befreien ihm für den Augenblick als das Notwendigste erschien. In dieser Stimmung ergriff er die Feder auf das Neue.
"Hochgeborener Herr Baron!" – schrieb er – "Eure Gnaden haben mich heute mit Recht und sehr zur Zeit daran erinnert, dass ich nur um einer Arbeit willen und als Künstler nach Richten gekommen bin. Diese Arbeit zu vollenden, mit ihr den gerechten Ansprüchen und Erwartungen Eurer Gnaden nach besten Kräften zu entsprechen, ist mir eine Ehren- und Gewissenssache gewesen, und die huldvolle Güte wie die Zufriedenheit Eurer Gnaden haben mir bisher guten Mut und Aufmunterung gegeben. Zu meinem grossen Bedauern habe ich aber die Bemerkung machen müssen, dass Sie mir Ihre Zufriedenheit entzogen haben, und ich möchte Ihnen weder mit meinen Diensten noch mit meiner person beschwerlich fallen, wenn beide aufgehört haben, Ihnen genehm zu sein. Erlauben Eure Gnaden mir also die Versicherung, dass ich bereit bin, Ihnen alle von mir gemachten Pläne und Detailzeichnungen zur Verfügung zu stellen, falls es Ihnen aus irgend einem grund wünschenswert sein sollte, den Bau durch einen anderen Baumeister fortführen und vollenden zu lassen. Ich wage wohl keine vergebene Bitte, wenn ich Eure Gnaden ersuche, mich Ihre Entscheidung nicht lange erwarten zu lassen."
Er siegelte den Brief und bat Eva, ihm einen Boten zu schaffen, der denselben nach dem schloss trage. Als er das Schreiben unterwegs wusste, wurde ihm leichter um das Herz. Weil er den ersten Schritt zu seiner Befreiung getan hatte, glaubte er schon frei zu sein, und nun erst loderte sein Zorn gegen Angelika und den Freiherrn rein und hell empor. Jetzt, da er sich nicht mehr um das Wesshalb der erlittenen Beleidigung kümmerte, sondern sich nur der Tatsache gegenüberstellte, erwachte in ihm das Selbstgefühl, welches überall verloren geht, wo man sich mit den Andern mehr, als sie verdienen, zu schaffen macht.
Er verliess sein Zimmer und ging, ohne bestimmte Absicht, hinunter in das Haus. Der Amtmann war zurückgekehrt; Eva rüstete in dem kühlen Hausflur den Mittagstisch. Sie hatte den Bruder von Herbert's Ankunft schon in Kenntniss gesetzt, und dieser trat ihm mit der Frage entgegen, was es gegeben habe.
Herbert fühlte keinen Beruf, ihm die ganze Wahrheit mitzuteilen. Es widerstrebte ihm, dem Amtmann die Schwere des ihm geschehenen Unrechtes einzugestehen, da er es ohne Vergeltung hinzunehmen hatte, und eben so wenig konnte und durfte er seine Gastfreunde ahnen lassen, wie es um ihn und um sein neuliches Erlebniss mit der Baronin stand. Er berichtigte also nur, dass man ihn, gegen die frühere Weise, kalt, ja dass man ihn ungebührlich behandelt habe, und dass und was er dem Baron geschrieben.
Der Amtmann hörte ihm ruhig zu und sagte dann mit einem Lächeln, das seinem gescheiten gesicht einen noch grösseren Ausdruck von Klugheit gab: Ich hätte es Ihnen voraussagen können, wie es mit Ihnen kommen würde, Herr Baumeister. Es ist ein ordinäres Sprüchwort, aber wahr ist's darum nicht minder: "Es ist nicht gut mit den grossen Herren Kirschen essen!" Und, fügte er hinzu, um wieder einmal vor dem Studirten seine eigene Bildung leuchten zu lassen, ich hab's oft zur Eva gesagt, es ist wie mit den Granatäpfeln in der Mytologie; man muss nichts von den Herrschaften geschenkt nehmen, wenn man mit ihnen durchkommen und frei bleiben will.
Das sagen Sie, dessen Familie dem freiherrlichen haus seit Menschenaltern dient? wendete Herbert ein.
Das sage ich Ihnen eben desshalb; denn wir haben unsere Manier probat gefunden von Vater auf Sohn. Seine Schuldigkeit tun, seinen Lohn empfangen, nichts darunter, nichts darüber, und Herr und Diener sein, rein weg!
Herbert fragte, ob denn der Freiherr oder die Baronin dem Amtmann ebenfalls gelegenheit zur Unzufriedenheit gegeben hätten.
Nicht dass ich's sagen könnte, meinte dieser. Aber das hat sich bei uns so fortgeerbt von Einem auf den Andern, es ist unsere Bauernweisheit! Wir kennen hierlandes den Grund und Boden und die Leute, und wir kennen auch unsere herrschaft und den Adel rund herum! Sie sind Einer wie der Andere!
Eva meinte, die Herrschaften könnten aber doch sehr freundlich sein und hätten sich ja auch gegen den Bruder und gegen sie stets so gezeigt.
O ja, rief der Amtmann, aber es würde bald damit aus gewesen sein, hätte ich mich darauf eingelassen, wie sie's mit Dir und mir versuchten! Heute hiess es, weil ich denn doch dies oder jenes mehr gelernt hätte, als es sonst hier im amt zu geschehen pflegte, so könnte ich dem Herrn Baron wohl bei der oder jener Arbeit helfen, nicht als Diener, Gott bewahre! nur weil er mich leiden und mich um sich haben möchte! Und morgen meinten sie, die Eva sähe gut aus und hätte recht anständige Manieren; sie könnte also, wenn sie wollte, bisweilen auf das Schloss kommen und der Frau Baronin etwas vorlesen und mancherlei im schloss annehmen und lernen. Aber wir kennen das! Für einen Finger, den sie uns reichen, wenn sie Lust und Langeweile haben, verlangen sie gelegentlich die ganze Hand von uns, und will man sich dann dafür auch einmal an ihrer Hand halten, so wird's ihnen gleich zu viel, und sie ziehen die Hand zurück und nehmen's uns noch übel, dass wir ihnen die Mühe machen, uns abzustossen! – Er lachte dabei und sagte