zuversichtlich: Nichts da! Die vornehmen Nücken kennen wir! Sie dort und wir hier! Guter Dienst und gutes Recht! Wir sind uns hier selber genug!
Herbert hörte ihm mit einer heimlichen Beschämung zu. Es war, als sprächen sein eingeschläfertes Gewissen, seine heimliche Einsicht selbst zu ihm, und zu seiner eigenen Beruhigung sagte er: Ich sehne mich eigentlich auch danach, dieses Contractes und des ganzen Verhältnisses, an das ich mit so gutem Glauben gegangen bin, erst wieder ledig zu werden.
Der Amtmann schüttelte mit verneinendem Lächeln den Kopf. Herbert fragte, ob er an der Wahrheit dieser Worte zweifle. Nein, versetzte Jener, dass Sie es in diesem Augenblick wünschen, daran zweifle ich nicht, aber Sie kommen nicht los. Der Freiherr ist ein Mann von Wort, das muss man ihm lassen, und wie er selbst sein Wort hält, so besteht er darauf, dass ihm Wort gehalten werde. Freiwillig entlässt er Sie Ihres Contractes nicht, und contractbrüchig werden Sie doch schliesslich auch nicht heissen und nicht werden wollen!
Sie sprachen hin und her; der Baumeister verriet nichts von dem, was ihm widerfahren war, aber der Amtmann, welcher gut zu fragen und zu hören wusste, kam durch einzelne Aeusserungen Herbert's ziemlich auf die rechte Spur, und was er von dem Freiherrn auch Gutes sagen mochte, seine Worte trugen doch alle das Gepräge der Abneigung, welche er gegen die Herrschaften hier in der Gegend, wie er den Adel nannte, in sich hegte. Selbst in Eva sprach sich die gleiche Gesinnung aus, und wenn der Amtmann sich mehr an das Allgemeine hielt, so wusste Eva so viel kleine Züge von der Selbstsucht und dem Stolze, den Galanterieen und den Liebesabenteuern der adeligen Damen zu erzählen, wie sie als Gerüchte von einem Amtause in das andere getragen wurden, dass Herbert den letzten Rest des sanften Zaubers schwinden fühlte, in welchem sein verhältnis zu dem freiherrlichen haus und zu Angelika ihm erschienen war. Er begann sich in seinem inneren einen eiteln Toren, einen schwachherzigen Neuling zu schelten. Er malte es sich aus, wie man ihn im schloss jetzt geringschätzig verlachen möge, und während der Amtmann und seine Schwester mit Vergnügen davon sprachen, dass sie Herbert nun bei sich behalten würden, während sie ihm vorschlugen, wie er es sich bei ihnen bequem machen könne, dachte er nur daran, überhaupt aus der Gegend fortzukommen. Eva's zuversichtliche Beteuerung, dass er bleiben werde, weil ihr Bruder gesagt habe, dass er bleiben müsse, steigerte seine sehnsucht, sich loszureissen. Er konnte den Augenblick bis zur Rückkehr des Boten kaum erwarten, und mitten in dem Plaudern von Eva und trotz der Unterhaltung mit dem Amtmanne war er innerlich nur damit beschäftigt, sich die Art und Weise vorzustellen, in welcher der Freiherr in die Aufhebung des Contractes willigen und ihm seine Entlassung zugestehen werde.
Es fiel ihm schwer, bei Eva vor der tür sitzen zu bleiben, als er den Knecht am Nachmittag über den Hof kommen sah; selbst Eva wurde unruhig über die Langsamkeit, mit welcher derselbe die Weste aufknöpfte, unter der er das Schreiben des baron, welches er der Vorsicht wegen noch mit seinem Tuche umwickelt hatte, hervorzog. Aber schon der Anblick dieses Schreibens machte Herbert betroffen. Es war ein kleines Blättchen, leicht zusammengelegt, wie man es einem Untergebenen als Anweis oder mit einem Befehle wohl einmal sendet; und wie sein Aeusseres war auch der Ton, in dem es gehalten.
"Machen Sie sich keine sorge", schrieb der Baron. "Ich bin durchaus nicht unzufrieden mit Ihnen und Ihren Leistungen, im Gegenteil! Ich pflege auch nicht aufzugeben, was ich unternehme, und erwarte das Gleiche von jedem mann, der sich zu respectiren weiss. Bleiben Sie also ruhig in Rotenfeld, das ist Ihrem Werke sicher förderlich, besonders da Sie Steinert zur Hand haben. Wegen meines anderen Vorhabens sprechen wir bald das Nähere. Ich werde Sie in den nächsten Tagen benachrichtigen und Zeit und Stunde bestimmen."
Das war Alles. Der Brief trug keine Anrede und keine Unterschrift, als das mit langem zug versehene A., mit welchem der Freiherr wie ein König die Erlasse an den Amtmann zu unterzeichnen pflegte. Er behandelte Herbert, als sei gar nichts vorgegangen, als habe nie eine andere als die geschäftliche Beziehung zwischen diesem und dem freiherrlichen haus Statt gefunden, als könne des jungen Mannes Wunsch, sich von der ihm aufgetragenen Arbeit zurückzuziehen, gar keine andere Ursache haben, als seine Besorgniss, dass der Freiherr mit seinen Leistungen nicht zufrieden sei. Eine Zurechtweisung, eine Anmahnung zur Pflichterfüllung entielt das Schreiben, kein Wort der Begütigung, wie die Einleitung von Herbert's Brief sie forderte, wenn man ihn festzuhalten wünschte und ihn nicht hatte kränken wollen. Er las den Brief noch einmal und noch einmal. Es war die schwerste Demütigung, welche er empfangen hatte! Eva, die ihn während des Lesens genau beobachtete, hatte bemerkt, dass er blass geworden war. Ihre grossen Augen hingen ernst an seinen Mienen.
Nun? fragte sie, da er das Schreiben schweigend in die tasche steckte.
Ich bleibe hier! gab er ihr zur Antwort.
Ihr Gesicht erhellte sich, sie hob die hände empor, um sie vor Vergnügen zusammen zu schlagen, liess sie aber, als sie in sein verstörtes Antlitz blickte, eben so schnell wieder sinken und meinte kleinlaut: Das tut mir leid, wenn es Ihnen so