den Charakter und den Seelenzustand seiner Geliebten beurteilt hatte und wie gründlich er Paulinen's religiöses Bewusstsein untergraben, als sie, durch die Vorstellungen des Pfarrers angeregt, über ihr verhältnis zu dem Baron unsicher geworden war, und Reue gefühlt haben mochte. Jetzt, da derselbe sie, wenn auch mit Bedauern, zu entfernen beabsichtigte, wünschte er allerdings, sie gläubig und unter dem Einflusse sittlicher Begriffe zu finden, um sie auf einen höheren Trost und eine innere Belohnung verweisen zu dürfen; aber der Geistliche kannte das Menschenherz genugsam, um ihm irgend eine Sammlung oder Erhebung zuzumuten, wenn es sich so bedrängt und so im Aufruhr befindet. Alles, was er daher in diesem Augenblicke anstreben konnte, war, Pauline über denselben fortzuhelfen und sie zu der Entfernung zu bestimmen, die ihm für alle Teile unerlässlich schien. War das erreicht, so konnte man nachher versuchen, ein neues Leben in der Verlassenen aufzuerbauen und sie auf den Weg zu leiten, auf welchem nach der überzeugung des Geistlichen allein Heil und Trost für sie zu finden war.
Du willst hier bleiben, Pauline, sprach er, und ich begreife es, dass Du dieses wünschest. Aber hast Du Dir auch bedacht, was Dir hier bevorsteht? Er machte eine kurze Pause und sagte danach im Tone ruhiger Erzählung: Heute in vierzehn Tagen, in drei Wochen, wird vielleicht die Frau Baronin an der Seite des Herrn baron durch das Dorf fahren, und er wird ihr sagen, wer in diesem und wer in jenem haus wohnt, und er wird sie dann bitten, seinen Untertanen eine gütige Herrin, den Kindern des Dorfes eine Mutter zu sein, wie die selige gnädige Frau es Dir und allen Andern auch gewesen ist. – Und wieder schwieg er einen Moment, da er merkte, wie achtsam und gespannt sie seinen Worten folgte. Wenn der Herr Baron dann an Dein Haus kommen wird, fuhr er fort, indem er sie scharf dabei ansah, was soll er ihr dann sagen? Wenn sie Deinen Knaben sieht, was wird er von seiner Frau für denselben erbitten können, mit welchem Herzen wird er ihn in Zukunft betrachten? Und Du selbst, Pauline! Wünschest Du der Frau Baronin zu begegnen? Oder lüstet's Dich, Dich zu verbergen, wenn sie mit ihrem mann hier vorüberkommen wird? – Willst Du es hinter den Vorhängen Deines Fensters mit ansehen, wie der Baron vor Deiner Tür das Auge niederschlägt und den blick abwendet, wenn Dein Sohn ihm in den Weg tritt? – Willst Du den Knaben lehren, den Herrn Baron zu meiden, dem er jetzt zutrauensvoll seine arme entgegenstreckt? Und was soll Dein Sohn der Frau Baronin antworten, wenn sie ihn einmal fragen wird, wer er sei und wem er angehöre?
Pauline war schon lange von ihren Knieen aufgestanden. Bleicher und bleicher werdend, das Auge finster und starr auf den Fussboden gerichtet, hatte sie den Worten des Geistlichen zugehört. Das leise Zukken ihrer Lippen, das Zusammenziehen ihrer Augenbrauen verrieten, was in ihr vorging.
Ueberlege es Dir wohl, Pauline, hob er noch einmal an, überlege es Dir wohl, was Dein Verlangen, hier zu bleiben, Dir eintragen wird. Furcht, Schrecken, Eifersucht, Verzweiflung für Dich, Heuchelei und Lüge für den Knaben, Verachtung für Euch Beide, das ist es, was Du Dir hier bereiten willst, was Dein teil sein wird, bis der Kummer und die gerechte Forderung der Frau Baronin Dich früher oder später doch von hier forttreiben werden!
Nein, nein, das ist unmöglich! rief sie. Sie ist ja auch ein Weib! Wenn sie ein Herz hat, wird sie, muss sie Mitleid mit mir haben! – Und es schien, als gehe der Unglücklichen mit diesem Gedanken ein neuer Stern der Hoffnung auf.
Der Caplan schüttelte verneinend das Haupt. Du irrst Dich, sagte er; sie wird Deine Nähe fürchten, und was wir fürchten, das bemitleiden wir nicht, das beklagen wir nicht, das hassen wir viel eher!
O, ich hasse sie auch! stiess Pauline leidenschaftlich hervor, und ihre Augen funkelten in wildem Feuer.
Wie solltest Du nicht, da Du nur Dich im Auge hast, da Du nach Recht und Unrecht, nach Schuld und Unschuld nicht mehr fragst! sprach der Geistliche, einen neuen Weg zu Paulinen's Verstand und Herz versuchend.
Hochwürden! rief Pauline flehend.
Beharre in der Härtigkeit Deines Herzens! fuhr er fort, ohne ihren Ausruf zu beachten; weide Dich daran, das Leben der jungen, schuldlosen Gutsherrin zu beunruhigen; zwinge den Baron, sich immer wieder daran zu erinnern, was er gegen Dich und mit Dir gesündigt hat, verbittere ihm den Frieden der Ehe, die er eingehen will! Aber sage dann nicht, dass Du jemals Dankbarkeit, dass Du Liebe für ihn empfunden hast, dass etwas Anderes, als Dein eigenes Gelüsten und Deine Selbstsucht Dich ihm angeeignet haben! Der Zeitpunkt, verlass Dich darauf, wird dann nicht lange auf sich warten lassen, in welchem er mit Schrecken an Dich denken und, Selbstsucht gegen Selbstsucht setzend, sich berechtigt fühlen wird, auch ohne Deine Zustimmung Dich von hier fortzuschikken!
Und wenn ich gehe? fragte sie nach langem Schweigen; wenn ich gehe – und vergessen werde? – Sie barg ihr Gesicht in ihre hände, der Schmerz gewann wieder eine wohltätige herrschaft über die Erbitterung in ihr.
Du wirst nicht vergessen werden, kannst nicht