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als schmelze das starre Eis in ihrem Herzen und als durchziehe eine milde Wärme ihre Brust. Ihre Tränen hörten zu fliessen auf, auch sie umfasste den Knaben zärtlich, und ihn an sich drückend, sagte sie: Paul, habe mich doch lieb!

Ja, antwortete er ihr ernstaft.

Und wir wollen recht gut sein, Paul!

Ja, entgegnete er ihr wieder.

Und meinen Eltern wollen wir rechte Freude machen! Hörst Du, rechte Freude, Paul! Und hier in meiner stube wollen wir uns immer von Deiner Mutter erzählen, und Du musst recht brav werden, Paul! Ich will Dich auch so lieb haben, wie Deine Mutter, ich will Deine Mutter sein, Paul! rief sie, und es kamen Kraft und Freude in ihre stimme bei den Worten. Ich will Deine Mutter sein, Paul, und Du sollst mein Sohn sein, das heilige Vermächtniss Deiner armen Mutter! wiederholte sie.

Kommen wir dann auch in das Schloss und in den Park? fiel ihr der Knabe in die Rede, der sich nach Kinderweise schnell erheiterte und dadurch auf die angenehmen Vorstellungen verfiel, welche ihn im Stillen oftmals beschäftigt haben mochten.

Nein, entgegnete sie, indem sie traurig auf ihn niederblickte, nie! Wir kommen beide nicht hinein, nicht Du, nicht ich! Aber leben wollen wir bleiben, leben will ich bleiben für die Eltern und für Dich! – Leben! rief sie noch einmal, tief Atem schöpfend, indem sie sich emporrichtete; leben und lieben, helfen und retten, und auch mich selbst erretten will ich!

Eilftes Capitel

Das Zerwürfniss zwischen dem Präsidenten und seiner Freundin war ein unheilbares geblieben, aber die Kriegsrätin hörte, als eine kluge Frau, bald auf, dies zu beklagen. Sie behauptete, in ihres Mannes Freundschaft Ersatz zu finden, und die Leute waren geneigt, ihr dies zu glauben. Sie erschien nicht mehr so oft allein in der Gesellschaft und an öffentlichen Orten, Herr Weissenbach verlegte sein Arbeitszimmer neben ihre Wohnstube, und wenn er sich gegen Herrn Flies auch häufig darüber beschwerte, dass es ihm gar zu viel Zeit und Geld koste, beständig den Begleiter seiner Frau zu machen, so musste er doch seine Gründe haben, sie nicht mehr wie früher sich selber zu überlassen.

Im Uebrigen änderte das Fortbleiben des Präsidenten in der Lebensweise der Familie nichts, bis kurz vor dem Herannahen eines neuen Jahres der Kriegsrat einmal eine lange und geheime Unterredung mit seinem Hausherrn gepflogen hatte. Was dabei verhandelt worden war, darüber sprachen beide nicht; es fiel aber den Freunden der Kriegsrätin auf, dass sie von Neujahr ab ein paar Zimmer ihrer wohnung an den Architekten überliess, den sie in der Familie ihres Wirtes kennen gelernt hatte.

Jeder, der es von ihr hören wollte, konnte jetzt von der Kriegsrätin vernehmen, wie erwünscht die Gesellschaft eines Mannes von Herbert's Namen und Bildung ihr für ihre stille Häuslichkeit dünke; aber sie war jetzt eben so wenig als früher in der Lage, sich den Anforderungen ihrer weit verbreiteten Geselligkeit zu entziehen, und Herbert hatte es auch nicht auf den Umgang mit der schönen Laura abgesehen, als er sich für die wohnung entschied, welche sie zu vermieten wünschte.

Seit er, bei seinem ersten Verweilen in der Familie Flies, Seba's Zusammenbrechen bei der Erwähnung der sündhaften Wette des Grafen Berka erlebt, hatte sich Herbert überzeugt gehalten, dass sie selbst der unglückliche Gegenstand jener Wette gewesen sei. Er war bald wieder in das Haus gekommen, sich, wie die Höflichkeit es forderte, nach ihrem Ergehen zu erkundigen, und ihr tiefes, stilles Seelenleid hatte ihr sein männliches Mitleid gewonnen. Fern von jener Neugier, die für den Leidenden so quälend ist, weil sie für ihn die notwendigkeit der Selbstbeherrschung steigert, behandelte er sie mit der Voraussetzung, dass sie unglücklich sei, und die vorsichtige Weise, mit der er ihrem trüben Sinne hier und da eine freundliche Vorstellung unterzuschieben wusste, bot ihr durch eine lange Zeit das einzige Labsal, für das sie empfänglich war. Er mutete ihr nicht zu, sich des eigenen Daseins zu erfreuen, er verlangte niemals, dass sie von sich spreche; aber er erzählte ihr von seinen Reisen, von seinen Erlebnissen, von seinem Aufentalte auf Schloss Richten und in Rotenfeld; und, herzenskundig durch den eigenen Schmerz, erriet sie, was er ihr nur zögernd anvertraute: den Zwiespalt, unter dem er sich zwischen der Gräfin und Eva bewegt, die Kränkung, welche er erfahren hatte, und die Ueberwindung, die es ihn jetzt kostete, so oft er nach Richten gehen musste. Dass er nicht völlig mit sich einig, dass auch er noch ein in seiner Entwicklung Begriffener war, machte ihn Seba nur noch werter. Wenn sie ihn ermutigte, sprach sie sich selber damit Mut ein; wenn sie sich gelegentlich zu erheitern strebte, erheiterte dieses Bestreben sie selbst, und wenn sie, erhoben von dem Gedanken, dass sie einem Andern, einem edlen jungen mann doch noch etwas zu leisten und zu sein vermöge, sich einmal freier gehen liess, so ward er für seinen selbstlosen Anteil an ihr, durch den Einblick in ein liebevolles, reiches Herz belohnt, das glücklich zu sein verdiente und sich doch des Rechtes, es jemals zu werden, für verlustig hielt.

Wie man nach langer, schwerer Krankheit mit Rührung aufs Neue ins Leben tritt und mit zagendem Erstaunen wieder die ersten Schritte wagt, so bewegt fühlte sich Seba, nachdem