einer Trübsal und vor der tür eines Glückes, und doch war und blieb er unruhig und gequält wie nie zuvor.
Die andern Gäste brachen ebenfalls in der Frühe auf; sie wollten teils vor der Mittagshitze, teils vor Abend in ihrer Heimat sein. Ihn nötigten die beiden Geschwister noch zum Verweilen. Der Amtmann sagte, er müsse gegen zehn Uhr nach dem schloss und sie könnten mitsammen hinaufreiten. Es sei Zeit genug, da der Baron nicht früh aufstehe und vor dem Frühstücke niemals ein Geschäft abmache. Aber Herbert war nicht zu halten, und als Eva ihm dies übel nahm und mit ihm schmollte und ihn kalt entliess, war ihm das lieber als die Zuversicht, mit welcher sie sich gestern an ihn gewendet hatte.
Achtes Capitel
Es war noch Alles still, da er nach Richten kam. Er ging die grosse Mittelallee hinauf, die durch den ganzen Park führte, und bog erst in einen Seitenweg ab, als er meinte, vom schloss aus gesehen werden zu können. Er hätte gern vergessen machen mögen, dass er fort gewesen sei, weil er selbst die Ursache seines Fortgehens zu vergessen wünschte. Wie er nun durch die sauber gehaltenen Wege wandelte, durch deren blühende Büsche die Sonnenstrahlen ihre schmalen, goldenen Lichtstreifen warfen, kam ihm die Stille, kam ihm die Einsamkeit so wonnig entgegen. Noch hatte er den Kopf voll von den Menuetten, den Anglaisen und den Schleifern, welche die Mädchen gestern wohl oder übel auf dem Spinett gespielt und nach denen er sich mit ihnen im Kreise herumgedreht hatte. Er freute sich, dass die Baronin dies nicht gesehen hatte, und er schämte sich dessen sogar. Es erschien ihm hier in Richten noch viel unbegreiflicher, dass er gestern tanzen – sich mit Anderen hatte vergnügen können, während Angelika's Bild in seinem Herzen wohnte und während sie – es konnte gar nicht anders sein – an ihn gedachte, dem sie ihren Schmerz gezeigt, auf dessen Teilnahme sie vielleicht ihre Hoffnung, ihren Trost gebaut, mit dem sie selbst sich durch die Worte: Dort oben dürfen wir keine Capelle bauen! zu einem innigen Geheimnisse verbunden hatte.
Wie war es zugegangen, dass er dies Alles vergessen, wie hatte die natürliche Zurückhaltung einer reinen, schönen Seele, wie hatten die dreisten Aeusserungen des Amtmannes, der in seiner Derbheit die Worte niemals ängstlich abwog, ihn irre machen können an seinem eigenen Empfinden und irre machen können selbst an ihr, der hehrsten Frauengestalt, die ihm noch je begegnet, der er je genaht war? –
So trat er in das Schloss und in sein Zimmer. Die Dienerschaft empfing ihn wie Einen, der hier heimisch war. Herbert erkundigte sich, ob die herrschaft etwa nach ihm gefragt habe. Man verneinte es, und er gab die Weisung, dem Herrn Baron zu sagen, dass er zurückgekehrt wäre und seine Befehle erwarte.
Das Zimmer, welches die Baronin bewohnte, lag über dem seinen. Er hörte oben die Fenster öffnen, die Sommerladen schliessen, die Tische rücken. Er dachte, ob sie schon wach sein möge, und auf jedes leise Geräusch achtend, fühlte er sich ihr nahe und durch diese Nähe weich gestimmt. Sich zu beruhigen, setzte er sich vor dem Tische nieder, auf welchem seine Zeichnungen und Plane ausgebreitet lagen, denn für Angelika und ihre Absichten arbeiten, hiess ja auch bei ihr sein; und eben hatte er sich gelobt, dass nichts ihn so leicht wieder von ihr und ihrem Dienste abwendig machen solle, als einer der Diener ihn ersuchen kam, sich in das Frühstückszimmer hinauf zu bemühen, da die herrschaft ihn zu sprechen wünsche.
Herbert war nicht sicher, wer ihn hatte rufen lassen, und mochte doch nicht danach fragen. Bewegt stieg er die Treppe hinauf; er wünschte und hoffte, die Baronin vielleicht allein zu treffen, aber nicht sie, sondern der Freiherr war es, der ihn erwartete.
Er hiess ihn willkommen, fragte, ob er sich gehörig in der Gegend umgesehen habe, und liess ihm dann, obschon er ihm mit gewohnter Güte begegnete, doch nicht zur Antwort Zeit, sondern ging gleich zu der Angelegenheit über, wegen welcher er ihn hatte kommen lassen.
Mit unserem Capellenbau ist es nichts, mein lieber Herbert, sagte er heiter, als habe er gar niemals irgend einen Wert auf diesen Plan gelegt und nicht von dem Architekten bereits die eingehendsten und ausführlichsten arbeiten dafür beansprucht. Die Baronin will davon nichts hören, und da guter Rat über Nacht kommt, so habe ich den Gedanken selber aufgegeben, ohne desshalb auf eine Verzierung der Höhe zu verzichten, die Sie mir provisorisch vielleicht noch in diesem Herbste zu stand bringen müssen. Ich denke da oben nämlich einen Pavillon zu errichten.
Einen Pavillon? fragte Herbert überrascht.
Ja, mein Lieber, einen Pavillon, etwa in Tempelform, der eine schöne Aussicht bietet. Man könnte ihn der Flora, der Pomona, der Freundschaft weihen – das findet sich! Entwerfen Sie mir einmal eine Zeichnung dazu. Sie können die Sache so viel als möglich Ihren früheren Absichten annähern, um die Harmonie mit dem Style der Kirche aufrecht zu erhalten, die wir herzustellen wünschten; nur muss das Ganze natürlich auf den bestmöglichen Effect berechnet werden.
Herbert wagte es nicht, die Frage zu tun, welche ihm in diesem Augenblicke vor allem Anderen am Herzen lag, die Frage, ob es Angelika gewesen sei, welche den Vorschlag zu dem Pavillonbau getan hatte. Er glaubte, nur sie