das bereitet!
Madame Flies versicherte und erinnerte sie, dass es mit der letzteren nicht eile, dass ihr Mann ja immer gern gewartet habe.
Gewiss, gewiss, rief Laura, der Kriegsrat besitzt ja einen wahren Schatz an Ihres Mannes Freundschaft! Aber was hilft mir das? Sie wissen gar nicht, wie ängstlich, wie genau der Kriegsrat ist. Jede Cocarde, jede Falbala, jedes Teaterbillet und jedes Biscuit muss verzeichnet werden und wird bekrittelt, wenn es verzeichnet ist. Da half denn des Präsidenten Galanterie gelegentlich ein wenig aus – versteht sich, nur leihweise – für Tage nur – nur um den lieben Hausfrieden nicht zu stören! Und da muss mir nun nach elf Jahren der Präsident die gute Laune ohne allen Grund verlieren. Ich habe schon gedacht, ob Sie, liebe Madame Flies ....
Sie brach plötzlich ab und sagte nicht, was sie gedacht hatte; denn das Gesicht ihrer Wirtin verriet ihr, dass sie sich wahrscheinlich eine unnütze Blösse gegeben hatte. Das Kaffeezeug war fortgeräumt, die Hausfrau erhob sich, um den süssen Wein und das Confect zu holen, die den Imbiss vervollständigen sollten, aber wie mild und glatt der alte Malaga die Kehle auch hinabglitt, die Unterhaltung wollte nicht wieder in Fluss geraten.
Die gute Meinung, welche Madame Flies von ihrer Freundin gehegt, hatte einen schweren Stoss erlitten, und die Kriegsrätin hatte auch besser von ihrer Wirtin gedacht. Nach der sorglosen Weise, in welcher sie Seba früher ihren Weg gehen lassen, hatte sie die Mutter nicht für so spiessbürgerlich und namentlich nicht für so sittlich engherzig gehalten. Sie waren beide verstimmt und beide begannen wieder von Seba zu sprechen, über deren Seelenzustand sich freilich beide eine falsche Vorstellung machten.
Seba's erstes Empfinden nach jenem unheilvollen Morgen und nach den Tagen, welche ihr die überzeugung aufgedrängt, dass sie gewissenlos von einem Elenden verraten und verlassen sei, war der Drang gewesen, sich Vater und Mutter zu Füssen zu werfen und ihnen Alles zu gestehen. Aber es war genug, dass ihr eigenes Herz gefoltert ward, dass sie sich selbst verloren hatte, dass sie elend geworden war, dass sie sich verachtete und nicht mehr vorwärts, nicht mehr rückwärts zu blicken wagte. Ihr war Alles entrissen, was bis dahin ihr Leben ausgemacht: nur Eine Gewissheit und nur Ein Gefühl waren unverändert in ihr geblieben: sie wusste, dass sie das Glück ihrer Eltern war, und sie liebte ihre Eltern. Daran musste sie sich halten!
Es wäre ihr eine Befreiung gewesen, sich anzuschuldigen, ein Trost, sich zu demütigen; denn es ist für ein rechtschaffenes Herz leichter, verdienten Tadel, als unverdientes Lob zu ertragen und eine Liebe über sich walten zu fühlen, deren es sich nicht mehr würdig glaubt. Aber was sie selber auch empfand, wie hart ihr Verstand und ihr Ehrgefühl sie verurteilten, wie tief sie sich erniedrigt fühlte, den Eltern musste und wollte sie zu bleiben suchen, was sie ihnen gewesen war: ihr Stolz und ihre Freude. Sie musste schweigen, sie musste die Wiederkehr einer Ruhe heucheln, nach der sie vergebens rang, mit der sie die Eltern doch nicht völlig täuschte, und Heucheln fiel ihr schwer. Sie sah es, dass die feinen Furchen um ihres Vaters Mund und auf seiner Stirn tiefer geworden waren, seit seine Tochter ihm nicht mehr fröhlich wie in vergangenen Tagen entgegen kam. Es entging ihr nicht, wie sorglich die Blicke der Mutter auf ihr ruhten, wie ängstlich die Eltern danach spähten, einen Strahl der alten Lebenslust in der Seele ihres Kindes zu entdecken; sie hätte sie selber suchen, finden mögen, neuen Mut und neues Wollen und Streben; aber woher sollten sie ihr kommen in dem Gefühle ihrer Erniedrigung und Herzgebrochenheit?
Traurig, den Kopf auf die schmale, weisse Hand gestützt, sass sie eines Abends an dem Fenster ihrer stube. Draussen war das Wetter schlecht. Es war noch früh im Jahre, ein kalter Wind jagte den Regen schräg durch die Luft und warf ihn klatschend zur Erde. In den grossen lachen spiegelten sich die Lichter der Laternen, welche die Leute, die unter ihren Schirmen in das Teater gingen, sich vortragen liessen. Es war eine Schauspieler-Gesellschaft angekommen, welche für einige Monate Vorstellungen geben sollte und dieselben gestern mit der Aufführung von Schiller's "Fiesco" begonnen hatte. Kein Gebildeter hatte bei diesem Anlass fehlen dürfen, auch Seba hatte der Darstellung beigewohnt, und Verrina's: "Was tat jener eisgraue Römer, als man seine Tochter auch so – wie nenn' ich's nur – auch so artig fand?" lag noch schwer auf ihrer Seele.
Sie war von Herzen traurig, sie konnte nicht deutlich denken, nur dass sie müde, bis zum tod leidensmüde sei, das fühlte sie mit dumpfer Schwere. Sie hatte keinen religiösen Glauben, an dem sie sich erheben, keine Kirche, in der sie beten konnte, denn der Cultus, dem sie durch ihre Geburt angehörte, war ihr fremd geblieben; sie hatte keinen verschwiegenen Beichtvater, dem sie sich anvertrauen konnte, sie hatte keinen Erlöser, an den sie sich wenden konnte. Sie war ganz allein, ohne eine Stütze, ohne einen anderen Halt, allein mit der unverbrüchlichen Wahrhaftigkeit des eigenen Gewissens, die ihr sagte, dass sie gefehlt, dass sie sich entehrt habe vor den Menschen und mehr noch vor sich selber, und dass kein fremder Trost und keine fremde hülfe von