auf den Dächern der Scheunen und Ställe aufsuchten. Er sah, wie man die Pferde von dem Wagen abspannte, wie man sie in die Ställe führte, wie die Türen der Scheunen geschlossen wurden, wie die Arbeiter einer nach dem andern sich entfernten und wie die Glut und Farbenpracht des himmels erloschen, und in die Dämmerung versanken. Das milde Zwielicht, die Wärme des Zimmers, das bekannte Ticken der alten Uhr, das vom Flur hereintönte, waren ihm äusserst angenehm. Er wusste, dass seines Bleibens auch hier nicht sei, aber er fühlte seinen aufgeregten Sinn von dieser Umgebung, in welcher Alles von der ruhigen Dauer eingewohnter Zustände Kunde gab, angenehm besänftigt.
Was denken Sie? fragte ihn Eva, als sie, das grosse Schlüsselbund am Gürtel, in das Zimmer trat und in der Nähe des Ofens die hände gegen einander rieb, die ihr beim Schaffen in Küche und kammer kalt geworden waren.
Ich denke, wie heimisch ich hier bin!
Heimisch? wiederholte sie; und das fällt Ihnen heute ein, da Sie eben so lange von uns fort gewesen sind?
Ja, eben desshalb, denn es ist mir, als sei ich endlich wieder nach haus gekommen! Ich bin so gern hier!
Er sagte das ohne jede Galanterie, und sie nahm es eben so einfach auf, ohne sich in ihrer häuslichen Tätigkeit stören zu lassen. Sie langte einen Fruchtkorb aus dem grossen Glasschranke herunter, füllte ihn mit den frischduftenden Aepfeln und Pflaumen, welche eine Magd ihr zutrug, zündete darauf die Lichter an und setzte sich Herbert gegenüber an das Fenster.
Sind Sie mit meinem Bruder zufrieden? fragte sie