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, auch früher oder später glücklich werden wird. Nehmen Sie dagegen mich und unsern Paul! Was habe ich nicht Alles für den Knaben schon getan, und Alles das umsonst! Nur an Seba hängt er und an meinem mann, als wäre ich gar nicht daund im grund ist das noch das Wenigste!

Sie machte eine Pause, wollte verschweigen, was sie drückte, konnte dann aber doch nach Frauenart der Lust nicht widerstehen, einmal ihr Herz recht gründlich auszuschütten. Es trifft Alles so schlimm zusammen, – sagte sie fast gegen ihren Willen, – so schlimm, als sollte mir grade jetzt von allen Seiten Verdruss und sorge bereitet werden. Nicht genug, dass der Knabe immer verschlossener wird, dass ich mir Seba's Kummer zu Herzen nehme, habe ich mich eben in diesen Tagen auch mit unserem alten, guten Freunde und gönner, dem Präsidenten, erzürnen müssen.

Mit dem Herrn Präsidenten? fragte näher rückend Madame Flies, die seit der ganzen Reihe von Jahren gewohnt war, den alten Herrn täglich zu seiner Freundin gehen zu sehen. Wie ist das denn zugegangen?

Weiss ich's? rief die Kriegsrätin und knüpfte, weil ihr warm wurde, das Band auf, mit welchem ihre Flatteuse unter dem Kinn zugebunden und das mit einem Liebesknoten an dem Brustlatze befestigt war. Elf runde Jahre ist er bei uns ein und aus gegangen; wir waren so an einander gewöhnt, er, mein Mann und ich; wir wussten, wie wir einander zu nehmen und wie weit wir auf einander zu rechnen hatten; da bringt ein unglücklicher Zufall dem guten Präsidenten ein Billet in die hände ....

Ein Billetja, was denn für ein Billet? forschte die Andere, deren Augen vor Ungeduld und Neugier zu funkeln begannen.

Ach, ein Billet des Hauptmannesein Billet, das er mir am Tage nach der Rückkehr schriebdie Kriegsrätin lächelte und wendete den Kopf nach dem Spiegel, der zwischen den beiden Fenstern hingein Billet, wie jede halbwegs angenehme Frau deren unzählige erhält! Ein paar Verse, wie er sie mir, seit er damals hier war, bisweilen schickte, reine Poesie. Ich hatte sie nicht beachtet, sie vergessen, sie lagen in meinem Nähtischchen, da fand sie der Präsident ....

Da fand sie der Herr Präsident? wiederholte Madame Flies.

Ja, rief Laura, die in ihrem Verdrusse die verwunderte Frage der Anderen gar nicht beachtete; und stellen Sie sich vor, aus diesem ganz gleichgültigen Briefe macht er mir ein Verbrechen. Er erlaubte sich, mich zu beschuldigen, verlangte Erklärungen, als wäre ich ein Kind und nicht eine Frau, die weiss, was sie zu tun hat.

Madame Flies wurde stutzig. In Bezug auf die eheliche Treue verstand sie keinen Spass. Aber wie kamen denn der Herr Präsident darauf und was sagen der Herr Kriegsrat dazu? fragte sie bedenklich.

O, der ahnt davon noch gar nichts, der würde mir es nicht vergeben!

hören Sie, brach nun Madame Flies plötzlich aus, hören Sie, liebe, gute Frau, das kann ich ihm auch nicht verdenken! Sie wissen, wie viel ich von Ihnen halte, liebe Frau Kriegsrätin, aber Verse, heimliche, jahrelange Verse an eine verheiratete Frau .... Sie brach ab, schüttelte das Haupt, dass die echten Kanten von ihrem Kopfzeuge ihr tief auf die Stirn niederfielen, und reichte, als wolle sie gut machen, was sie notgedrungen hatte sagen müssen, ihrer Freundin, obschon dieselbe sich eben erst bedient, noch einmal die silberne Zuckerschale mit einem freundlichen: Ist's gefällig? hin.

Die schöne Laura lachte plötzlich ganz hell auf, und sie sah wirklich noch sehr hübsch aus, wenn sie lachend die weissen Zähne und die tiefen Grübchen in den vollen Wangen sichtbar werden liess. Sie meinen, um die Verse kümmere sich mein Mann? Gott bewahre, das hat ja gar nichts auf sich! Verse an seine Frau, die werden doch einen verständigen Mann nicht in Harnisch bringen, auf die muss jeder Mann gefasst sein, der sich eine junge und passabel hübsche Frau genommen hat. Aber dass ich unsern Präsidenten nicht zu menagiren, nicht nach seiner Weise zu behandeln wusste, das wird mein Mann mir nicht vergebenund ich vergebe mir es selber nicht!

Der Herr Präsident sind des Herrn Kriegsrates Chef! bemerkte Madame Flies, um doch etwas zu sagen, da die Heiterkeit der Anderen ihr noch weniger gefiel.

Ja, freilich, das ist's ja eben, bekräftigte Laura, sich besinnend, mit ganz verändertem Tone, da sie die zweifelhafte Miene ihrer Hauswirtin bemerkte. Das ist es eben, wir sind abhängig von ihm! Sie machte eine Pause, als sinne sie über diese ihre bedenkliche Lage nach, bis sie seufzend ausrief: Und wir haben kein Vermögen! – Sie hielt abermals inne, sah ihre Freundin prüfend an und sagte dann ernst und niedergeschlagen: Sie, die Sie reich sind, die Sie freie Hand in Ihres Mannes Casse haben, Sie können gar nicht wissen, wie schwer in diesen zeiten das Auskommen für den Beamten ist. Jedes zu Ende gehende Quartal hat seine Notwendigkeiten, jedes beginnende macht seine Ansprüche; die Rechnungen kommen, die täglichen Ausgaben laufen fort, man muss nach aussen anständig auftreten, wie man sich in seinem haus auch beschränkt, die Miete ist zu zahlenSie glauben nicht, welche Verlegenheiten