hart ankommt!
Die Worte, mehr noch der Ausdruck, mit welchem sie dieselben sprach, bewegten ihn. Er wollte sie um Vergebung bitten, ihr eine Freundlichkeit erwidern, indess er konnte es in diesem Augenblicke nicht. Sie sind recht gut, Eva! sagte er, indem er ihr die Hand gab.
Was nützt das, wenn ich Ihnen nicht helfen kann? entgegnete sie, indem sie sich von ihm losmachte und sich entfernte. Es war bei ihr immer, in Fröhlichkeit und Betrübniss, derselbe gute und werktätige Sinn; aber es war Herbert doch erwünscht, allein zu sein. Er konnte eben jetzt keine hülfe und keine Gesellschaft brauchen.
Er ging auf sein Zimmer und an seine Arbeit, denn arbeiten, vorwärts kommen, hiess jetzt für ihn, seiner Freiheit näher rücken. Aber wie er den Sinn auch auf die Verknüpfung der Linien und Zahlen richtete, es brannte immer in seinem inneren: Sie haben dich, weil sie dich nicht für ihres Gleichen halten, nicht nach deiner Ehre, sie haben dich wie eine Sache behandelt, die man aufnimmt oder liegen lässt, je nach Belieben! – Und je länger er das dachte, um so öfter richtete sein blick sich nach Frankreich hinüber, und er fragte sich: Wann wird denn die Stunde schlagen, die auch hier den Hochmütigen den Nacken beugt? –
Sie standen ihm dabei immer vor Augen, die kleine, vornehm lächelnde Herzogin und der in Selbstgefälligkeit strahlende Marquis: beide flüchtig, beide das Gnadenbrod der Fremde essend und beide so ungebeugt, so sicher in dem Glauben an die unvergängliche Ueberlegenheit ihres Wesens und ihres Blutes, dass der Hass gegen dieses alte Blut in Herbert entbrannte und es ihm vorkam, als könne er dieses Blut kalten Auges vergiessen sehen, als könne er sie sterben sehen, sie Alle mit einander: den hochgemuteten Freiherrn, die zarte Herzogin, den fröhlichen Marquis, und auch sie, die schöne, lächelnde Baronin, wenn er ihnen damit nur die Erinnerung zu nehmen vermochte, wie sie ihn geflissentlich beleidigt, wie gedemütigt er von ihnen gegangen war. Er hasste sie nicht nur für dasjenige, was sie ihm zugefügt, sondern mehr noch desshalb, weil er's ertragen hatte und weil er in ihrem Dienste fortarbeiten musste, um seiner Pflicht nachzukommen, welche jenen gegenüber seine einzige Ehre war. Er hasste sie!
Zehntes Capitel
Der Feldzug, zu welchem die Regimenter so fröhlich aus der Hauptstadt ausmarschirt waren, hatte nicht lange gewährt und war ein fruchtloses, ja, ein unheilvolles Unternehmen gewesen sowohl für diejenigen, denen er helfen und dienen, als auch für jene Anderen, welche die hülfe hatten bringen sollen. Die Revolution war in Frankreich immer energischer und siegreich vorwärts geschritten, und kleinlaut waren die Truppen der Coalition in ihre Standquartiere und Garnisonen zurückgekehrt.
Graf Gerhard, dem es an persönlichem Mute nicht gebrach und dem seine kräftige Gesundheit zu Statten gekommen, wo viele seiner Cameraden Krankheit und Tod gefunden, war als Rittmeister aus dem Feldzuge nach der Champagne heimgekehrt. Sein Regiment hatte seiner Zeit auch wieder mehrere Tage in der Hauptstadt der Provinz verweilt, aber der Graf hatte gleich nach dem Einrücken Urlaub genommen und sich zu seinen Eltern nach Berka begeben. Er hatte die Familie Flies nicht aufgesucht, auch zu der Kriegsrätin war er nicht gegangen. Seba erfuhr das gleich, obschon sie ihren Verkehr mit derselben bedeutend eingeschränkt hatte und obschon auch der Vater noch weniger als sonst Behagen an der Freundschaft zu finden schien, welche die Mutter noch immer mit der Frau seines Mieters unterhielt.
Gott soll mich bewahren, dass ich Sie anklage, teuerste Frau Kriegsrätin, sagte Madame Flies eines Nachmittags, als diese auf eine Tasse Kaffee zu ihrer Wirtin gekommen war – Gott soll mich bewahren, dass ich Sie verkenne; Sie haben es sehr gut mit uns gemeint, aber der Mensch denkt und Gott lenkt!
Es ist mir freilich immer derselbe Kummer, meinte Laura, indem sie wohlgefällig den silbernen Kaffeelöffel ihrer Wirtin in der Hand wog, der doppelt so schwer war, als die ihrigen, dass ich die unschuldige Veranlassung zu Seba's Liebe für den Grafen gewesen bin, aber es geht ja wieder besser mit ihr. Sie ist wirklich schöner als je, und sie schlägt es sich ja endlich auch wieder aus dem Sinne.
Die Mutter zuckte die Schultern. Glauben Sie das nicht, liebe Frau Kriegsrätin, Seba hat des Vaters Kopf! Die vergisst nicht, was sie einmal gewollt hat; und wenn sie auch wieder munter ist vor den Leuten und wenn sie auch schön ist wie sonst, – Sie sollten sie nur sehen, wenn sie sich unbeachtet glaubt! Seba hat ihre Taubenaugen, ihre sanften Kinderaugen nicht mehr!
Wie traurig ist das! rief die Andere mit jenem kühlen Bedauern der Gleichgültigkeit, das der Leidende als eine schwere Beleidigung empfinden würde, wäre er nicht in der Regel zu sehr in sich versunken, um darauf zu achten. Die Kriegsrätin aber glaubte der Teilnahme, die man von ihr fordern konnte, mit jenem Ausruf vollauf genügt zu haben, und da man der fremden Klage am leichtesten ledig wird, wenn man selbst zu klagen beginnt, wiederholte sie mit einem Seufzer ihr: Wie traurig! und fügte dann eilig und lebhaft hinzu: Aber es trägt ja Jedermann von uns sein teil, liebste Flies, und was Sie leiden, leiden Sie mit Ihrem eigenen kind, das ja jung und schön ist, und da Sie reich sind und ihm Alles gewähren können