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sie zu dem Entschlusse gelangt war, sich aufzurichten, um ihrer Eltern, um des fremden Knaben willen. Alles erschien ihr neu. Die Zärtlichkeit ihrer Eltern dünkte ihr grösser, als je zuvor, denn sie nannte sie ein unverdientes Glück, dessen sie sich würdig machen müsse. Sie erschrak vor der langen Reihe von Tagen, die sie in ihrem dumpfen Schmerze verloren; sie hatte sie den Eltern entzogen und musste diese dafür entschädigen. Jede Stunde wurde ihr wert, jeder Tag kostbar, denn es galt, eine Schuld der Dankbarkeit zu zahlen, Liebespflichten zu erfüllen und dem Lebenszwecke zu genügen, den sie sich in der Erziehung Paul's gestellt hatte.

Wenn die Mutter ihre Freude darüber aussprach, dass der blick der Tochter sich erhelle, wenn der Vater es mit Genugtuung bemerkte, dass sie sich wieder mit erhöhtem Eifer ihren früheren Beschäftigungen und Studien überliess, und wenn beide geneigt waren, diese glückliche Wandlung auf Herbert's Einfluss zu schieben, so pflegte Seba Paul an sich heranzuziehen und mit ihrem schwermütigen Lächeln freundlich zu sagen: Ich weiss wohl, wie viel Ermunterung ich Herbert schulde, aber dass ich für dieselbe empfänglich geworden bin, das danke ich dem Paul. Ich habe ihn an Kindesstatt angenommen und er muss doch ein gutes Beispiel an mir haben! Man nahm das für einen Scherz, freute sich, dass Seba wieder scherzen mochte, und hinderte sie nicht, den Knaben so viel als möglich in ihrer Nähe zu haben, der still und ernstaft, wie er sich von Anfang an erwiesen, zwischen seiner Beschützerin und ihrem Freunde Herbert heranwuchs.

Er war keines der Kinder, die durch geistreiche Einfälle überraschen, durch lebhafte Gefühlsäusserungen für sich einnehmen, aber er beobachtete scharf, und weil er in dem haus seiner Pflegeeltern niemals eine besondere Anregung zum Aussprechen seiner Gedanken erhalten, hatte er schweigen, sich beherrschen und seine Eindrücke in sich festalten gelernt. Ohne ein Wort davon kund zu geben, ohne danach zu fragen, hatte er sich auf seine Art eine eigene Vorstellung davon gebildet, dass eine Aehnlichkeit zwischen dem Schicksale seiner Mutter und dem Schicksale Seba's obwalte, dass Graf Berka Seba eben so unglücklich gemacht habe, als der Freiherr von Arten seine Mutter, und wenn er auch nicht völlig verstand, was seine Beschützerin damit meinte, dass sie ihm ihre Wiederherstellung verdanke, so wusste er doch, dass seine Liebe ihr wohltue, dass er die Macht habe, ihr Freude zu bereiten, und dass er Niemanden lieber habe, als sie.

Er war fleissig, weil Seba ihn dann belobte; er lernte die lebenden Sprachen gern und schnell, weil sie ihn darin unterrichtete, und unmerklich, wie unser ganzes Denken und Tun auf die Kinderseelen einwirkt, prägten sich ihm die Vorstellungen und die Anschauungsweise der Personen ein, denen er seine Liebe zugewendet hatte.

Er hörte in der jüdischen Familie über die Vorurteile klagen, welche die Menschen von einander halten, er hörte den Hochmut und die Anmassungen des Adels, die hohlen Ansprüche der Beamtenwelt, die Unduldsamkeit der verschiedenen Culte gegen einander bald bedauern, bald tadeln und verspotten, und seine eigenen kleinen Erlebnisse boten ihm Beweise und Erklärungen für die Grundsätze, welche er ohne das vielleicht nicht verstanden haben würde. Der Kriegsrat und seine Frau, wie freundlich sie der Flies'schen Familie begegneten, sprachen doch immer mit einer gewissen Geringschätzung von ihrem Wirte, weil er ein Jude und nur ein Kaufmann war; aber was der Knabe sah und hörte, fiel Alles zu Gunsten dieses Juden und seiner Familie aus. Oben bei seinen Pflegeeltern hatte Alles ein doppeltes Gesicht, unten bei den Juden blieben die Dinge sich immer gleich. Der Kriegsrat und Laura waren im Beisein dritter Personen lauter Güte und Freundlichkeit mit einander; befanden sie sich allein, so sprach Herr Weissenbach nur selten mit seiner Frau, und es gab Misshelligkeiten und Verdruss von allen Arten. Weil man vor den Leuten den Aufwand zeigen wollte, der einer angesehenen Beamtenfamilie zukam, sparte und geizte man, wo Andere es nicht sahen, und während man überall von Menschenpflichten und christlicher Liebe sprach, war man für die Aufrechtaltung des äusseren Anstandes jedes Talers und Groschens so benötigt, dass man dem Notleidenden beizuspringen sich versagen musste.

Der Kriegsrat litt von diesen Zuständen ganz unverkennbar. Er klagte, dass Alles teurer werde, ohne dass die Einnahmen des Beamten sich vergrösserten; er wollte, dass sich Laura die gewohnten Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten versagte, und doch sah er selber es nicht gern, wenn sie weniger wohl gekleidet, weniger heiter schien, wenn den Standesgenossen und Collegen nicht die frühere Gastfreiheit bewiesen wurde. Was sollten sie von seiner Lage denken, wenn er bei gleichen äusseren Umständen nicht die gleichen Lebensgewohnheiten aufrecht erhielt? Paul hörte ihn oftmals sagen, dass derjenige glücklich sei, welcher nur nach seinem eigenen Ermessen leben könne, der nicht zu überlegen brauche, wie Vorgesetzte und Collegen sein Tun und Treiben ansähen, und unwillkürlich, wenn der Kriegsrat dem Knaben Mitleid mit seinen Sorgen einflösste, dachte der Knabe, dass er niemals ein Beamter werden wolle, um tun und lassen zu können, was er wolle, und sich um Niemanden kehren zu dürfen, wie Herr Flies.

Unfähig, in seinem Urteile das Besondere von dem Allgemeinen verständig zu sondern, fasste er doch seine Meinung über die üble Lage der Beamten und über das beneidenswerte los des Kaufmanns; denn in gleichem Grade, wie bei seinen Pflegeeltern die heimlichen Verlegenheiten und Entbehrungen wuchsen, gedieh durch die Handelsspeculationen