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ihr nehmen könne, was sie selber auf sich geladen hatte.

Paul, der auch an diesem Abende wie gewöhnlich herunter gekommen war, um seine Freundin zu besuchen, hatte sich allmählich daran gewöhnt, ihr schweigend Gesellschaft zu leisten. Eine geraume Zeit sah der grosse, schlanke Knabe geduldig zu, wie auf der Strasse die Lichter flackerten und wie die Leute mit dem Winde kämpften. Endlich mochte er dessen überdrüssig sein, denn sich zu Seba wendend, bat er: Sprich doch mit mir!

Sie überhörte es. Er wartete wieder eine Weile, ob sie sich nicht mit ihm beschäftigen würde, dann sagte er ganz plötzlich: Seba, Du wirst Dich gewiss auch noch einmal ins wasser stürzen!

Sie fuhr entsetzt empor. Wer hat Dir das gesagt? rief sie, indem sie ihn bei den Händen erfasste.

Ihre stimme klang ihm fremd, und so gewaltsam hatte sie ihn niemals angefasst. Er fürchtete sich vor ihr. Lass mich los, rief er erschreckend, lass mich los!

Sie beachtete es nicht. Wer hat Dir das gesagt? wiederholte sie.

Ich sehe es ja! gab er ihr zur Antwort.

Was denn? Was siehst Du denn? drängte ihn Seba, der das Herz fast hörbar klopfte; denn das schweigende Leiden unter lächelnder Miene hatte sie erschöpft, und schwarze, unklare Gedanken waren in ihr aufgetaucht, als unten in der Strasse das wasser in den lachen so gezittert und geglänzt. Eine schmerzliche sehnsucht hatte sie ergriffen und an ihrem Herzen gezogen. Sie hätte fortgehen mögen, fort von Vater und Mutter, weit fort, um einmal in einsamer Ferne ihre bitteren Tränen laut zu weinen und dann endlich nichts mehr fühlen zu dürfen und all des Elendes ledig zu werden, mit Einem Male für immerdar.

Was siehst Du? wiederholte Seba noch einmal, und ihre milder gewordene stimme löste des erschreckten Knaben Lippen.

Du sitzest immer grade so still wie meine Mutter, sagte er, und weinst immer wie sie, Du wirst Dich auch noch wie sie ins wasser stürzen!

Seba schlug die hände vor dem gesicht zusammen, sie erschrak vor sich und ihren eigenen Gedanken; des Knaben Worte hatten sie zur Besinnung gebracht. Ein heisses Mitleid für die tote mischte sich in Seba's Schmerz um das eigene Geschick, und Mitleid ist Befreiung; denn wer Teilnahme für einen Andern zu empfinden vermag, reicht wenigstens in dem Momente über die eigene Not hinaus. Die Tränen schossen ihr in die Augen, indess diese Tränen taten ihr nicht so wehe, als die unzähligen andern, welche sie seit der Unglücksstunde bis auf diesen Tag vergossen. Und mitten in ihrer Hülfslosigkeit zuckte zum ersten Male der Gedanke in ihr auf, dass sie sich erlösen müsse, wenn sie nicht ihr Leben enden wolle; dass sie wählen müsse zwischen Selbstvernichtung und Selbsterhaltung durch ein klar bewusstes Tun, durch Selbsterhebung und durch Selbsterlösung.

Sie konnte Geschehenes nicht ungeschehen machen, sie konnte ihre reine, schuldlose Vergangenheit nicht wieder erwecken, sie konnte Paulinen nicht mehr helfen; aber sich selber konnte sie helfen, und Paulinen's Sohn war da! Sie und dieser Knabe, Seba und Paul, sie gehörten zu einander, das war die Vorstellung, die ihr wie ein neues Licht entgegenstrahlte. Er war ein Verstossener, einer Verstossenen und Verlassenen Sohn, und war sie doch auch entehrt und verraten und wie seine Mutter verlassen worden.

Sie hatte es bisher stets vermieden, mit ihm von seiner Mutter und von seinen Erinnerungen zu sprechen. Heute fragte sie ihn, was er von seiner Mutter wisse. – Er hatte ein klares Gedächtniss von dem letzten Gange mit ihr bewahrt; er erinnerte sich ihres Hauses, seiner Heimat, des Wagens, in welchem der Baron zu kommen gewohnt war, und er wusste, dass der Baron von Arten sein Vater sei. Aber mit der Festigkeit, welche frühreife Kinder oftmals auszeichnet, hatte er, nachdem der Zufall ihm einmal einen teil seines Wissens entlockt, wieder geschwiegen bis auf diese Stunde. Auch des Augenblickes entsann er sich, da er die Kunde von dem tod seiner Mutter erhalten hatte.

Ich weiss es noch sehr gut, sagte er, wie ich aufwachte und die stube voller Menschen war. Sie schrieen alle, die Mutter sei ins wasser gestürzt, und die Magd, welche bei uns diente, hielt meiner Mutter Tuch und meiner Mutter Schuhe in der Hand und weinte.

Seba schauerte zusammen. Was sollte aus ihr werden, wenn sie es nicht vermochte, mit sich selber fertig zu werden, mit ihrer Schuld, mit ihrem Unglücke? Wenn sie sich in grübelnder Verzweiflung auf dem Wege gehen liess, auf welchem sie sich eben angetroffen? Was sollte aus ihren Eltern werden, wenn die Leute einmal in ihr Zimmer träten, ihnen des einzigen Kindes Tuch und Schuhe vorzuzeigen?

Nein, nein, niemals! rief sie voll Entsetzen aus und umschlang den Knaben, als müsse sie sich an sein blühendes Leben halten, um sicher vor dem tod zu sein. Ich will nicht untergehen, ich will und werde nicht zu grund gehen! Ich will leben bleiben, Paul! Ich bleibe bei Dir und bei meinen Eltern, bei meinen guten, armen Eltern, lieber Paul!

Sie weinte bitterlich und weinte lange. Paul, wie alle Kinder von der Rührung eines Erwachsenen leicht überwältigt, weinte mit ihr. Er hielt sie mit seinen Armen umfasst, und es war ihr, als löse sich das pressende Band von ihrer Stirn,