1864_Lewald_163_119.txt

ihm die Papiere, welche er herausnahm, behutsam an Ort und Stelle. Dann verliess sie ihn, aber man hätte in ihrer sorgenvollen Miene nicht das lachende Mädchen wiedererkannt, das es noch am verwichenen Tage allen andern an Munterkeit und Uebermut vorausgetan hatte. Noch unter der tür wendete sie sich nach ihm um. Sie sah, wie er im Zimmer auf und nieder ging, und wollte zu ihm zurückkehren; da er sie jedoch gar nicht beachtete, zog sie die tür leise zu und ging traurig von dannen und an ihre Arbeit.

Herbert setzte sich an den Schreibtisch nieder, aber wie er seinen Brief beginnen wollte, wurde er gewahr, dass er innerlich fassungslos und also nicht zu schreiben im stand sei. Er konnte das Erlebte nicht verstehen, obschon er sich jedes gesprochenen Wortes, jeder Miene und Wendung der verschiedenen Personen deutlich erinnerte. Es kam ihm Alles unglaublich vor, weil er es mit der Vergangenheit in keinen deutlichen Zusammenhang zu bringen wusste.

Das Eine stand fest, er hatte eine schwere Beleidigung empfangen, eine Beleidigung, für welche er Rechenschaft zu fordern hatte; indess die Art der Genugtuung, nach welcher er verlangte, konnte er, der bürgerliche Baumeister, von dem Freiherrn von Arten nicht begehren, weil er wusste, dass man sie ihm mit lachen verweigern würde. Herbert war von seinem Vater, der eine ansehnliche Kundschaft unter dem Adel besass und manchen gönner unter ihm zählte, in der achtung vor dem Adel auferzogen worden. Aber er hatte in seiner bürgerlich gesicherten Stellung und bei seiner freien Kunstbestrebung sich eben nicht viel um die Vorrechte des Adels gekümmert oder, wenn dies doch geschehen war, bisher nicht Ursache gehabt, sie ihm zu neiden. Jetzt stand er zum ersten Male vor den Schranken, welche den Bürgerlichen in seinem öffentlichen und in seinem privaten Leben von dem Edelmanne trennen, und er fand sie hoch genug, obschon man sie ihn bis auf diesen Tag nicht fühlen lassen. Er erinnerte sich, mit welcher verehrenden, von seinem Vater ererbten Voreingenommenheit für das freiherrlich von Arten'sche Haus er nach Richten gekommen und wie gütig man ihm von Anfang begegnet war. Man hatte ihn als einen Gast des Hauses, als den Sohn eines Freundes behandelt, man hatte ihn zu fesseln gesucht, hatte seine Neigung gewonnenund was hatte er denn getan, jetzt plötzlich eine so schnöde Behandlung zu erleiden? Wie war es möglich geworden, dass die Baronin sich derselben nicht nur nicht widersetzt, sondern recht eigentlich die Veranlassung dazu geboten hatte?

Er hatte Angelika bewundert, ja, er hatte sie zu lieben geglaubt. Aber war das ein Verbrechen, da er auf solche Neigung und Bewunderung keinen Anspruch gründete? Nur ihr eigenes Betragen, nur ihre eigene Hingebung hatten ihn ermutigt, ihr sein verehrendes Gefühl kund zu geben. Nur eines Wortes, nur eines Winkes von ihr hätte es bedurft, ihn schweigen zu machen und den Ausdruck der reinen, liebevollen Teilnahme zurückzuhalten, mit der er ihr an jenem Abende genaht war. Wodurch also verdiente er ihren Zorn? Wodurch hatte er die Verhöhnung verdient, die sie, sie allein ihm bereitet? Je länger er darüber nachdachte, desto zorniger wurde er, und doch fühlte er dabei immer, wie wert diese Menschen ihm geworden waren, die ihn so absichtlich zurückgestossen hatten, und wie schwer es ihm fiel, Böses von ihnen zu denken, von denen er sich bisher nur des Besten versehen.

Er hegte ein widerwilliges Bestreben, sie zu rechtfertigen, weil es ihm zu schmerzlich war, von ihnen beleidigt zu sein. Er stellte sich vor, dass irgend ein Zufall, irgend ein unbemerkter Zeuge dem Freiherrn verraten habe, was zwischen Herbert und der Baronin vorgefallen sei, und er fand eine Genugtuung darin, sich selbst eine Schuld anzudichten, an welche er im inneren seines Herzens doch wieder nicht glaubte, nur um das Verhalten des Freiherrn und Angelika's weniger hart und ungerecht nennen zu dürfen. Er hielt sich vor, dass er die Eifersucht des Freiherrn erregt, dass ein Zerwürfniss und eine Versöhnung zwischen den Eheleuten Statt gefunden haben müsse, weil er sich daraus die Zärtlichkeit Angelika's für ihren Gatten herzuleiten wünschte. Aber wie sollte er diese wieder zusammenreimen mit der scherzend herausfordernden Weise, mit welcher sie ihm entgegengetreten war? Keine seiner Voraussetzungen bot eine völlig genügende Erklärung dar, keine seiner Empfindungen war rein, alle waren sie gebrochen, und, empört gegen den Freiherrn, gegen Angelika und gegen sich selber, rief er endlich aus: Sie haben mir sogar den Zorn genommen und den Hass!

Bald wollte er der Baronin schreiben, bald dem Baron, um von ihnen eine Aufklärung zu heischen und sich über die Herzens- und Ehrenkränkung zu beschweren, die man ihm zugefügt hatte; aber wo man sich mit den Personen, mit denen man zu tun hat, nicht auf gleichem gesellschaftlichem Boden befindet, wird selbst das Zugeständniss einer begehrten Gerechtigkeit zu einer freiwilligen Gunstbezeigung, und eine solche von dem Freiherrn anzunehmen, war ihm das Widerstrebendste. Dazu band ihn sein Contract, den er nicht ohne Wortbruch lösen konnte, an den zeitweiligen Dienst des Freiherrn; der Bau stieg edel und schön empor, und Herbert war Künstler genug, ein begonnenes und so bedeutendes Werk nur mit höchstem Widerstreben zu verlassen; indess die Aussicht, eben um dieses Baues willen mit der freiherrlichen Familie nach den heutigen Vorgängen doch in fortgesetzter Berührung bleiben zu sollen, war ihm so quälend, dass sich von dieser Abhängigkeit zu