1864_Lewald_163_115.txt

vollauf und Jedem sollte es wohl sein in dem haus, da man so liebe Gäste und des Jahres Erntesegen nun auch wieder einmal in den Scheunen hatte.

Vom heutigen Danktage in der Kirche war freilich im Amtofe nicht viel zu merken. Aber der Pfarrer selber drückte ein Auge zu. Er hatte seine Absichten mit Eva, und sie gefiel ihm, wenn sie sich in Haus und Küche also regte und bewegte. Auch Herbert fand sie immer reizender in ihrer fröhlichen Geschäftigkeit. Er bot ihr seine Dienste an, sie wusste dieselben zu nutzen und, des Befehlens wohl gewohnt, ihn immer neben sich fest und immer in so guter Laune zu erhalten, dass er gar nichts sah und gar nichts denken konnte, als nur sie den lieben, langen Tag. Ihm war das aber recht und lieb, er verlangte es gar nicht besser.

Nur Abends, als er allein war, in der nächtlichen Stille, da kehrte es wieder, wundersam!

Da sah er sie plötzlich vor sich, die schöne, hehre Gestalt, da sah er es wieder, das sanft betränte Antlitz, und es zog ihn fort, es rief ihn von dannen, dass er nicht wusste, wie er hier verweilen könne, wie es ihm möglich gewesen sei, von dem Orte zu scheiden, an dem er ihr begegnen, sie sehen, ihr nahen konnte; wie es ihm möglich gewesen sei, ungleich und gering von ihr zu denken, von ihr!

Die Aufregung, in welche Eva's Reize und ihre natürliche Gefallsucht ihn versetzten, liess ihn nur mit gesteigertem Verlangen an die Baronin denken, und die Feindin der Wahrheit, die Entfernung, verwirrte seine Phantasie, bis die Bilder der beiden Frauenzimmer, wie unähnlich sie einander auch waren, sich zu mischen und Einzelheiten von einander zu entlehnen begannen, dass er Mühe hatte, es aus einander zu halten, was er mit der Einen, was er mit der Andern erlebt, was er der Einen, was er der Andern von seinen Eindrücken und Empfindungen verdankte und zollte. Aber alles Gute, alles Schöne wendete sich immer auf Angelika's Seite, und wie er sie in seinem Herzen angeschuldigt hatte, so fühlte er sich jetzt wieder schuldig gegen sie, je länger, je mehr.

Als sich ihm der zweite Tag in Rotenfeld zu Ende neigte und das junge Volk, welches in der nächsten Frühe das Amtaus verlassen und in die Stadt zurückkehren sollte, in seiner Fröhlichkeit nur immer weiter ging, als müsse nun in den letzten Stunden noch der Freude ihre Krone aufgesetzt werden, als man bei der Abendtafel, trotz des warmen Wetters, die Punschterrine auftrug und Eva mit lachenden Augen und mit ihren flinken Händen die Gläser immer auf's Neue füllte, bis die Alten ihre Trinklieder anstimmten und Chorus mit den Jungen sangen, und selbst die Pfarrerin und der Pfarrer die Polonaise, welche man in Vorschlag brachte, mittanzten durch die Stuben und den Flur bis in den Garten hinaus, wo der Amtmann endlich auf dem grünen platz vor dem haus die Cousine im Schleifer zu drehen begannda bemächtigte sich Herbert's eine grosse Traurigkeit. Er konnte sich nicht helfen, er wusste sich nicht zu finden, nicht zu raten.

Er hielt Eva im arme und tanzte mit ihr, die ihm mit ehrlicher Zuversicht in das Auge blickte, und er sagte sich: Wie schlecht bin ich, dieses liebe geschöpf nur als Zeitvertreib zu brauchen! Wie schlecht war es von mir, dass ich hieher ging, dass ich mich von ihr, von jener schönen, edlen Frau entfernte, die nicht so glücklich, ach, lange nicht so glücklich ist, als diese guten Menschen hier!

Er fühlte eine wahre sehnsucht, wieder in Richten zu sein. Was mochte die Baronin von ihm denken, dass er sie mied, da sie sich ihm zugeneigt hatte? Was sollte er ihr sagen, wenn sie ihn desshalb befragte? Wie es tragen, wenn sie ihm zürnte?

Seine Vorstellungen wechselten schnell, seine Zerstreuteit fiel zuletzt seiner Tänzerin auf, und es ging ihr wie Jedem, der von einem Gedanken vollständig beherrscht ist: sie setzte denselben auch bei dem Andern voraus.

Sehen Sie doch nicht traurig aus, rief sie plötzlich und arglos, wir bleiben ja hier beisammen, Sie reisen ja nicht wie die Andern fort!

Er hätte sich darüber freuen mögen, aber er konnte es nicht. Er besorgte, weiter gegangen zu sein, als er sich dessen bewusst war, Wünsche und Hoffnungen erregt zu haben, die er in diesem Augenblicke durchaus nicht teilte. Seine Ehrenhaftigkeit schreckte davor zurück. Er sagte, dass ja auch seines Bleibens hier nicht sei und dass auch er nicht eben lange mehr in dieser Gegend verweilen werde.

Um so besser, meinte sie, so hat man sich auf das Wiedersehen zu freuen, denn Sie kommen ja doch wieder!

Ihre Heiterkeit hielt ihm das Spiegelbild dessen vor, was er noch vor wenig Tagen selbst gewesen war. So gesund, so frisch, so zuversichtlich hatte er in die Ferne geblickt; jetzt konnte er sich nicht klar machen, was er fühlte, was er wünschte und was der nächste Tag ihm bringen würde. Er wusste kaum noch, wesshalb er von Richten fort, wesshalb er hieher gegangen sei. Es war Alles verwirrt in ihm.

Er schlief schlecht in der Nacht, und als er sich mit der Sonne erhob, rief er ein Gottlob! als stehe er am Ende